Ein Star für 15 Sekunden

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Die Haarbürste als Mikrofon: Mit der App Tik Tok können Kids ihren musikalischen Vorbildern nacheifern. Foto: iStock

Manchmal muss man gar nicht direkt fragen, wie alt das Kind des Gegenübers ist. Es genügt, ein Wort in die Runde zu werfen: Tik Tok. Schaut einen die andere Person fragend an, ist der Nachwuchs maximal im Kindergarten. Allen anderen ist die App wohl oder übel ein Begriff. Das sollte sie zumindest sein, da die Kinder vermutlich ziemlich viel Zeit damit verbringen.

Zur Klärung: Mit Tik Tok – früher Musical.ly genannt – kann man 15 Sekunden kurze Musikvideos aufnehmen und teilen. Tik Tok stellt eine Riesenauswahl an hippen Songs zur Verfügung, zu denen die User vor der Kamera Playback singen, tanzen und ein bisschen Superstar spielen. Damit die Filmchen noch eindrücklicher daherkommen, kann man diverse Effekte wie Blitzlichter oder Slow-Motion-Sequenzen einbauen.

Klar, dass das Teenagern gefällt. Und den noch Jüngeren genauso: Obwohl Tik Tok eigentlich erst ab 13 Jahren genutzt werden dürfte, tummeln sich Unmengen Kinder unter zehn Jahren auf der Plattform. Das chinesische Unternehmen Bytedance, das hinter Tik Tok steht, scheint das nicht gross zu kümmern. Dabei ist die App nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick aussieht.

Nutzer gibt Kontrolle ab

So gesteht man Bytedance mit der Nutzung der App das Recht zu, die auf Tik Tok geposteten Videos auch auf anderen Netzwerken zu spielen. Der Nutzer hat also keine Kontrolle darüber, ob ein Filmchen plötzlich eine viel grössere Reichweite erhält als beabsichtigt. Auch hat jeder User das Recht, öffentlich gepostete Videos herunterzuladen. Wer sich diese Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung genau anschauen will, muss Englisch verstehen: Die App selber kann man zwar auf Deutsch einstellen, diese wichtigen Dokumente aber sind nicht übersetzt.

Was mich als Mutter noch mehr beunruhigt, ist die Sorglosigkeit, mit der manch zehnjähriges Mädchen öffentlich Videos von sich postet. Filmchen, in denen laszive Posen irgendwelcher Stars imitiert werden, bisweilen kombiniert mit zu viel Schminke im Gesicht und zu wenig Stoff am Körper.

So sieht das aus: Zusammenstellung von Tik-Tok-Videos. (Youtube)

«Peinlich» findet das meine neunjährige Tochter. «Zum Glück», denke ich mir da. Offenbar hat sie mir gut zugehört und weiss unterdessen, dass man sein Profil auf privat stellen und nicht aus einer Laune heraus irgendetwas veröffentlichen soll. Deshalb lasse ich sie weiterhin Tik Tok schauen und auch mal ein Filmchen aufnehmen – meist postet sie es gar nicht erst, und wenn doch, zeigt sie es mir vorher.

Tik Tok hat auch sein Gutes

Die kreative Seite der App gefällt mir nämlich: Dass meine Tochter sich gemeinsam mit ihrer «BFF» überlegt, welche Szenen sie wie aneinanderhängen, wer was macht, welche Effekte sie benutzen – wunderbar! (Die seltsamen, den Tik-Tok-Videos eigenen Handbewegungen lassen wir jetzt mal beiseite … ich behaupte ja, dass die Generation meiner Tochter das Tanzen verlernt, weil sie so sehr mit diesen vermeintlich coolen Gesten beschäftigt ist.) Und wenn sie damit gleichzeitig in der Praxis lernt, wie man sich auf sozialen Plattformen und im Internet generell verhält, ist das auch nicht schlecht.

Wie handhaben Sie es? Sind Ihre Kinder auf Tik Tok, und begleiten Sie sie dabei?