Schön, dass wir uns nicht einig sind

Meinungsverschiedenheiten halten das Familienleben lebendig. Foto: Gratisography (Pexels)

Meine Kollegin Eva Hefti hat letzte Woche in ihrem Mamablog-Beitrag geschrieben, wie ihr das viel gelobte Bauchgefühl bei der Erziehung nicht weiterhilft und dass sie froh sei um Ratgeberliteratur. Darin habe sie Erziehungskonzepte gefunden, die zu ihr passten – allerdings sei ihr Mann anfangs anderer Meinung gewesen.

Die Bloggerin berichtet von hitzigen Gesprächen: «Durch viele Diskussionen grundlegender Erziehungsfragen haben wir uns in unserer Ehe noch einmal neu kennen gelernt (…) Wir merkten, dass wir da oft nicht auf der gleichen Wellenlänge waren – die bisher grösste Bewährungsprobe für unsere Beziehung.» Schliesslich habe sich der Mann aber darauf eingelassen, den von ihr eingeschlagenen Weg zu gehen.

Dieser Punkt kam bei den Leserinnen und Lesern schlecht an. «Typisch, der Mann muss sich der Frau anpassen!», war der Tenor in einigen Kommentaren.

Ja, wie macht man das, wie findet man als Paar einen Konsens in Erziehungsfragen?

Früher war die Sache einfacher. Bis vor etwa fünfzig Jahren war man sich gesellschaftlich recht einig, wie eine gute Erziehung aussieht. Zudem war durch die klassische Rollenverteilung eher klar, dass die Mutter die Richtung vorgab. Heute gibt es kein allgemein gültiges Richtig und Falsch mehr und die gleichberechtigten Partner müssen aushandeln, welches Erziehungskonzept ihnen entspricht.

Durch Diskussionen den Horizont erweitern

Das ist eine grosse Chance! Es ist eine Bereicherung, dass die Partner mit ihrer je eigenen Kindheitsgeschichte in die Beziehung kommen – und sie voneinander lernen können. Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt und denkt, dass das, was er erlebt hat oder denkt, die einzige Wahrheit ist. Indem man miteinander spricht, weitet sich der Blick. Was, du durftest früher stundenlang fernsehen – und bist heute trotzdem ein Büchernarr? Aha, man kann auch ein guter Esser werden, wenn man nicht dazu gezwungen wird, alles aufzuessen, was auf dem Teller liegt?

Schliesslich muss man gemeinsam herausfinden, wie man es in der eigenen Familie machen will. Was gefällt mir an deinem Konzept? Warum möchte ich in einer Sache auf meiner Einstellung beharren? Sachbücher können dabei helfen, manchen Streit beizulegen. Wenn ein Kinderarzt wie Remo Largo in seinen Langzeitstudien herausgefunden hat, dass es nicht möglich ist, den Prozess des Trockenwerdens zu beschleunigen, dann erübrigen sich weitere Diskussionen zum Thema.

Kinder können mit Verschiedenheit umgehen

Ich denke, es ist wichtig, dass man als Eltern gewisse Grundwerte teilt. Doch es ist auch völlig in Ordnung, wenn man nicht in allen Fragen auf der gleichen Wellenlänge ist. Kinder können bestens damit umgehen. Beim Papa dürfen sie auf höhere Bäume klettern als bei mir. Dafür bekommen sie bei mir ein Dessert, auch wenn sie nur wenig von der Hauptspeise gegessen haben. Unsere Kinder fragen jeweils nach dem Essen: Wer ist heute der Chef? Bin ich es, gibt es so oder so ein Dessert. Ist es mein Mann, nur unter Auflagen. Die Kinder lernen so, dass es verschiedene Ansichten zu einem Thema gibt und dass beide ihre Berechtigung haben.

Mama und Papa dürfen unterschiedliche Vorstellungen haben. Aber in einem Punkt sollten sie sich einig sein: Dass es in Ordnung ist, verschieden zu sein.

Lesen Sie dazu auch: