Von Erstgeborenen und Nesthäkchen

Mamablog

Ältere oder jüngere Geschwister zu haben, ist für Kinder eine prägende Erfahrung. Foto: iStock

Es gibt Dinge, die haften in meinem Hirn so hartnäckig wie neulich der selbst gemachte Slime an unserer Kinderzimmerdecke. Die typischen Rollen zum Beispiel, die Geschwistern gern unterstellt werden: dass Erstgeborene dominant seien oder altklug, die sogenannten Sandwichkinder kompetitiv oder vermittelnd und Nesthäkchen entweder verwöhnt, rebellisch oder beides. Von den Vorurteilen gegenüber Einzelkindern ganz zu schweigen!

Auch wenn ich stets versuche, unsere Kinder mit der gleichen «Brille» zu betrachten: Manchmal geistert einfach noch eine Portion Alfred Adler, wenn auch wohl frei interpretiert, in meinem Kopf herum. Der österreichische Arzt und Psychotherapeut hatte sich als einer der Ersten mit der Stellung des Individuums in der Geschwisterreihe befasst. Er war davon überzeugt, dass unsere Position in der Familie untilgbare Spuren in unserem Lebensstil hinterlässt. Seit Adler sind bald hundert Jahre vergangen. Es gibt neuere Studien, die zum Schluss kommen, dass die Geschwisterkonstellation kaum Einfluss auf unsere Persönlichkeit hat. Doch wie dem auch sei, nach wie vor wird mein Versuch einer neutralen Sicht zuverlässig von meinem «Adlerauge» torpediert.

Objektivität gibt es nicht

Kürzlich wurde mir dies wieder einmal bewusst: Meine Eltern hatten ihre alten Super-8-Aufnahmen digitalisieren lassen. Die familiären Zeitdokumente «Sommer 77» und «Weihnachten 78» nach all den Jahren anzuschauen, war wie eine archäologische Grabung in persönlichen Sedimentschichten. Und neben der fast plakativen Demonstration der eigenen Vergänglichkeit schienen sie auch die Umwandlung vager Erinnerungen in so etwas wie objektive Tatsachen hinzukriegen. Es zeigte sich: Im Tragen von Topffrisuren und Manchester-Hochwasserhosen glichen wir vier Geschwister uns wie Zwillinge hoch zwei. Doch sonst kamen mir die Aufnahmen vor wie die Verfilmung eines (möglicherweise antiquarischen) Lehrbuchs zur Geschwisterpsychologie: Hier die grosse Schwester, die die Jüngeren behütet und auch mal ganz schön dominant herumgestikuliert. Da die Mittelkinder, unausweichlich in der Mitte, aber nie im Zentrum. Dort das Nesthäkchen, von allen geherzt – und herzlich oft im Weg.

Wir schienen der Theorie zu entsprechen wie psychedelische Tapetenmuster dem Zeitgeist. Aber so viel Treffsicherheit? Das machte mich doch stutzig. Und man weiss ja: Objektivität gibt es nicht, Aufzeichnungen hin oder her. Ist es ein Wunder, dass ich die Dinge sehe, wie ich sie sehe, wenn das Modell im Kopf verinnerlicht ist? Mit der Wahrnehmung ist es wie bei Vexierbildern: Hat man eine Variante erblickt, ist komplettes Umdenken gefragt, um auch die andere zu erkennen. Vielleicht kostet es mich ja auch deshalb bis heute gelegentlich Anstrengung, mich im Kreis meiner Geschwister nicht zu fühlen wie Kevin aus «Kevin allein zu Haus», der vor der Abreise nach Paris vergessen ging.

Grosser Kleiner, kleine Grosse

Denn ja, ich war die Jüngste. Und bin es natürlich noch. Und auch wenn ich mich längst mit den Vor- und Nachteilen dieser Rolle arrangiert zu haben glaube: Noch immer wird mir unbehaglich, wenn ich heute beobachte, wie unsere Grösseren dem Kleinen die Welt erklären. Wie das nerven kann, weiss ich aus Erfahrung. Was unsere Älteste dagegen fühlt, wenn sie wieder mal zur Vernunft ermahnt wird, kann ich mir nur theoretisch ausmalen. (Von wegen neutrale Sicht…)

Unversucht will ich es dennoch nicht lassen. Eltern können kaum verhindern, dass jedes Kind sich seine Nische sucht. Aber muss es ganz so abgekartet sein? Die eigene Prägung und deren Auswirkungen auf die persönliche Erziehungshaltung zu hinterfragen, kann nicht schaden. Um Theorien nicht zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen zu machen. Um eingefahrene Muster etwas aufzulockern. Oder um immerhin hie und da dazu beizutragen, dass sich nicht nur der Kleine mal gross, sondern auch die Grosse mal klein und die Mittlere im Aufmerksamkeitsfokus fühlen dürfen.

Übrigens: Es war mühsam, aber den Slime haben wir von der Decke wegkratzen können. Man sieht nur noch Spuren.

18 Kommentare zu «Von Erstgeborenen und Nesthäkchen»

  • Hanna Schmuki sagt:

    Der Artikel ist mir zu oberflächlich. Die Positionen oder Reihenfolgen der Geburten in einer Familie ist ein Thema. Vor allem das sogenannte „Sandwich-Baby“ wird in der Schweiz immer noch totgeschwiegen. Früher gab es einmal den Ausdruck „Prügelknabe“, und von einem „Sandwich-Baby“ hatte man noch keine Ahnung. Die grausame Behandlung der Eltern sowie der Geschwister geht bis ins hohe Erwachsenenalter weiter. Darüber sollte man einmal berichten ! Meiner Meinung nach sollte sich die Psychologie mehr mit den Familienkonstellationen beschäftigen. Nicht lustig !

    • Brunhild Steiner sagt:

      @Hanna Schmuki
      familieninterner Missbrauch kann, wenn die dafür notwendigen Voraussetzungen gegeben sind, jedes Kind treffen, samt Verschleppung bis ins Erwachsenenalter. Ich denke nicht dass man „Sandwich-Babies“ (oder der Umgang mit ihnen) totschweigt.
      Die Statistiken zu Kindergewalt, bspw der Gewaltschutzgruppe vom Kispi, werden jeweils öffentlich gemacht. Und dass es leider eine Dunkelziffer gibt wird nicht totgeschwiegen, bloss wird es schwierig wenn es um greifende Massnahmen/Unterstützung geht. Wer würde schon regelmässige Familienbesuche willkommen heissen?

      • Hanna Schmuki sagt:

        Sie sind genau wieder eine von diesen Personen, die wiederum etwas abstreitet und ein anderes Thema anschneidet, um von den Unannehmlichkeiten abzulenken. Es geht nicht um einen sexuellen Missbrauch oder nur um zugefügte körperliche Verletzungen. Wenn Sie sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen möchten, lesen Sie englische Artikel darüber.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Hanna Schmuki
        ich habe von familieninternem Missbrauch geschrieben, der umfasst auch körperlichen und psychischen/emotionalen Missbrauch der Konsequenzen bis ins Erwachsenenalter hat; woraus Sie ableiten dass ich mich zuwenig damit auseinandergesetzt hätte ist mir nicht ganz klar.

        Von Missbrauch (egal auf welchem Gebiet) sind alle Kinder betroffen, weshalb sich auf eine bestimmte Geschwisterposition fokussieren wenn alle von Gewalt betroffen sein können, kann ich nicht nachvollziehen. Zu einer ernsthaften Auseinandersetzung gehört für mich dass kein Opfer ausgeschlossen wird.

  • Monique Saulnier sagt:

    „Was unsere Älteste dagegen fühlt, wenn sie wieder mal zur Vernunft ermahnt wird, kann ich mir nur theoretisch ausmalen.“
    Ich bin die Älteste. Glauben Sie mir, es gab eine Zeit, in der ich das Wort Vernunft hasste, es aus meinem Vokabular streichen, nein, reissen wollte!

  • Beat sagt:

    Wir versuchen…
    unserem Ersten nicht zu viel Verantwortung aufzuhalsen
    unsere Zweite nicht zwischen Stuhl und Bank fallen zu lassen
    unseren Dritten in die Familie zu integrieren
    unsere Vierte nicht im Bettchen zu vergessen

    Wir geben unser Bestes und sind auf die spätere Beurteilung der Kinder gespannt.

  • Lina Peeterbach sagt:

    Zum Glück sind wir alle von Natur aus mehr oder weniger mit einer Fähigkeit ausgestattet, die man Resilienz nennt. Nichts im Leben ist perfekt, und die jede Position in der Geschwisterfolge hat ihre Vor- und Nachteile: Deal with it!
    Viel wichtiger als diese Position zu thematisieren finde ich es, meine Kinder als eigenständige Persönlichkeiten wahrzunehmen, die vieles bereits mitbringen. Wir Eltern meinen immer, wir könnten so viel formen, dabei habe ich immer mehr das Gefühl, dass wir nur den Rahmen für die eigenständige Entwicklung bieten dürfen. Natürlich tragen wir für ganz grundsätzliche Dinge durchaus eine Verantwortung, wie z.B. Grundvertrauen, Selbstwertgefühl, Wertekanon etc. Aber das „Finetuning“ kommt von den Kindern selber, relativ unabhängig von den äusseren Umständen.

  • k. miller sagt:

    Die Reihenfolge der Geschwister ist gegeben, daran können wir nichts ändern. Und ja, häufig sind die Rollen klar verteilt, meist unbewusst, aus der Situation heraus. Man kann aus dem Ältesten nicht den Jüngsten machen oder umgekehrt. Aber man kann – als Eltern – dies immer wieder reflektieren. Etwas, was die Generationen vor uns wohl eher selten gemacht haben. Hier liegt die Chance, aus der eigenen Vergangenheit zu lernen. Ich sehe das an meinem Bruder, der unter der „Mittelkind-Rolle“ recht gelitten hat und später bei seinen eigenen Mittelkindern auf gewisse typische Systematiken bewusst geachtet hat.

  • 13 sagt:

    Ich bin durchaus der Meinung, dass die Geschwisterkonstellation einen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung hat,. Selbstverständlich ist die Rolle und die Persönlichkeit nicht das Gleiche, aber nicht alle Persönlichkeitsmerkmale sind bei der Geburt festgelegt, die Persönlichkeit entwickelt sich durch die Erfahrungen, die ein Mensch macht und diese sind als ältestes, mittleres oder jüngeres Geschwister nicht zwangsläufig die Gleichen. Mein ältestes Kind ist sehr verantwortungsvoll und selbständig, auch wenn ich sie mit ihren gleichalterigen Freunden vergleiche. Ob sie das auch wäre, wenn sie die Verantwortung nicht tragen müsste, weiss ich nicht, aber das es keinen Einfluss hat, kann ich nicht glauben.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Ja das stimmt schon auch. Unsere Erfahrungen prägen auch unsere Persönlichkeit. Aber ich denke es ist schon wichtig, das grundsätzlich auseinanderzuhalten. Weil allzu oft wird die Rolle (bzw. das Rollenklischee) einfach zur „Persönlichkeit“ erklärt.

      • Muttis Liebling sagt:

        Rollen sind eine Schutzkleidung für die Persönlichkeit. In den meisten Situationen ist es unvorteilhaft, sich als Person einzubringen. Nicht nur am Arbeitsplatz, oder in der Oper, neuerdings vor allem im Internet.

        Für all diese Situationen hält man am besten angepasste Rollen bereit, welche die Anforderungen erfüllen, ohne die Person in die Schusslinie zu bringen.

        Rollen sind zu Unrecht in Misskredit geraten. Im öffentlichen Raum sollte man ausschliesslich mit Rollen operieren. Eigentlich machen das auch alle erwachsenen Menschen ab der Pubertät, leider nur nicht immer bewusst. Dann gibt es Rückfälle in und damit Rückschlüsse auf die Persönlichkeit. Das hatten wir hier unlängst beim Thema Preisgabe individueller Daten im Netz.

      • 13 sagt:

        Ganz sicher, ist es das. Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber sagen wir es so: Würden sich Persönlichkeitsmerkmale nicht durch das Erleben und die Erwartungshaltungen, denen wir begegnen, verändern und anpassen, gäbe es keine Rollenklischees.

      • Reincarnation of XY sagt:

        Korrekt 13, Klischees fallen nicht vom Himmel.
        Das gilt auch für alle anderen Klischees, ob es uns gefällt oder nicht.

        Aber wir müssen uns stets fragen, inwiefern Aussensicht wie Innensicht durch das Klischee verzerrt werden, bzw. inwiefern das Klischee eine tatsächliche Fremdbestimmung verursacht, gegen die wir uns bewusst stellen müssen, da es nicht wirklich unserer Persönlichkeit (bzw. der Persönlichkeit des Kindes) entspricht.

  • Jänu sagt:

    Mein Tipp: Weniger denken und grübeln, mehr leben. Frauen, hört doch endlich auf, alles und jedes erklären zu wollen und diese nicht fertig gedachten Gedanken dann auch noch der Welt vor zusetzen. Natürlich hat jede Konstellation Einfluss auf das Leben. Und Eltern sollen gar nicht verhindern, dass sich Kinder ihre Nische suchen. Wie kommt man (frau) eigentlich auf so etwas? Gibt es einen unausgesprochen Zwang zur Konformität? Darüber hinaus sollten sich Eltern bewusst sein, dass sie zwar Einfluss haben, aber dass diesem natürliche Grenzen gesetzt werden. Je mehr sie sich dirigierend in das Leben ihrer Kinder einmischen, desto heftiger wird vermutlich der Abnabelungsprozess. Wir Eltern geben doch auch unsere eigenen Neurosen an die Kinder weiter. Dort, bei sich, sollte man anfangen.

    • Reincarnation of XY sagt:

      Sie verstehen überhaupt nichts Jänu.
      Wer seine eigene Haltungen reflektiert, kann mehr leben. Denn er wird weniger fremdbestimmt und kann seinen Kindern/Mitmenschen mehr nutzen.

      Konformität entsteht gerade durch Menschen, die nicht in der Lage sind, die eigenen Haltungen zu reflektieren. Denn dann werden Prägungen (Fremdbestimmung) unreflektiert auf andere übertragen.

      Verstehen Sie das?

    • Hanna Schmuki sagt:

      @Jänu: Jede und jeder kann Kinder bekommen ohne sich dafür zu qualifizieren. Doch gibt es Konstellationen, worüber die Wissenschafter schon lange Bescheid wissen. Ich behaupte das ganz einfach. Zum Beispiel gibt es auch Analysen von zweieiigen und eineiigen Zwillingen und deren Lebensläufen. Dass die Eltern bei sich anfangen müssen, z.B. auf die Intelligenz oder Bildung ihrer Sprösslinge nicht eifersüchtig zu werden, würde zu diesem Modul gehören !

  • Reincarnation of XY sagt:

    „Die eigene Prägung und deren Auswirkungen auf die persönliche Erziehungshaltung zu hinterfragen, kann nicht schaden.“

    Das ist der relevante Satz des Textes. Jede Familienkonstellation ist anders. Klar, die Rolle des Ältesten oder des Jüngsten oder des Mittleren prägen auch. Wobei, wie ML richtig sagt: Rolle und Persönlichkeit nicht miteinander verwechselt werden darf.
    Aber es gibt noch weit mehr als das, was uns prägt. Und dies zu analysieren ist äusserst wichtig, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
    Die eigenen Kinder sind eine Chance, um sich selbst zu hinterfragen. Man reflektiert über die „Erziehungshaltung“ und von dort zu seinen Haltungen ganz allgemein.

  • Muttis Liebling sagt:

    ‚Die typischen Rollen zum Beispiel, die Geschwistern gern unterstellt werden: dass Erstgeborene dominant seien oder altklug, die sogenannten Sandwichkinder kompetitiv oder vermittelnd und Nesthäkchen entweder verwöhnt, rebellisch oder beides.‘

    Sie verwechseln da etwas, Persönlichkeitsmerkmale sind keine Rollen. Auffällige Rollen sind ‚Mutter‘, ‚Mitarbeiter‘, ‚Bürger‘, usw.. Rollen haben immer ein Zeitfenster, in welchem die auftreten und davor und danach ruhen. Ein Mensch kann fast beliebig viele Rollen gleichzeitig spielen und gleich wieder unterbrechen.

    Persönlichkeitsmerkmale sind biografische Konstanten. Rollen spielt man, auch die der Mutter, aber Persönlichkeit ist man.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.