Aufklärung schützt vor sexueller Gewalt

Indem Eltern das schwierige Thema ausblenden, tun sie dem Kind keinen Gefallen.

Weder der Körper noch die damit verbundenen Gefühle sind Tabuthemen. Foto: icon0.com (Pexels)

Es gibt Themen, die möchte man als Eltern am liebsten ausblenden. Sexueller Missbrauch von Kindern ist so eines. Doch bloss weil wir es ignorieren, verschwindet ein Problem bekanntlich nicht. In besagtem Fall macht Wegschauen das Ganze sogar noch schlimmer. Denn nur wenn wir offen mit dem Nachwuchs über Sexualität reden, wachsen unsere Kinder zu selbstbewussten Persönlichkeiten heran, die wissen, wann sie sich wehren dürfen.

Bloss: Wie geht man als Mutter und Vater an das Thema heran? Zum Beispiel via Bilderbuch. Eines der bekanntesten ist «Mein Körper gehört mir!» von Dagmar Geisler, das gerade neu aufgelegt wurde zum 25-Jahr-Jubiläum. Das Buch ist für Kinder ab 5 Jahren geeignet und erklärt dem Nachwuchs in einfachen Bildern und Worten, dass keiner das Recht hat, meinen Körper zu berühren, wenn ich das selber nicht will.

Viele Eltern sind verunsichert

«Vor zwanzig Jahren war es allgemeiner Konsens, dass das Thema Sexualität mit Kindern behandelt werden soll. Und die Aufklärungsbücher dieser Zeit waren sehr explizit», erinnert sich Dagmar Geisler. Heute spüre sie eine grosse Verunsicherung bei vielen Eltern. «Ich führe diese zum Teil darauf zurück, dass durch die ständige Verfügbarkeit sexueller Themen in den elektronischen Medien der Wunsch entsteht, das Kind davor zu schützen.»

Viele Eltern versuchen deshalb, das Thema erst einmal ganz auszublenden. Damit tut man dem Kind allerdings keinen Gefallen. «Ein Kind, das möglichst früh in einer liebevollen Atmosphäre aufgeklärt wird, weiss, dass es bei diesem Thema vertrauensvolle Ansprechpartner hat, und ist dadurch besser geschützt», so die Autorin. Auch die Stiftung Kinderschutz Schweiz schreibt, dass Kinder «aus Familien mit strengem moralischem Klima, wo Sexualität tabuisiert wird, häufiger Opfer sexueller Ausbeutung werden als Mädchen und Jungen, die eine emanzipatorische Sexualerziehung erhielten».

Das bedeutet jedoch nicht, dass man einem Kindergärtler schon im Detail erklären muss, wie der Geschlechtsakt funktioniert. Vielmehr geht es darum, von Beginn weg zu signalisieren, dass weder der Körper noch die damit verbundenen Gefühle Tabuthemen sind. Will das Kind also wissen, weshalb Mama und Papa nackt so unterschiedlich aussehen, sollte man die Frage nicht mit einem «Dafür bist du noch zu klein» abtun, sondern eine altersgerechte Antwort geben.

Das Kind sagt, wann es umarmt werden will

Mindestens so wichtig ist es, dem Kind von klein auf beizubringen, dass es selber bestimmt, wie viel Nähe es wünscht. Manchmal hat auch das anhänglichste Kind keine Lust auf Küsschen und Umarmungen. Das gilt es zu respektieren, ohne gekränkt zu reagieren. Nur so lernt das Kind, dass es in Ordnung ist, auf seine eigenen Gefühle zu hören und Nein zu sagen – auch zu Menschen, die es gern hat.

Wie viele Kinder in der Schweiz tatsächlich betroffen sind von sexuellem Missbrauch, lässt sich nicht exakt sagen. Laut dem Ratgeber «Sexualerziehung bei Kleinkindern und Prävention von sexueller Gewalt» der Stiftung Kinderschutz Schweiz legen die vorhandenen Studien nahe, dass jedes dritte Mädchen und jeder neunte Junge mindestens einmal vor dem 16. Geburtstag Opfer von sexueller Gewalt wird. Am häufigsten passieren die Übergriffe im Alter von acht bis zwölf Jahren. Und: Gut ein Drittel der Gewaltausübenden sind zum Zeitpunkt des Übergriffs selber minderjährig.

Sexuelle Gewalt passiert auch online

Sexuelle Gewalt bedingt nicht immer direkten Körperkontakt. Auch Exhibitionismus gehört dazu oder verbale sexuelle Belästigung. Und hier kommen das Internet und die sozialen Medien ins Spiel. In der Jubiläumsausgabe von «Mein Körper gehört mir!» wurde das World Wide Web erstmals integriert. «Diese Anpassung war mir sehr wichtig», sagt Geisler, «weil es heute ja nicht nur körperliche Übergriffe gibt, sondern eben auch mediale Inhalte, die verstörend auf das Kind wirken können.»

Die Chance, dass das Kind eines Tages solche Bilder im Netz zu sehen bekommen wird, ist relativ gross. Hat es von klein auf gelernt, dass man über alles reden kann, wird es bestimmt besser damit umgehen können.