«Es gibt Worte, die sind nicht tolerierbar»

Kinderbuchautorin Gabriela Kasperski sagt, warum wir mit unseren Kindern über Rassismus und den Begriff «schwarzfahren» sprechen sollten.

«Man sollte ‹schwarz› als Wertung ersetzen»: Gabriela Kasperski. Foto: PD

Wie viele Kinderbücher mit dunkelhäutigen Heldinnen kennen Sie? Ronja Räubertochter, Momo, die rote Zora – alles starke Mädchen, doch alle sind sie weiss. Oder vielleicht ein Märchen, in dem eine dunkelhäutige Prinzessin oder Königin vorkommt? Ausser Pocahontas habe ich noch keines gefunden, das in unseren Breitengraden Bekanntheit erlangt hätte.

Geschichten oder Hörbücher hingegen, in denen dunkelhäutige Menschen stereotyp oder gar herablassend dargestellt werden, kenne ich haufenweise: Im Kasperli-Theater reden sie vom «Negermeitli Schuschu», bei «Pippi Langstrumpf» heisst es, Pippis Haut sei viel weicher als die der Bewohner vom Taka-Tuka-Land, Jim Knopf wird als «Neger-Baby» in einem Postpaket entdeckt.

Der Autorin und Schauspielerin Gabriela Kasperski erging es ähnlich, als sie eine Abenteuergeschichte für ihre Adoptivtocher aus Äthiopien suchte. So schrieb sie kurzerhand selber ein Kinderbuch. «Einfach Yeshi» ist kürzlich im Aris-Verlag erschienen. Eine rasante Abenteuergeschichte voller Action und Drama. Mich hat es zum Nachdenken angeregt und Fragen aufgeworfen, wie wir in unserer Gesellschaft, im Alltag, aber auch in Büchern mit den Themen Diversität, Anderssein oder Rassismus umgehen. Während eines Mittagessens unweit der multikulturellen Langstrasse in Zürich konnte ich der Autorin Gabriela Kasperski dazu ein paar Fragen stellen:

Frau Kasperski, ein Thema in «Einfach Yeshi» ist Rassismus, vor allem die subtile, ganz alltägliche Diskriminierung. Sie haben selbst eine Adoptivtochter aus Äthiopien – hat Ihre Tochter Rassismus erlebt?
Ja. Bereits im Kindergarten wurde sie in Auseinandersetzungen mit rassistischen Ausdrücken wie «Du Bruuni» beschimpft. Mein Eindruck war: Meine Tochter rempelt man schneller an, man sieht es ja nicht, und es merkt ja keiner. Es gab auch subtilere Formen. «Sie kann aber gut Deutsch, dafür dass sie…» – steht symptomatisch dafür. Oder: Woher kommst du eigentlich? Mit dem Unterton: Du gehörst nicht hierher.

Was für Reaktionen haben Sie erlebt, als Sie mit einem Baby oder später Kleinkind mit dunkler Hautfarbe unterwegs waren?
Zum Beispiel verkrampft wegschauen oder übertrieben normal tun. Der Triple-Take-Scanblick: Wie geht das in der Familie zu und her? Wer ist unfruchtbar, sie oder er? Und wenn unfruchtbar: «Von wem sind dann die weissen Söhne?» «Ui nei, Sie sind dänn muetig, das chönnt ich nöd», hörte ich auch immer wieder. Die schönste Reaktion stammt von einer dunkelhäutigen Zollbeamtin bei der Einreise nach Grossbritannien. Sie: «Where is she from?» Ich: «Ethiopia.» Sie: «God bless you!» Ich: (ohne Worte).

Yeshi zieht vom Land in die Stadt. Sie haben in der Stadt und auf dem Land gewohnt – gibt es da Unterschiede?
Wir haben in der Stadt ganz einfach mehr Möglichkeiten. Es gibt rein mathematisch schon viel mehr unterschiedliche Kinder und Eltern, mehr Schulen, ein breiteres Freizeitangebot, viele Kulturen.

Ist Ihnen in der Stadt also wohler?
Ich habe mehr Atem, mehr Raum und sehe mehr gelebte Diversität. Die neue Schule hat eine Nulltoleranz-Haltung gegenüber rassistischen Äusserungen. Da unterstützen sofort andere Kinder und Betreuende, wenn Rassismus geschieht.

Wie wichtig ist denn die Sprache? Es gibt ja immer noch Menschen, die finden, es sei doch kein Problem, «Negerlein» zu einem dunkelhäutigen Baby zu sagen, oder die Haare anfassen wollen.
Es gibt Worte, die sind nicht tolerierbar, unter keinen Umständen, Punkt. Ebenso: ein fremdes Kind anfassen – ohne sein Einverständnis. Egal welche Hautfarbe das Kind hat, das geht nicht.

Im Buch erlebt Yeshi eine Busfahrt, und plötzlich ist es allen peinlich, wenn die Kontrolleurin von «Schwarzfahren» spricht. Finden Sie es richtig, dass man sich für solche Aussagen schämt?
Ja! Ich will in meinem Buch ein Bewusstsein wecken für die fliessenden Grenzen. Beispielsweise hätte ich auf die vorangehende Frage auch sagen können: Gewisse Ausdrücke gehören auf die schwarze Liste. Der Ausdruck ist zwar gebräuchlich, für mich aber ein No-go geworden. Die Farbe Schwarz als Bezeichnung für die Hautfarbe ist erlaubt. Dennoch wird Schwarz häufig als düster, gefährlich oder verboten wahrgenommen. Daher sollte man «schwarz» als Wertung ersetzen.

Also «schwarzfahren» nicht mehr sagen – sondern?
«Ohne Billett Tram fahren» geht doch auch. Unsere Sprache ist vielfältig genug.

«Weiss» sagt man, sei klar, unschuldig, ehrlich. Wir müssen uns also mehr mit Sprache auseinandersetzen, bereits in der Erziehung. Wie geht das denn in Ihren Augen am besten?
Bilderbücher, Filme oder Bücher wählen, die Diversität als Grundlage haben. Wir reisen regelmässig nach London, da sehen die Büchertische für Kinder anders aus als bei uns. Aber auch hier gibt es immer mehr Möglichkeiten, viele meiner Lieblingsbuchhandlungen haben mittlerweile ein diverses Angebot. Man muss sich und andere einfach sensibilisieren, immer wieder, das mache ich täglich: reden, streiten, den Kontakt zum «anderen» suchen, Angst abbauen, neugierig sein, nachfragen.

Oder mit Kindern «Einfach Yeshi» lesen?
(lacht) Ja genau! Mit den Kindern «Einfach Yeshi» lesen und vor allem: darüber diskutieren!

Ist es denn nicht schon längst «normal», eine «andere» Hautfarbe zu haben oder aus einer anderen Kultur zu stammen? Wir sind doch eine multikulturelle Gesellschaft, und es sollte Chancengleichheit herrschen.
Unsere Gesellschaft ist multikulturell, unsere Umgangskultur ist es (noch) nicht. Das Abbild der Gesellschaft hinkt in seiner Darstellung in Büchern, in Lehrmitteln, in Filmen, im Freizeitangebot, in der Wahrnehmung und der Wertschätzung des Andersseins hinterher.

Was sagen Sie Ihrer Tochter, wenn sie Diskriminierung erlebt?
Sie hat ein ganzes Instrumentarium, das sie sich, mithilfe und allein, zugelegt hat und täglich weiterentwickelt. Unsere Tochter macht das grossartig. Ich bewundere sie für ihre Kraft, ihr Strahlen und ihre Liebe zum Leben.

Finden Sie die Schweiz lebt eine Vielfältigkeit und gibt allen Kindern die gleichen Chancen auf ein gutes Leben? A la: Man muss nur wollen, leisten, und dann kommt schon alles gut?
Ganz klar: nein. Unsere drei Kinder (zwei Kinder sind hellhäutig, eines dunkelhäutig) gingen zeitweise auf dieselbe Schule. Wie man ihnen begegnete, was man ihnen zutraute, war sehr unterschiedlich.

Trifft es Sie, wenn gewisse Politiker sich über Einwanderung und Diversität empören?
Natürlich. Wer so etwas schreibt, hält sich für etwas Besseres.

Yeshi möchte ins Flüchtlingsheim und andere Menschen aus Äthiopien erleben. Wie wichtig ist in Ihren Augen Identität und Zugehörigkeit für Kinder?
Wir setzen uns in unserer Familie täglich damit auseinander. Identitätsfindung ist ein lebenslanges Thema und Zugehörigkeit ein existenzielles Bedürfnis. Ein Kind hat bei der Buchvernissage von «Einfach Yeshi» auf meine Frage, warum Yeshi mitgehe mit der Flüchtlingsfamilie und von ihrer Mutter davonlaufe, die Antwort gegeben: «Wegen Äthiopien.» Das Kind meinte damit, Yeshi möchte Äthiopien besser kennen lernen, ihre Herkunft verstehen. Das hat mich sehr berührt und gezeigt, dass die Kinder diese Inhalte in Büchern zum Teil besser verstehen als die Erwachsenen.

Wie wäre die Welt für Yeshi oder für Ihre Tochter und andere Kinder aus anderen Kulturen in der Schweiz besser? Was könnten wir denn besser machen?
Sensibilisieren, offen sein, Themen anpacken, mutig sein. Das ist am Anfang anstrengend. Worte wie «schwarzfahren» aus dem Sprachschatz streichen. Ich als Autorin arbeite täglich daran, gelebte, alltägliche Diversität in meine Texte zu bringen.

Gabriela Kasperski: Einfach Yeshi, Aris-Verlag, 2019
Diverse Veranstaltungen zum Buch in Zürich: Zum Beispiel am Festival «Zürich liest»