Unsere Töchter brauchen Vorbilder

Die Harfenistin und Singer-Songwriterin Joanna Newsom live in Luzern, 2011. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Ich habe Biologie studiert. Wegen meines Biologielehrers. Aus Trotz. Wir waren eine Mädchenklasse mit drei Jungs. Neusprachliches Profil. Und wenn es im Biologieunterricht hätte spannend werden können, sagte mein Biologielehrer: «Wir gehen jetzt nicht weiter ins Detail. Das interessiert euch als Mädchenklasse ohnehin nicht.»

Ich war recht schüchtern damals. Und so hat es nur einfach in mir drin rumort. Und einmal hat dieser Lehrer seine selbstgemalten Bilder als Diashow gezeigt. Kommoden mit Schubladen. Und die Schubladen waren geöffnet. Und daraus wuchsen Kakteen. «Ein Phallus neben dem anderen», sagte er, und ich fand ihn zum Kotzen. Das ist lange her, und manchmal hoffe ich, inzwischen ist alles anders.

10 Komponisten, alles Männer

Aber heute erzählt mir meine Tochter, dass einer ihrer Lehrer sagt: «Früher gab es nur einen Prorektor für diese Aufgabe. Jetzt machens halt Frauen, und da braucht es zwei für dasselbe.»

Und mit meiner jüngeren Tochter lerne ich Musikgeschichte. Und schaue mir das selbstverfasste Skript des Musiklehrers an. Auf dem Titelbild sind zehn Bilder von Komponisten abgebildet. Komponisten! Keine einzige Frau. Ich kenne mich nicht aus. Darum frage ich ganz viele: «Nennt mir Namen von Frauen, die komponieren.» Und ich erhalte Namen. Francesca Caccini zum Beispiel. 1587 in Florenz geboren, schrieb sie augenzwinkernd eine erfolgreiche Oper, in der die böse Zauberin Alcina einen Liebhaber nach dem anderen in Pflanzen verwandelt. An der Uraufführung tanzten im grossen Finale 24 Reiter mit ihren Pferden auf der Bühne.

Komponierte im 17. Jh. Opern: Francesca Caccini. Foto: Wikipedia/National Gallery of Art, Washington, D. C.

Es beflügelt mich, zu sehen, dass es diese Frauen gab. Die unverzagt und selbstbewusst ihren Weg gingen. Und das vor mehr als 400 Jahren. Es ist wichtig, dass wir Frauen unsere Geschichte kennen. Und es ist nicht einfach ein entschuldbares Versehen, wenn ein Lehrer flapsige Sprüche macht. Oder wenn auf diesem Titelbild Frauen nicht existieren.

«Ich muss für meine Musik kämpfen»

Es macht mich ohnmächtig. Als Frau und als Mutter. Die hochbegabte Fanny Hensel Mendelssohn klagte einst verzweifelt: «Dass man übrigens seine elende Weibsnatur jeden Tag, auf jedem Schritt seines Lebens von den Herren der Schöpfung vorgerückt bekömmt, ist ein Punkt, der einen in Wuth (…) bringen könnte, wenn nicht dadurch das Uebel ärger würde.»

Ihr Vater genauso wie ihr erfolgreicher Bruder Felix Mendelssohn hatten ihr untersagt, ihre eigenen Kompositionen zu drucken und ihr Genie zum Beruf zu machen. Eigenes Geld zu verdienen gehörte sich für Frauen nicht. Fanny durfte an den Hauskonzerten ihre Stücke spielen und sich mit ihrem Bruder austauschen. Ihn unterstützen. Clara Schumann, Louise Farrenc, Lily Boulanger, Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel, Meredith Monk, Ruth Crawford Seeger, Violeta Dinescu.

Inzwischen habe ich eine grosse Sammlung von Namen. Und ich klebe für meine Tochter ein neues Titelbild. Zum Beispiel ist Ethel Smyth abgebildet. Exzentrisch, kämpferisch und voller Energie ging sie unbeirrt ihren Weg. Sie erkämpfte sich ihr Musikstudium in Leipzig mit einem Hungerstreik, eisigem Schweigen und der Verweigerung von Kirchen-, Dinner- und Ballbesuchen, wie es einer jungen Lady aus einer viktorianischen Familie eigentlich angestanden hätte. Entnervt gaben ihre Eltern nach. Ethel sagte: «Ich muss für meine Musik kämpfen, weil ich will, dass Frauen sich grossen und schwierigen Aufgaben widmen: Sie sollen sich nicht ans Ufer klammern, weil sie Angst haben, in See zu stechen.»

Grund genug, wütend zu sein

Sofija Asgatovna Gubajdulina, Hope Lee, Camille van Lunen, Joan Baez, Myra Hess, Bonnie Raitt, Meredith Monk, Vivienne Olive, Florentine Mulsant, Nadja Zela, Ruth Crawford Seeger, Grazyna Bacewicz, Meshell Ndegeocello, Lhasa, Nico, Yoko Ono, Lotte Lenya, Irene Schweizer, Laurie Anderson, Meredith Monk, Kleenex / Liliput, Carla Bley, Karen Dalton.


Die US-Jazzerin Meshell Ndegeocello live im Fernsehen. Quelle: Youtube/RTL

Ich wünschte mir, dass meine Töchter und ihre Klassen wissen, was diesen Frauen die Musik bedeutete und bedeutet. Und wie die Lebensumstände oft das weibliche Talent verkümmern liessen: Mélanie Bonis zum Beispiel. Sie heiratete auf Drängen ihrer Eltern den 22 Jahre älteren Albert Domange. Er brachte als zweifacher Witwer fünf Kinder in die Ehe. Mélanie Bonis selber gebar vier weitere. Bonis konnte sich erst spät im Leben ernsthaft der Komposition widmen und brachte einiges zustande. Sie starb 1937.

Brigitte Fontaine, Catherine Ribeiro, Florence Foster Jenkins, Nathalie Merchant, Abbey Lincoln, Eartha Kitt, Lydia Lunch, PJ Harvey, Annette Peacock, Lula Pena, Les Reines Prochaines, Julie Tippetts, Dagmar Krause, Patti Smith, Lora Logic, Siouxsie Banshee, Lindsay Cooper, Le Mystere Des Voix Bulgares, Om Kalsoum, Cibo Matto, Mother Gong, Joanna Newsom, Alela Diane, Mögel, Raincoats, Slits, Karimouche, Melissa Auf der Maur.


Patti Smith spielt ihren Hit «Because the Night», 1978. Quelle: Youtube/smitcee

Die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Und ich finde schon, dass wir Frauen manchmal wütend sein müssen. Es gibt schon Grund dazu.

Lesen Sie zum Thema auch den Papablog von Markus Tschannen: Geschlechtervorbilder werden überschätzt.