Best of: Leider keine Satire

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autoren. Deshalb publizieren wir einige Beiträge, die besonders viel zu reden gaben. Dieser Beitrag erschien erstmals am 27. März 2018.

Alles kulminiert in der Klumisierung: Kuchendegustation mit Heidi Klum (r.) und zwei Finalistinnen von 2013. Foto: Kay Nietfeld (EPA, Keystone)

Jahrelang haben wir unsere Kinder von verstörenden Fernsehinhalten ferngehalten. Mittlerweile wünschte ich mir, sie täten dasselbe für uns. In den letzten Wochen führte mich unsere Tochter an eine TV-Sendung heran, die mich nachts um den Schlaf bringen könnte: Auch wir sind ins GNTM-Zeitalter eingetreten: «Germany’s Next Top Model». Heidi Klum. Sie wissen schon.

Beim langfristigen Erfolg der Sendung – aktuell läuft die 13. Staffel – war ja klar, dass es vielleicht eines Tages auch bei uns so weit sein würde. Und natürlich stieg ich nicht ganz ahnungslos in die klumsche Modelmaschinerie ein. Sie ist inzwischen so was wie Teil des kollektiven Bewusstseins geworden.

Mein offizieller Start geriet dann doch etwas steil: mit dem Nacktshooting. Und auf einmal heulten all die jungen Frauen in Grossaufnahme in unser Wohnzimmer hinein, weil sie so gerne etwas Stoff anbehalten hätten.

Bei allem Gerede von «Diversity»: Prosieben zeigt eine Welt, in der Frauen, pardon: «Meeedschen», Objekte, unterwürfig und gefällig sind, bloss nicht «meckern» sollen und vor allem eins drauf haben müssen, nämlich sich sexy genug in Pose zu werfen. (Aber nicht zu sexy, denn das wäre billig!)

Einhorn-Rodeo in Tüll

Von den dramatischen Tränen vor dem Umstyling über das überkandidelte Kreischen wegen gesponserten Kleidern bis zum Zickenkrieg jenseits des Catwalks: Sämtliche weiblichen Rollenklischees werden so freigiebig dargeboten wie die jungen Frauen selbst. Satire?, fragte ich mich hoffend. Doch spätestens beim Einhorn-Rodeo in Tüll schien endgültig klar, dass das wohl lustig, aber keineswegs satirisch gemeint ist. Seither möchte ich nur noch in den Bildschirm rufen: «Hey! Its 2018!»

Jedenfalls glaube ich, wir wären ohne GNTM besser dran. Dennoch, meine erste Entrüstung hat sich gelegt. Wirklich erstaunen mag die Existenz der Sendung dann doch nicht: Was ist sie anderes als eine nächste logische Stufe im Konsum- und Medienangebot heutiger Mädchengenerationen?

Und das ist es doch, was zu denken geben sollte: dass es Generationen sind, die Prinzessinnen-Zauberstäbe schon in die Wiege gelegt bekommen. Denen Baby-Bikinis mit Rüschen verkauft werden. Von dort ist es nicht mehr weit bis zu Kinderschminksets mit Namen wie Crazy Chic oder Starmodel. Alles Marketing, klar. Aber mittlerweile herrscht diese binäre Geschlechterordnung schon in Spielwarengeschäften in einer Penetranz vor, dass selbst der Kauf eines Kindergeburtstag-Mitbringsels zur Entscheidung zwingt zwischen klein beigeben und purer Provokation, also zwischen Glitzer-Chrälleli und Plastik-Schlagbohrer.

«Der Job ist für niemanden was»

Vor allem hübsch und gefällig sollen sie sein, die Mädchen, schon von klein auf. Der Objektstatus wird früh verinnerlicht und das Hübschheitsdiktat allzu bald ergänzt um jenes der Sexyness. Überrascht es da dann wirklich noch, wenn irgendwann alles in der Klumisierung kulminiert?

«Ist vielleicht nicht für jeden, dieser Job!» Mit eisgekühlten Worten vermeintlichen Trostes für eines der «Meedschen» reisst mich Heidi aus meinen unrosa Gedanken. «Der ist für niemanden was», kontert unsere Tochter. Womit sich zumindest für den Moment doch noch ein pastelliger Filter der Zuversicht über meinen Anflug von Kulturpessimismus legt.

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