Kinder gehören aufs Land, oder?

Allen Vorurteilen zum Trotz: Familienfreundliches Wohnen hat viele Gesichter. (Foto: iStock)

Wer nicht bereits in einem idyllischen Häuschen mit Garten wohnt, kennt sie wahrscheinlich: Kommentare mit Verweis auf die stark befahrene Strasse, den fehlenden Lift oder den französischen Balkon: «Ihr wollt doch nicht wirklich hier wohnen bleiben mit dem Kleinen?» Bloss, weil wir nun Eltern sind, müssen wir doch nicht in ein Einfamilienhaus im Grünen ziehen. Wie kleinkariert. Und dann der weite Weg zur Lieblingsbar. Dachte man vielleicht bis vor kurzem.

Denkbar, dass man mittlerweile feststellte: Die Bar wäre zwar in der Nähe. Der Weg ist trotzdem ziemlich weit geworden. Auch der Strassenlärm scheint plötzlich lauter zu dröhnen. Im Sommer werden mit sorgenvollem Gesicht die erhöhten Ozon-, im Winter mit ebenso sorgenvollem Gesicht die ebenso erhöhten Feinstaubwerte verfolgt. Der Gedanke drängt sich auf: Wie lange, bis der Lungenfunktionswert des Babys mit jenem des Marlboro-Mannes mithalten kann?

So ein Wohnung-Such-Abo tut nicht weh …

Die Bedenken legen sich mit der Zeit und der Gewöhnung an die neue Situation. Es leben ja auch andere Kinder im Quartier. Die atmen noch ohne Inhalator. Aber das Baby wächst, genau wie, irgendwie, die Anzahl der Stufen in den fünften Stock. Dagegen scheint der Platz laufend zu schrumpfen. Überall liegen Spielsachen herum. Das kleine Abstellzimmer taugt als Kinderzimmer doch nicht so gut wie angenommen.

Ein bisschen kinderfreundlicher könnte es sein … und so ein Online-Wohnungs-Such-Abo tut nicht weh. Mehr Platz, Balkon und Lift wären praktisch. Und wie weit ist es hier eigentlich bis zum nächsten Schulhaus?

Doch der urbane Wohnungsmarkt ist trocken, das Budget limitiert, die Suche frustrierend. Weiterhin pilgern Eltern und Kind zweimal täglich über drei Strassenkreuzungen zum mehrere Hundert Meter entfernten Spielplatz. Mitgeschleppt werden: ein Dreirad, ein Ball, fünf Plastikeimer, siebenundzwanzig Sandförmchen, drei Packungen Dinkelcracker, eine Tupperdose mit Apfelschnitzen, eine Wasserflasche, eine Tube Sonnencreme, ein Hütchen, eine Regenhose, Wickel-, Desinfektions- und Verbandszeugs sowie, nicht zu vergessen, ein Bärentöter.

Warum eigentlich nicht?

Halt die nötigen Dinge, damit das Kind die nächsten zwei Stunden unbeschadet überlebt da draussen. Klar haben die Eltern ob dem Geschleppe bald Fata Morganas von grossen Gärten. So weicht er allmählich auf, dieser anfängliche Widerstand gegen einen Umzug aus den urbanen Gefilden. Schliesslich ist es so weit. Eines Tages ploppt unter «Kauf» dieses Immobilieninserat auf. «Sechs-Zimmer-Bauernhaus in ländlicher Idylle». Das elterliche Gesicht entspannt sich, wird freundlich. Der kleine Goldschatz soll doch künftig auch allein draussen spielen können. In der Stadt sind die Wohnungen ohnehin unbezahlbar. Ja, und was Eigenes … warum eigentlich nicht?

«Ihr seid plötzlich so spiessig!», platzt es nun aus der alten Bekannten, mit der man nur zufällig, na ja, in eine Diskussion über den aktuellen Hypothekarzinssatz geriet. Doch Spiessigkeit ist Einstellungssache, wird die eigene Erschütterung über die Unterstellung abgewiegelt. Und Einstellung ist die halbe Miete. Aber nun geht es um Eigentum.

Nicht doch, werfen überzeugte Stadteltern ein. Sie bleiben standhaft in ihrer renovationsbedürftigen Altbauwohnung mitten in der City und zählen gern die Vorteile der Urbanität auf. «Ach, ihr redet euch das doch schön!», müssen sie sich daraufhin anhören. Vor allem von jenen Eltern, bei denen sich nun doch leise Zweifel am Umzug ins Grüne regen. Doch sobald diese wieder mal auf Gleichgesinnte treffen, trösten sie sich mit dem Austausch eines wissenden Lächelns und löchern dann die frisch entbundene Kollegin, ob sie wirklich gedenkt, in ihrem überteuerten Loft in Downtown zu bleiben, so mit Baby.

Stadtlust oder Landidylle?

Familienfreundliches Wohnen ist wie ein heiliger Gral. Alle suchen danach, doch irgendwie ist nie völlig klar, wie es aussieht. Bezahlbare Objekte im Grünen, ruhig und trotzdem verkehrsgünstig gelegen, mit Spielplätzen und einem guten Schulhaus? Hört sich idyllisch an. Doch vielleicht gibt es im städtischen Park mehr andere Kinder zum Spielen als in der verkehrsberuhigten Zufahrtsstrasse auf dem Land. Und erst die kurzen Distanzen, um den Teenager dereinst um zwei Uhr morgens vom Club abzuholen. (Zudem der eigene Weg in die Lieblingsbar, der irgendwann wieder kürzer wird. Wenn schon langfristig denken, dann richtig.)

Hier wie da kann es sich auch mit Kind gut leben lassen. Kann. Nicht muss. Wie meistens. Allen Kommentaren zum Trotz.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch «Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!», erschienen im Goldegg-Verlag

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