Gewalt entsteht aus Überforderung

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Noch immer werden in der Schweiz viel zu viele Kinder Opfer von Gewalt. Foto: iStock

«Liebes Mami, zähl doch bis zehn.» So simpel der Rat des Kindes, so schwer ist er umzusetzen, wenn der Ärger Mama gerade gefangen hält. Das belegt eine neue Studie zum Thema «Gewalt in der Erziehung» der Universität Freiburg: 44 Prozent der befragten Eltern wenden körperliche Gewalt an. Sogar 69 Prozent haben schon auf psychische Gewalt zurückgegriffen. Und die Dunkelziffern sollen noch höher sein.

Schockierende Zahlen. Dennoch wäre es zu einfach, daraus zu schliessen, dass all diese Eltern gewalttätig sind. «Psychische und physische Gewalt kommen immer da vor, wo Mütter und Väter in der Erziehung an ihre Grenzen stossen», erklärt Xenia Schlegel, Geschäftsleiterin der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Will heissen: Die Gewalt passiert meist aus einer Überforderungssituation heraus. Und der Grossteil der Eltern bereut die Tat hinterher.

Es gibt eine Alternative

Kinderschutz Schweiz rückt das schwierige Thema zurzeit mit der Kampagne «Ideen von starken Kindern für starke Eltern – Es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» in den Fokus. Die mehrjährige Kampagne soll die Bevölkerung sensibilisieren und den Eltern aufzeigen, dass sie nicht perfekt zu sein brauchen, aber immer authentisch bleiben sollen, so Xenia Schlegel: «Seien Sie ehrlich, und sagen Sie es Ihrem Kind, wenn Sie eine Pause brauchen.» Im Zusammenleben mit Kindern gebe es immer wieder Momente, in denen man wütend werde. «Verlassen Sie die Situation dann lieber kurz, um die Wut verrauchen zu lassen, anstatt zu explodieren und etwas Unüberlegtes zu tun», sagt Schlegel.

Doch wovon sprechen wir überhaupt, wenn wir von Gewalt in der Erziehung reden? Gerade in der Schweiz ist eine Definition nötig, fehlt in unserem Land doch immer noch ein Gesetz, das die körperliche Züchtigung des Kindes umfassend verbietet. «Tatsächlich erfüllt die Schweiz ihre Schutzpflicht diesbezüglich nicht vollständig», sagt Schlegel. Sie glaubt, dass ein Verbot alleine nicht viel bewirken würde. «Zuerst muss ein gesellschaftlicher Paradigmenwechel hin zur gewaltfreien Erziehung stattfinden. Dadurch wird der Druck auf den Gesetzgeber steigen, ein klares Zeichen zugunsten der Kinder zu setzen.» Nächstes Jahr will sich Kinderschutz Schweiz im Rahmen der Kampagne dazu detailliert politisch äussern.

Wo liegt die Grenze zur Gewalt?

Um zur Definitionsfrage zurückzukommen: Laut Schlegel ist jegliche Körperstrafe physische Gewalt – auch das Haareziehen oder der kleine Klaps auf den Windelpo. Bei der seelischen Gewalt wird es schon komplizierter, da diese schwer fassbar ist. Von psychischer Gewalt spricht man etwa, wenn einem Kind mutwillig Angst gemacht wird, es verspottet, kleingemacht oder unterdrückt wird. Aber auch dem Kind keine Grenzen zu setzen und es einfach seinem Schicksal zu überlassen, ist eine Form von psychischer Gewalt: Vernachlässigung. Oder ihm extra die Dinge wegzunehmen, die eine ganz besondere Bedeutung haben für das Kind. «Psychische Gewalt ist leise, unspektakulär», sagt Schlegel, «gleichzeitig wirkt sie lange nach.»

Was, wenn man sich als Vater oder Mutter tatsächlich einmal nicht mehr zurückhalten konnte und das Kind schlimm beschimpft oder gar geschlagen hat – und es jetzt grässlich bereut? Wichtig ist laut Schlegel, sich zuerst beim Kind zu entschuldigen. «Danach muss man unbedingt analysieren, was hinter der eigenen Ohnmacht und Überforderung steckt: Ist es tatsächlich das Kind, das einem den letzten Nerv raubt? Oder ist man aus ganz anderen Gründen gereizt?» Je nachdem, wo die Probleme liegen, sollte man gezielt Hilfe suchen.

Wer hingegen immer noch der Meinung ist, dass so ein Klaps noch keinem geschadet habe, sollte sich Astrid Lindgrens Rede anhören, die sie 1978 beim Erhalt des Friedenspreises des deutschen Buchhandels gehalten hat: ein Plädoyer für gewaltfreie Erziehung. Traurig, dass wir vierzig Jahre später immer noch damit beschäftigt sind, die Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen.

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