Ich bin bereit für den Kindergarten

Da kommen Erinnerungen auf: Ein Vater näht mit seiner Nähmaschine. Foto: Getty Images

«Papa, es heisst Basisstufe, nicht Kindergarten», korrigiert mich der Brecht. Er freut sich: endlich mit richtigen Kindern spielen! Ich werde es vermissen, mich als Kind zu verkleiden, damit der Brecht gleichaltrige Spielkameraden hat. Aber gut, man muss auch loslassen können.

Vor ein paar Wochen erhielten wir die Liste mit all den Utensilien, die der Brecht am ersten Tag mitbringen soll:

  • Rucksack: «Bitte mit Platz für eine A4-Mappe», also zwingend doppelt so breit wie das Kind.
  • Farbstifte: Garandaasch natürli, alles andere ist glaubs Blasphemie.
  • Finken: Der Brecht würde lieber in Socken rumlaufen, aber Finken gehören in der Schweiz zur gutbürgerlichen Sozialerziehung.
  • Znünibox: Subversive Eltern wählen ein Modell mit geheimem Doppelboden für bis zu drei Milchschnitten.
  • Turntasche und Turnkleidung: Mit Teflon beschichtet, damit die anderen Kinder beim Fangen abrutschen.
  • Turnschuhe: «Wenn sie schwarze Sohlen haben, melden wir das der KESB.»

Als erfahrener Familienlogistiker rüstete ich den Brecht rasch aus und beschriftete jedes Teil mit verschiedensten Spezialstiften aus der Weltraumforschung. Wie der Beginn eines neuen Lebensabschnitts fühlte sich das noch nicht an.

Der Geruch von Nähmaschinenöl

Doch da stand noch etwas auf der Liste: eine Malschürze. Himmel, die Malschürze! Dieses besondere Kleidungsstück hatte ich in den letzten dreissig Jahren komplett vergessen. Der Hinweis in Klammern weckte gleich noch mehr Erinnerungen: «z.B. altes Hemd, Ärmel mit Gummizug»

Hach ja! Mutti feuerte damals ihre Bernina ein, und schneiderte Vaters Edelweisshemd vom letzten Eidgenössischen so um, dass sich der kleine Markus die braune Manchesterhose nicht mit Gouache einsauen würde. (Hab ich natürlich trotzdem geschafft.)

«Heute läuft das anders», dachte ich wehmütig, als ich im mehrstöckigen Innenstadtkaufhaus vor dem Gestell mit den Malschürzli stand. «Wer hat denn noch eine Nähmaschine?» Etwas lustlos blätterte ich durch die Auslage: «Elsa, Cars, Fussball, Einhorn, Elsa, Minions … ha!» Tatsächlich hing da ein ganz hübsches Exemplar, für das der Hersteller kein Schutzgeld an Disney-Pixar abdrücken musste. Ich schritt zur Kasse. Erst zügig, dann immer langsamer. Schliesslich ging ich zurück zum Gestell, hing das Kommerzmäntelchen hin und schlug mich ins Stockwerk mit der Haushaltselektronik durch.

Zickzack, Klett und Gummizug

Ich bin kein Mensch der Traditionen, doch so viel Nostalgie muss sein. Noch am selben Abend nahm ich meine neue Nähmaschine in Betrieb. Über zwanzig Jahre waren seit dem Handarbeitsunterricht bei Frau Burri verstrichen. Wie ging das gleich? Unterfaden überspulen, alles unter wüstem Fluchen einfädeln, Probestiche. Der erste Nähversuch brachte einen hübschen Kissenbezug hervor und so machte ich mich an die eigentliche Aufgabe.

Ich wählte ein schwarzes Hemd, aus dem ich aufgrund meiner Obsession für Zuger Kirschtorte längst «herausgewachsen» war. Also los! Ärmel kürzen, Gummizug rein. Knopfleiste abschneiden, Klettbänder annähen. Einen lustigen Stehkragen basteln und voilà: Der Brecht sieht beim Malen künftig aus wie eine unheilige Kreuzung aus Priester und Phantom der Oper.

DAS ist ein neuer Lebensabschnitt

Ich bin jetzt bereit für den Kindergarten. Möge der Brecht in zerrissenen Hosen nach Hause kommen oder sich beschweren, dass Maximilian-Jason den schöneren Sonnenhut trägt. Meine Nähmaschine und ich werden eine Lösung finden.

Lange grauste mir vor den Basteltagen im Kindergarten. Heute bin ich zuversichtlich, auch dort meine Berufung zu entdecken. Und sollte schnitzen nicht so meins sein, nähe ich einfach ein Plüsch-Räbeliechtli.