«Geburten lassen sich nicht planen»

«Die Frauen müssen verstehen, was im Gebärsaal passiert», sagt die Hebamme, «sie müssen mit uns auf dem Weg sein.» Foto: Rawpixel.com (Pexels)

Frau Krebs, meine Freundin möchte demnächst ihr Kind zu Hause gebären. Sie fürchtet die Entfremdung vom natürlichen Geburtsvorgang im Spital und die Interventionsspirale.
Die Interventionsspirale – wenn also ein Eingriff in den Geburtsverlauf viele weitere nach sich zieht – ist im klinischen Kontext tatsächlich ein grosses Thema. Ich bin aber überzeugt davon, dass sich diese Spirale beeinflussen lässt, und zwar sowohl auf psychologischer wie auch auf physiologischer Ebene.

Und zwar wie?
Unterstützend ist eine gute Geburtsvorbereitung. Nebst dem nötigen theoretischen Wissen über die einzelnen Phasen der Geburt geht es auch darum, dass sich die Gebärenden selbst kennen. Dabei sollten folgende Fragen beantwortet werden: Was hilft mir, um in extremen Situation durchzuhalten? Welche mentalen Strategien und Körperübungen kann ich mir aneignen, um mit Schmerzen umzugehen? Wenn eine Frau vorbereitet und selbstbestimmt in die Geburt geht, ist es unser Ziel, die Frau darin zu stärken und zu unterstützen.

Ihr schweizweit einzigartiges Angebot der hebammengeleiteten Geburtshilfe soll diese natürliche, selbstbestimmte Geburt im Krankenhaussetting ermöglichen.
Genau. Die Gebärenden werden von einer Hebamme individuell betreut, während die Ärztinnen in Rufweite bleiben. Bei Komplikationen können wir sie jederzeit dazu holen.

Dominique Krebs, Hebamme seit elf Jahren, leitet die Gebärabteilung im Zürcher Stadtspital Triemli seit 2013. Sie ist Mutter einer 2-jährigen Tochter.

Das Beste aus beiden Welten?
Das Angebot ist auf Frauen ausgerichtet, die sich eine natürliche Geburt wünschen – dabei jedoch nicht auf die Sicherheit eines Spitals im Hintergrund verzichten möchten.

Natürlich und selbstbestimmt – was heisst das im Geburtskontext genau?
Natürlich gebären heisst in dem Fall: Ohne Schmerzmittel und in kontinuierlicher Betreuung durch die Hebamme, die auf die individuellen Bedürfnisse der Gebärenden eingehen kann. Dabei können zum Beispiel Methoden wie Homöopathie oder geburtshilfliche Akupunktur zum Einsatz kommen. Wir haben uns zurückbesinnt auf die Wurzeln des Hebammenhandwerks.

Zurück zu den Wurzeln – diese Sehnsucht ist in vielen Lebensbereichen spürbar. Stellen Sie einen Trend hin zu natürlichen Geburten fest?
Die Zahlen sind leicht steigend, ja. Es ist jedoch noch ein anteilsmässig kleiner Teil der Frauen, die sich für eine hebammengeleitete Geburt entscheiden.

Was geschieht, wenn diese Entscheidung bei der Geburt ins Wanken gerät?
Wenn sich eine Frau bewusst für die hebammengeleitete Geburt entschieden hat, steckt da ein gewisser Prozess der Auseinandersetzung dahinter. Ein Wunsch. Daran werden die Frauen auch erinnert – und entsprechend motiviert! Ganz wichtig sind dabei die Begleitpersonen, die diese Auseinandersetzung im besten Falle mitgemacht haben. Sie können ganz viel Kraft geben. Eine Geburt kann aber auch ganz anders verlaufen, als es sich die Frau im Vorhinein vorgestellt hat. Dann gilt es, gut zu informieren, um der Frau den Druck zu nehmen und Enttäuschungen zu vermeiden.

Enttäuschungen in welchem Sinne?
Dass eine Frau beispielsweise Schmerzmittel benötigt, obwohl sie sich das vor der Geburt nicht gewünscht hat. Hier ist es wichtig, der Frau zu erklären, dass sich eine Geburt nur bedingt steuern lässt und eine Abweichung von der gewünschten natürlichen Geburt – in welcher Form auch immer – nicht ihr Fehler ist.

Erleben Sie das oft?
Dass die Vorstellungen von der Geburt und die erlebte Geburt auseinanderklaffen, das gibt es immer wieder. Rigide Vorstellungen und fixe Geburtspläne sind da sicher nicht hilfreich. Geburten lassen sich nicht planen. Wichtig ist hier die Möglichkeit, die Geburt – übrigens auch noch viel später – mit uns nachbesprechen zu können. Das ist alles genau dokumentiert. Gerade auch vor der Geburt eines weiteren Kindes wollen viele Frauen die erste Geburt loslassen können.

Was aber, wenn dieses Loslassen nicht gelingt? Traumatisch erlebte Geburten – gar Missbrauchserfahrungen während der Geburt – werden immer mehr thematisiert.
Das ist ein Thema, das mich sehr betroffen macht. Dabei ist wichtig festzuhalten, dass das geburtshilfliche Team nach bestem Wissen und Gewissen handelt, was nicht immer deckungsgleich mit der Wahrnehmung der Frau ist. Als Geburtshelfer(in) muss man sich vergegenwärtigen, wie gewisse Äusserungen und Interventionen unter der Geburt von Frauen empfunden werden können. Die Frauen müssen verstehen, was im Gebärsaal passiert – sie müssen mit uns auf dem Weg sein. In keinem Moment dürfen Sie das Gefühl haben, dass gegen ihren Willen Macht über sie ausgeübt wird. Sie stecken in einer psychischen und physischen Extremsituation, haben kein Gefühl mehr für Zeit und Raum, sind vollgepumpt mit Endorphinen …

… und unheimlich verletzlich.
Genau. Auch deshalb ist es so wichtig, dass Frauen ihre Bedürfnisse und ihre No-gos kennen – und diese ausdrücken können. Darin müssen wir sie stärken.

Fotos: Zürcher Stadtspital Triemli

Das Angebot der hebammengeleiteten Geburten in der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli besteht seit Januar 2015. Es entstand auch aus der Idee, die Kompetenzerfahrung der Hebammen im Spital zu stärken und diese ihr Wissen und ihr Handwerk voll ausschöpfen zu lassen.

Interessierte Frauen werden zu einem Vorgespräch eingeladen, bei welchem ihre Eignung abgeklärt wird. Voraussetzung ist eine gesunde, komplikationsfreie Schwangerschaft. Treten bei einer hebammengeleiteten Geburt Komplikationen auf, erfolgt automatisch der Übertritt in eine ärztlich mitbetreute Geburt. Mehr Infos gibt es hier.

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