Papa, wir wollen ein Haustier!

So gerne. Soooo gerne möchten meine Kinder ein Haustier haben und schauen mich dabei mit grossen Augen an wie der gestiefelte Kater bei «Shrek»:

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Aber es wird nicht passieren. Keine Pferde, keine Hunde, keine Katzen, nicht mal einen Fisch oder auch nur eine Ameisenfarm. Ich bin durch damit. Ich werde in meinem Leben vermutlich nie wieder ein Haustier haben. Höchstens unfreiwillig. Also die Art Haustier, von der man mitten in der Nacht geweckt wird, weil es auf der Suche nach Nahrung für die Mäusefamilie ganz entspannt über das Kopfteil des Bettes läuft. Aber dazu später mehr. Fangen wir ganz von vorne an. Die ersten Haustiere, an die ich mich erinnere, waren zwei Hamster, die beide auf geradezu groteske Weise ums Leben kamen. Der eine brach aus seinem Käfig aus und stürzte sich in einen Eimer Tapetenkleister, der im renovierungsbedürftigen Wohnzimmer stand.

Als Lehre aus seinem tragischen Tod entfernten wir zunächst alle Gefahrenquellen und liessen den zweiten Hamster kleinere Erkundungstouren in der Wohnung unternehmen. Auch sein Tod ist, nun ja, erklärungsbedürftig. Unbemerkt von meiner Familie und mir entwickelte er eine Vorliebe für Sesselinnereien und verbrachte seine Streifzüge unter anderem damit, die Sitzgelegenheit meines Vaters zu entkernen. Bis zu dem Tag, an dem der völlig ausgehöhlte Sessel unter dem Gewicht meines Vaters zusammenbrach. Leider befand sich der Hamster zu diesem Zeitpunkt in der Rückenlehne. Wir Kinder waren untröstlich und lagen unseren Eltern wochenlang damit in den Ohren, uns Ersatz zu beschaffen.

Am Anfang war die Zimmerpflanze

Beinahe hätte meine grosse Schwester das sogar allein geregelt. Sie zog bei einer Dorftombola im Berliner Umland das grosse Los und gewann ein Huhn. Ein echtes, lebendiges Huhn. Meine Eltern waren aus mir damals völlig unbegreiflichen Gründen wenig begeistert und zwangen sie, sich mit dem zweiten Preis zu begnügen – einer Zimmerpflanze. Wenn blicke töten könnten, lägen meine Eltern heute beide seit Jahren auf dem Dorfanger. So aber brachte meine Schwester die Pflanze und eine so nachhaltig schlechte Laune nach Hause, dass meine Eltern beschlossen, etwas zu unternehmen.

Und da mein Grossvater beruflich viel unterwegs war, schlug er vor, wir könnten für einen längeren Zeitraum seinen Papagei beaufsichtigen. Ich liebte diesen Vogel. Sein Käfig stand in der Küche. Wenn er Hunger hatte, rief er laut «Du Aaaaarschloch» und wenn man das Wasser laufen liess, dann verkündete er, man sei ein «altes Dreckschwein». Er konnte das Quietschen einer Tür so täuschend echt nachahmen, dass man unwillkürlich nachschaute, wer denn da wohl den Raum betritt – auch wenn man eigentlich wusste, dass da nicht mal eine Tür war.

Grossvaters Papagei überlebte mehrere Entsetzensschreie von Besuchern, ein angepicktes Kabel und sogar einen Ausflug ins Treppenhaus. Das Gasleck im Herd überlebte er leider nicht. Aber wir durch ihn. Danach waren Tiere ein sehr sensibles Thema. Und ich traute mich nicht mehr, Grossvater zu fragen, woher sein Papagei all die tollen Dinge konnte, obwohl ich es zu gern gewusst hätte. Nach einer längeren Durststrecke gaben meine Eltern wieder einmal nach und besorgten uns einen Wellensittich und ein Meerschweinchen. Die beiden waren zur Überraschung aller unzertrennlich und lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende. So glücklich, dass wir insgeheim auf Flugschweine gehofft hatten.

Der Mäuseverschleiss und die Papageien-Versuchung

Mein Erwachsenenleben knüpfte dann wieder nahtlos an die Katastrophenzeit meiner Kindheit an: Ein Kater mit gebrochenem Genick und eine ganze Reihe von amoklaufenden Wüstenrennmauspärchen. Das erste verstand sich prächtig. Dann starb eine an Herzversagen, und weil man uns in der Tierhandlung gesagt hatte, dass die Viecher alleine nicht zurechtkommen, besorgten wir Ersatz. Es funktionierte nicht.

Irgendwann gaben wir zur Enttäuschung unserer Kinder auf. Von den anderen Mäusen erzählten wir ihnen nichts. Sie wohnten wie wir unterm Dach eines uralten Fachwerkhauses und wurden von mir einzeln des Nachts in einen nahegelegenen Park transportiert, wenn sie das Pech hatten, in unsere Lebendfallen zu tappen. Wenig später zogen wir aus. Seitdem hat es sich mit Haustieren. Schluss. Aus. Ende. Wobei ich letztes Jahr im Urlaub auf Sardinien fast schwach geworden wäre. Was soll ich sagen: In einer Strandbar stand eine grosse Papageienvoliere. Und ihre Bewohner hatten nichts Besseres zu tun, als mehrsprachig Touristen zu verarschen, indem sie beispielsweise «Kuckuck» schrien oder überrascht «Huch, er kann sprechen» riefen. Hätte mich einer von ihnen als « Aaaaarschloch» bezeichnet, hätten meine Kinder mittlerweile womöglich ein Haustier. Aber verraten Sie es bitte nicht weiter. Schon aus pädagogischen Gründen.

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