Wie das Gymi-Kind Mamas Karriere bremst

Wenn das Lernen einfach nicht mehr aufhört: Das Gymnasium laugt auch die Eltern aus. (Foto: Getty Images)

«Ich könnte mir gut vorstellen, mehr zu arbeiten», sagt die Architektin. Wir sitzen in einer gemütlichen Runde zusammen. Sie arbeitet sechzig Prozent. «Aber», sagt sie dann, «diese Probezeit hat mich wieder um Jahre zurückgeworfen. Es geht jetzt einfach noch nicht. Ich kann mein Pensum nicht aufstocken.» Ich ertappe mich, wie ich mit lautem Zischen ausschnaufe. Diese Probezeit! Bei mir ist es die Zweite, die jetzt gerade hinter uns liegt. Und ich sage ihr nicht: «Es geht so weiter. Auch nach der Probezeit.»

«Das Gymnasium ist ein Familienprojekt», sagt eine andere Mutter, die auch mit uns am Tisch sitzt. «Nach der ersten Probezeit habe ich mir geschworen: Meine zweite Tochter geht nicht ans Gymnasium. Das soll kein weiteres Kind von mir durchstehen müssen. Und ich auch nicht.» Definitionen um Definitionen auswendig lernen. Sowieso auswendig lernen ohne Ende. Und jetzt ist es doch wieder passiert, vier Jahre später, in der sechsten Klasse, die Noten stimmten und plötzlich steckten sich die Freundinnen gegenseitig an, wollten alle dahin. Ans Gymnasium. Da nützt es dann nichts, immer wieder zu fragen: «Du weisst, was das heisst? Hast du denn auch tatsächlich Spass am Lernen? Willst du das wirklich?»

Verloren in der Lernmaschinerie

Und ja: Es ist ja auch vieles schön am Gymnasium. Die Vielfalt der Fächer, die neue Freiheit, über Mittag irgendwo mit den Freundinnen in der Stadt zu sein. Aber es ist enorm erschöpfend und laugt auch die Eltern aus. Es geht in den allermeisten Fällen nicht ohne Eltern. Nicht einmal deswegen, weil sie inhaltlich viel erklären müssten. Ihre Aufgabe ist es, da zu sein, in diesen endlosen Stunden des Lernens. Es hört ja nie auf. Die Lernzeit dauert bis am Abend spät und beginnt am Morgen vor der ersten Lektion wieder. Übers Wochenende, in den Ferien. Probezeit- und sowieso Gymnasiumseltern müssen aufmuntern und trösten, Wörtchen abfragen, Zusammenhänge erklären, Durchhaltesnacks zubereiten, loben, mahnen, anspornen und Zuversicht ausstrahlen. Wenn zum Beispiel die ganze Klasse in einer Prüfung einen Notendurchschnitt von einer 3 hat.

Perihel und Aphel, finite und infinite Verbformen, im Kopf ein dauernder Wirbel aus Fremdwörtern. «Und manchmal müssen wir Eltern auch da sein, um die Kinder zwischendurch wieder rauszureissen, aus dieser Lernmaschinerie. Es sind doch noch Kinder! Dass sie nicht immer im Zimmer sitzen und lernen und danach erschöpft nur noch an ihren Smartphones chatten oder Serien anschauen mögen.» Ich nicke. Manchmal habe ich die Lernziele für eine Prüfung durchgelesen. Zum Beispiel in der Biologie. Ich bin ja Biologin und bilde mir ein, etwas von diesem Fach zu verstehen. Und es dreht sich mir im Kopf, im Bauch ein Knopf. Unendlich die Anzahl an Fachausdrücken, unendlich die vielen Themen, die in eine einzige Prüfung hineingepresst werden. Und das gilt für alle Fächer. Die Menge an Stoff ist gewaltig. Und natürlich frage ich mich, was davon langfristig hängenbleibt.

Die Probezeit der Kinder in Mamas Lebenslauf?

Und jetzt an diesem Tisch, mit der Architektin und den anderen Eltern macht sich kurzfristig eine resignierte Stimmung breit. Wir hängen unseren Gedanken nach. Alle mit einer guten Ausbildung, ursprünglich mit dem Anspruch, im Berufsleben etwas aus sich zu machen, und irgendwie alle etwas erschöpft.

Elternsein und berufstätig sein ist halt immer noch eine hohe Kunst. Und im beruflichen Lebenslauf muss man diesen Balanceakt um Himmels willen gut verstecken. «Probezeit meiner Kinder» hat da keinen Platz.

Mitteilung der Redaktion: Wir haben den Beitrag nachträglich anonymisert.

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