Ein Hoch auf Rabenmütter

Rabenmüttervorwürfe verlangen Flexibilität von Arbeitskräften und fragen Frauen, wie sie die Frechheit besitzen können, sich von ihren Kindern zu entfernen. Foto: Christina Morillo (Pexels)

Das Wichtigste vorab: Ich hasse den Begriff Rabenmutter für das, wofür er in der deutschen Sprache steht. Das geht schon auf der Tierebene los. Wenn Rabenmütter oder sogar Rabeneltern wirklich so schlecht in der Aufzucht ihrer Kinder wären, dann gäbe es überhaupt keine Raben mehr. Rabeneltern sind aber ganz besonders fürsorgliche Eltern, die ihre Jungen so lange versorgen, bis diese selbstständig nach Nahrung suchen können. Sie wärmen und pflegen ihre Kinder und fressen erst dann, wenn der Nachwuchs gesättigt ist.

Eigentlich hätten wir also wie die Menschen in Mexiko allen Grund, die Mama Cuervo als grossartige, vorbildliche Mutter zu feiern. Tun wir aber nicht. Stattdessen hängen wir mit der abwertenden Konnotation dieses Begriffes immer noch einem obskur-ominösen Bild von Raben als Todesboten an, die von Zitaten aus der Lutherbibel flankiert werden: «Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts zu essen haben?»

Sie sind halt berufstätige Frauen

Dunkel, Aasfresser, miese Eltern. Und am Ende am lautesten und nachdrücklichsten: Schlechte Mutter. Ich bin in meinem Leben schon vielen Frauen begegnet, die in dem einen oder anderen Zusammenhang als Rabenmutter bezeichnet wurden. Hauptsächlich, weil ich beruflich viel mit Frauen zu tun habe und diese Frauen, nun ja, berufstätig sind. Ich kann mich allerdings nicht an eine einzige Frau erinnern, die hinter dieser vorverurteilenden Abwertung eine schlechte Mutter war. Tatsächlich habe ich einige als grossartige Mütter erlebt.

Sie fragen sich womöglich, woher ich das zu wissen glaube. Kenne ich die betreffenden Mütter näher, habe ich Zeit mit ihnen verbracht und sie so umfassend im Umgang mit ihren Kindern erlebt, dass ich mir darüber eine Meinung bilden kann? In den meisten Fällen nicht.

Das habe ich mit den Leuten gemeinsam, die den Frauen aufgrund ihrer Berufstätigkeit oder einem sichtbaren Auftritt in der Öffentlichkeit unterstellen, eine schlechte Mutter zu sein. Die, die ich näher kennen lernen durfte, sind ihren Kindern eine liebevolle Bezugsperson und ein tolles Vorbild. Mit einer von ihnen habe ich das Glück, mein Leben zu teilen – wenn auch vorläufig nicht mehr so eng wie in den vergangenen Jahren.

Der Wohnungsmarkt als Endgegner

Womit wir beim Thema sind: Die Lebenskomplizin hat einen neuen Job in Berlin, und unsere vier Kinder bleiben einstweilen mit mir am Meer. Hier haben sie Schule, Kita, Freunde und genug Platz, um sich auszubreiten und aufgehoben zu fühlen. In meiner Heimatstadt Berlin hingegen hat sich der Wohnungsmarkt mittlerweile zu einem veritablen Endgegner entwickelt, den viele auch nach dem millionsten Versuch nicht schlagen können. Für Kitaplätze werden vierstellige Summen als Belohnung ausgeschrieben. Kombiniert man das mit einem tollen, wenn auch mit Sachgrund befristeten Vollzeitjob, dann steht eine Familienumsiedlung gerade einfach nicht an.

«Warum machen wir das überhaupt?» scheint also eine durchaus angebrachte Frage zu sein. Die viel interessantere lautet aber: «Warum eigentlich nicht?» Es ist jetzt das dritte Mal, dass meine Lebenskomplizin auszieht, um beruflich voranzukommen, etwas zu bewegen und (ja, Sie lesen richtig) sich zu verwirklichen. Es ist damit auch das dritte Mal, dass ich mit unseren gemeinsamen Kindern zurückbleibe und für sie die Hauptverantwortung übernehme.

Was heisst hier «im Stich lassen»?

Und es ist das dritte Mal, dass Menschen, die von Paaren umgeben sind, bei denen Männer mit grosser Selbstverständlichkeit auf Montage gehen, an den Arsch der Welt pendeln oder ein Jahr in den Staaten arbeiten, unser Modell «total krass» finden. Uns fragen, wie wir das tun können. Und eigentlich doch immer nur meinen, wie s i e das tun kann. Wie kann sie nur eine solche Rabenmutter sein und ihre Kinder im Stich lassen? Aber erstens ist sie nur eine Rabenmutter in dem Sinne, dass sie eine grossartige Mutter ist. Und zweitens, was heisst hier «im Stich lassen»? Sie lässt sie bei mir. Sie darf das. Ich kann das. Wir wollen das.

Und was ist mit den Kindern? Haben wir einmal an die gedacht? Ziemlich oft sogar. Aber auch hier gibt es eine interessantere Frage: Warum will niemand wissen, was mit den Kindern ist, wenn ich irgendwo alleine auftauche? Selbst wenn klar ist, dass ich Vater von vier Kindern bin, gehen alle immer davon aus, dass die schon irgendwie versorgt sind. «Irgendwie» meint «von Frauen betreut».

Rabenmüttervorwürfe instrumentalisieren Kinder nur dazu, Frauen auf die angestammten Plätze zu verweisen. Rabenmüttervorwürfe machen aus sich kümmernden Vätern ein «im Stich gelassen haben». Rabenmüttervorwürfe verlangen Flexibilität von Arbeitskräften und fragen Frauen, wie sie die Frechheit besitzen können, sich flexibel von ihren Kindern zu entfernen. Rabenmüttervorwürfe dürfen gerne abtreten. Der Schwachsinn hat lange genug gedauert.

In diesem Sinne viel Erfolg und Freude beim Gestalten Ihrer eigenen Elternschaft. Und ein Hoch auf Rabenmütter!

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