Warum Familien in die Stadt gehören

Kaum ist das Kind da, zieht es Eltern aufs Land. Unsere Autorin hat dafür gar kein Verständnis.

Kinder lernen Kinder kennen – wenn es in der Nachbarschaft welche hat. Foto: iStock

Sind die Kinder auf der Welt, ist da plötzlich dieser Hüslitraum. Das beobachte ich bei Bekannten. Immer öfter werde ich gefragt, ob wir uns mitten in der Stadt noch wohlfühlen. Traf ich Freunde und Bekannte früher unkompliziert und spontan auf ein Bier, weil sie wie ich im Zentrum wohnten, bewegen sie sich heute immer mehr in Aussenquartieren oder Vororten. Oft bewusst; nicht aus finanziellen Gründen. Einige – und das bewundere ich sehr – sind auch auf dem Selbsternährungstrip und verbringen ihre Freizeit mit Pflanzen, Gärtnern und Einmachen.

Dieser Traum nach einem eigenen Haus mit Garten, diese Sehnsucht nach mehr Platz, mehr Luft und mehr Grün, sie wird offenbar stärker, wenn man Kinder bekommt. Und in Zürich, wo ich wohne, lässt sich diese Sehnsucht bekanntlich nicht drei Velominuten vom Hauptbahnhof entfernt stillen.

Kinder können überall spielen

Als überzeugte Stadtbewohnerin kann ich dem Hüslitraum trotz Familie noch immer nichts abgewinnen. Weder habe ich Lust auf Ruhe und weniger Verkehr noch auf einen Garten, weil ich einen «braunen Daumen» habe und absolut unfähig bin, irgendetwas zum Wachsen zu bringen. Vielleicht will ich auch kein Haus, weil ich genau in einem solchen aufgewachsen bin: an einer Spielstrasse, mit Garten und in Waldnähe. Es war so idyllisch, dass ich fünf Wochen nach der Matura die Koffer packte. Diesen automatischen Anspruch auf mehr Raum, nur weil man Kinder hat, ich kann ihn nicht immer nachvollziehen. Zumal Kinder ja überall spielen können und nicht jedes ein eigenes Zimmer braucht. Kajütenbetten waren für mich als Kind jedenfalls der Hit.

Ja, vielleicht ist es etwas anstrengend, immer von zu Hause weggehen zu müssen, um an der Luft zu sein. Trotzdem habe ich das Privileg, zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof und der Bahnhofstrasse entfernt zu wohnen, nie als grösser empfunden, als jetzt, da ich ein Kind habe. Ich bin weder auf Verkehrsmittel angewiesen noch auf Öffnungszeiten oder grosses Planen: Alles, was wir brauchen, ist zu Fuss zu erreichen.

Die Stadt braucht Kinder

Die Läden haben lange geöffnet, und wir besuchen viel öfter spontan Freunde, ein Konzert, eine Vernissage oder eine neue Bar. Einzig und allein deshalb, weil alles direkt vor der Tür liegt. Das Argument, man sei, wenn man nicht mehr in der Stadt wohne, mit der S-Bahn ja auch in 13 Minuten am Bahnhof, finde ich immer etwas zweifelhaft. Diese S-Bahn muss man erst mal erwischen, und dann ist man erst am Bahnhof. Und irgendwie muss man auch wieder heimkommen.

Ich vermute sogar, dass unsere Tochter in der Nachbarschaft mittlerweile mehr Kinder kennen gelernt hat, als wenn wir in ein Haus mit Garage und Gartenhag an einer Zufahrtsstrasse gezogen wären. Der enge, urbane Raum im Quartier wird zudem vielfältiger mit Kind: Brunnen werden zu kleinen Swimmingpools; Innenhöfe zu Spielzonen; der Park zum Garten. Fast täglich lerne ich neue Quartierbewohnerinnen und -bewohner kennen. Dafür nehme ich auch den Verkehr und die Tatsache in Kauf, dass das Kind wohl nie ganz allein zum Kindergarten laufen wird.

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