«Können Mamas vor Traurigkeit sterben?»

Mamablog

Zwischen Trösten und Trauer: Der Tod der eigenen Eltern ist eine Zäsur im Leben. Foto: iStock

Der Beitrag von Martina Schütze, für die im Frühling die Geburt des Kindes und der Tod des Vaters zusammenkamen, berührte mich. Der Tod im Frühling ist auch meinen Kindern vertraut. Sie wussten schon früh von meinem Bruder, der im Mai, lange vor ihren Geburten, tödlich verunglückt war. Rituale der Erinnerung kannten sie bereits und sie hatten kindliche Fragen zum Sterben gestellt. Doch dann trugen Apfelblüten vor zwei Jahren erneut Trauer: Mein Vater starb. Und mir stellte sich die Frage: Wie spürt man in dem Strudel von Schmerz, was die Kinder brauchen in dieser unfassbaren Zeit?

Was tun, wenn die Bewältigung der eigenen Trauer so viel Kraft abzapft, dass man keine mehr übrig hat, um den Familienalltag zu bewältigen?

«Können Mamas eigentlich vor Traurigkeit sterben?» Ich konnte und wollte meine Tränen nicht immer zurückhalten. Aber als mein Sohn mir eines Tages diese Frage stellte, zerriss es mir das Herz. Und ich begann, meine Traurigkeit wie einen Wasserball unter die Wasseroberfläche zu drücken, auf dass sie nicht zu oft hochkam, um meine Kinder zu ängstigen. Es erwies sich als nicht funktionierende Taktik und ich musste neue Wege mit und für die Kinder finden im Umgang mit der grossen Traurigkeit.

Die für mich hilfreichsten Erkenntnisse habe ich hier zusammengetragen. Menschen trauern unterschiedlich, aber vielleicht sind Impulse dabei, die verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden.

  • Selbstversorgung. Ich wollte für meine Kinder, die ihren Grossvater vermissten, ein tröstendes, Halt gebendes Gegenüber sein und vergass mich dabei selbst. Deshalb: Mit sich in Kontakt bleiben trotz Seelennot. Den Mut haben, sein Umfeld um Entlastung anfragen und simple Zeitinseln für innere Ruhe schaffen: Spaziergänge, Sport oder andere Beschäftigungen einplanen.
  • Persönliche Zeit für Trauer schaffen. Der eine braucht dafür Kerzenschein und Fotos. Ein anderer führt einen inneren Monolog mit dem Verstorbenen. Egal wie: Der Gedanke an mein eigenes «Zeitfenster für Trauer» hilft noch heute, wenn mir Alltagsprobleme unerträglich banal erscheinen angesichts meines Verlustes. Und ich ein schlechtes Gewissen habe, weil ich nicht Zeit finde, um an die Verstorbenen in meiner Familie zu denken, obschon es mir ein Bedürfnis ist. Ich lege dieses kurze «Innehalten» auf den Abend, wenn die Kinder schlafen, denn sich bewusst in den Schmerz zu begeben, raubt Energie.
  • Trauerrituale mit den Kindern. «Sterne der Erinnerung» basteln in Form von Zeichnungen und Geschichten. Wünsche gestalten: Ein fliegender Teppich, der die Verstorbenen zu uns bringt, ein selbst gemachtes Puzzle, falls ihnen langweilig wird auf ihrem Stern. Ab und zu erzählen die Kinder meinem Vater abends von unserem Tag.
  • Akzeptieren, dass jeder Mensch anders trauert. Meine Tochter mag es bis heute nicht, über den Tod meines Vaters zu reden. Sie reagierte jeweils schroff, wenn ich sie fragte, was sie brauche. Meine Söhne hingegen weinten oft und artikulierten ihre Trauer in klaren Worten. Ich versuchte, ihren individuellen Trauerprozessen zu vertrauen.
  • Der eigene Umgang mit der Trauer. Meine Tränen schienen die Kinder zu verunsichern, obschon ich nicht häufig vor ihnen weinte. «Wenn ich spüre, dass du traurig bist, dann macht es mir ein Durcheinander im Bauch», erklärte meine Tochter. «Ich hasse es, wenn du weinst», sagte mein älterer Sohn. Ich erkläre ihnen, dass Tränen nichts Bedrohliches sind, sondern meine Traurigkeit für ein Weilchen wegwischen. Dass Weinen mich nicht krank macht, höchstens müde. Dass meine Tränen mir helfen, später wieder lachen zu können. Diese Erklärungen scheinen sie gelassener zu machen.
  • Von den Kindern lernen. Mich hat beeindruckt, wie es den Kindern gelang, sich trotz Traurigkeit voll und ganz den Freuden in der Gegenwart hinzugeben. Ich verspüre bei ihnen bis heute kein Hadern mit dem Schicksal, obschon sie Sehnsucht nach ihrem Grossvater haben. Sie versuchen sich zu trösten mit Aussagen wie «Grosspapi kann nun jeden Fussballmatch von mir sehen, denn er ist ja immer dabei und sieht auf uns runter». Oder «Seit Grosspapi gestorben ist, habe ich irgendwie mehr Glück, so als ob er mir helfen würde.» Und der Kleinste, 5 Jahre: «Gäll, Mama, die Liebe von Grosspapi kann kein Räuber aus meinem Herzli klauen.» Dann lächle ich und denke: Mein Vater wäre stolz auf seine Enkel.

Zugang zur Trauer über die Literatur: «Tod auf dem Apfelbaum», ein wunderbares Buch über die Unausweichlichkeit des Todes von Kathrin Schärer. «Weil du mir so fehlst», ein Buch zum Abschiednehmen mit Malen, Lesen und Schreiben von Ayse Bosse und Andreas Klammt. «Jolante sucht Crisula», ein berührendes Buch über die Kraft der Erinnerungen von Sebastian Loth.

Lesen Sie zum Thema auch: «Wenn das Baby im Bauch stirbt», «Mein Kind ist jetzt ein Engel» und «Wenn das eigene Kind stirbt».

34 Kommentare zu ««Können Mamas vor Traurigkeit sterben?»»

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Mich irritiert die Tabuisierung vom Sterben und somit die Tabuisierung der Trauer. Kaum ist jemand unter die Erde gebracht, sollen die Hinterbliebenen sich wieder zusammenreissen. Gestorben werden soll gefälligst abgeschottet von den Lebenden, möglichst in subventionierten Verreckanstalten (Altersheime/Pflegeheime) und Leichenwagen darf man auch nicht mehr ansehen, welche Fracht sie mit sich führen. Zudem wird es Sterbeorganisationen sehr schwer gemacht, Menschen in einer würdigen Umgebung in den Tod zu begleiten. In Wohn sowie Industriegebieten unerwünscht, wird in Autos und Wohnwagen im Akkord gestorben.

    Wenn das Sterben wieder in das Leben wieder integriert wird, wird den Trauernden wieder Raum für Trauer gegeben.

  • Einzelkind sagt:

    Manchmal frage ich mich, woran es liegt dass ich das Gefühl „Trauer“ nicht kenne. Ich habe schon zig Verwandte, Bekannte, Kollegen und auch meine Eltern verloren, manche verstarben aus Altersgründen, andere an Krankheiten oder Unfällen, wenige durch Suizid.
    Ich kann mich nicht erinnern je traurig gewesen zu sein. Manchmal dachte ich wohl, okay, der musste zu früh gehen, meist jedoch betrachtete ich den Tod eher als Erlösung.
    Tränen flossen aber noch nie, weder sichtbar noch heimlich. Jeder Mensch stirbt irgendwann, das betrachte ich extrem rational…

    • Keti sagt:

      Aha. Das ist gelinde gesagt irritierend für einen Menschen. Keine Trauer für die Mitmenschen, gar eigene Eltern?

    • Jänu sagt:

      Das tut mir leid. Für mich ist die Trauer ein bedeutender Teil der Selbstwerdung, ja der Identitätsstiftung geworden. Man wird klein, weil man sich, mehr als irgendwann anders, über die eigene Endlichkeit bewusst wird und man wird gross, weil man das Leben an sich als das grösste Geschenk wahrnimmt, das man erhalten kann. Trauer kann auch schön sein, sie kann zur inneren Ruhe beitragen, die die Angst vor dem Unvermeidlichen lindert.
      Wir können Glück (das Leben) nur wirklich dann erfahren, wenn wir auch das Unglück (den Abschied) zulassen. Mit dem anderen stirbt ein Teil der eigenen Welt, des Ichs. Der Tod der Eltern, von Freunden, von Liebsten, ja von eigenen Kindern hinterlässt eine Leere, derer man sich vorher nie so bewusst war. Ohne Trauer fällt das äusserst schwer.

    • Brigitte Svhöatter sagt:

      Das finde ich beängstigend, irritierend

  • sophie sagt:

    Als mein Enkel durch ein Autounfall star mit 26 Jahren, sagte ich meiner Tochter : er ist hinauf, bei den Engel, er sieht nun Grossvater wieder und freut sich dort. Wir hier auf der Welt sind traurig weil wir ihn nicht mehr sehen, aber er, er sieht uns. Wir können beten für ihn, und wir taten es.

  • Carolina sagt:

    Ich würde übrigens gerade bei den Themen Tod, Geburt, Trauer und Sinn des Lebens davon abraten, Allgemeingültigkeit einzufordern. Das gilt insbesondere für diejenigen hier, die meinen, mit der Ratio die höchsten Emotionen, denen wir im Leben ausgesetzt sein werden, beurteilen bzw sogar verurteilen zu können. In meiner Erfahrung sind diejenigen, die am stärksten zu Kopfschütteln neigen, dann, wenn sie selber einer solchen Situation ausgesetzt sind (und das werden wir alle irgendwann), am schlechtesten dazu geeignet, damit fertig zu werden. Daher lohnt es sich, über den Tellerrand hinauszuschauen, Menschen dabei zu beobachten und ihnen eine Art Grundrespekt entgegenzubringen, die sich in den aufwühlendsten Situationen befinden – zu be- und verurteilen ist primitiv.

    • Jänu sagt:

      Einzufordern geht sowieso nicht. Aber anzuführen gilt unbedingt. Kultureller oder ritueller, und das muss nicht ein religiöser sein, Umgang mit dem Tod und dem Abschiednehmen hilft dem Einzelnen. Es ist die Erfahrung der Generationen vor uns. Es gibt keinen Grund diese abzulehnen und den Einzelnen der grössten Frage des Lebens ohne Hilfe und Anleitung zum Umgang auszuliefern.
      Paradoxerweise plädieren Sie mit Ihrer Forderung, über den Tellerrand zu schauen und nicht „Kopzuschütteln“ auf einen allgemeingültige Regel.
      Das Beurteilen (und auch das Verurteilen, wenn es angebracht ist) ist das Reflektieren und Spiegeln des Einzelnen zum (Verhalten des) Gegenüber. Das gehört zum Menschsein und nennt sich Auseinandersetzung.

      • Carolina sagt:

        Jänu, dann lesen Sie nochmals genauer. Ich halte einen solchen Blog, der persönliche Erfahrungen schildert, für wichtig und richtig. Was mich beelendet, sind diejenigen, die meinen, Verhalten bzw Umgang mit Tod und Sterben verurteilen zu können bzw ihr eigenes Verhalten als alleinigen Massstab anzusehen. Auch Sie schreiben ja unten, man (!)…’Man muss auch keine Sterne basteln usw. Besser ist es, das Grab zu besuchen, Blumen zu setzen, es zu pflegen. Gut ist es auch eine gemeinsame Trauerfeier zu veranstalten und dann auch wieder gemeinsam zu lachen…..‘ Kann sein, kann aber auch nicht sein. Es gibt genügend Menschen, die mit einem Grab rein gar nichts anfangen können. Empathie mit anderen in Ausnahmesituationen heisst, dass man sich bewusst darüber ist, dass jeder anders ist.

    • Muttis Liebling sagt:

      Ab einer bestimmten Zivilisationsstufe sind Menschen in der Lage, im öffentlichen Raum ausschliesslich unmenschlich zu agieren. Ein kulturell und nicht biologisch geprägter Mensch trägt über dem nackten Leib der Person das genormte Kleid der sozialen Rolle.

      Wenn etwas ganz Schreckliches passiert. ist es sogar möglich, dass die Person in mir trauert. Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Aber das an mir, was sozial erscheint, das trauert nicht. Das, was an mir erscheint, hat keine psychologischen und biologischen Eigenschaften.

      In dem Fall danke ich den Genderforschungsdamen. Sie haben nahe gelegt, dass mein biologisches Geschlecht, welches ich in der Hose verstecke, keinen Einfluss auf mein sozial erscheinendes Gender hat, welches im Gegensatz zum Geschlecht jeder sehen darf.

  • Martina sagt:

    Wie können wir einander vorschreiben, wie wir zu trauern haben? Wie können wir einander vorschreiben, wie wir zu lieben haben? Meine Trauer, meine Liebe, meine Freude und mein Schmerz, dies alles sind hochpersönliche Erfahrungen. Niemand kann für mich definieren, was sie für mich bedeuten und wie ich sie erleben sollte. Finden wir nicht viel eher Annahme für eine so tiefgreifende Erfahrung wie den Tod, wenn wir aufhören im Leben bei anderen und uns selber immer alles zu bewerten, zu be- und verurteilen?

    • Brunhild Steiner sagt:

      @Martina

      alles richtig, aber damit man überhaupt zulassen kann den eigene Weg damit zu finden, ist es manchmal sehr wichtig solche Erfahrungsberichte lesen zu können, inklusive Vorschlägen des Umgangs damit.
      Denn dieses Thema ist ja nicht gerade ein Smalltalkthema und Wissen darüber eignet man sich im Normalfall, wenn alles eher rund läuft und man nicht mit Betroffenen in Kontakt kommt, auch nicht so oft und viel an.
      Um zu wissen was für einen am ehestens passt braucht es manchmal auch einen Türöffner der die verschiedenen Möglichkeiten vorstellt; weil man von alleine nicht darauf kommt. Oder in vielleicht diesbezüglich eher restriven Konstellationen lebt. Dann kann so ein Artikel sehr wohltuend wirken.

  • k. miller sagt:

    Die Trauerrituale haben sich verändert. In meiner Kindheit wurde jeden Abend zwischen Tod und Beerdigung der Rosenkranz gebetet, es gab mehrere Seelenämter, beim Leichenschmaus war Lachen verpönt, die Erwachsenen haben ein Jahr schwarze Trauerkleidung getragen. Ich fand das alles sehr bedrückend und belastend, und alles andere als ein Kind gerechter Umgang mit dem Tod. In den letzten Jahren habe ich an mehreren Beerdigungen im (immer noch) erzkatholischen Umfeld teilgenommen – welche Unterschiede! Helle Kleidung, gemeinsames Lachen (neben dem Weinen), individuelle Musik, und auf dem Grab landen neben den traditionellen Kränzen auch die von den Enkeln oder Urenkeln gebastelten Sterne usw. Und im nicht-religiösen Umfeld gibt es entsprechend weitere/andere Trauerrituale. Gut so!

  • Petra Vonlanthen sagt:

    Jeder trauert auf seine Art und Weise; Kinder wie Erwachsene. Der Tod gehört zum Leben aber wieso darf man bei Krankheit und Tod keine Emotionen zulassen, sich aber umgekehrt über eine Geburt freuen? Emotionen gehören zum Leben und Sterben, ohne wären wir gefühllose Roboter.

    • Christoph Bögli sagt:

      Emotionen zulassen: natürlich. Aber eben genau wie überall sonst sollte man diese auch etwas dosieren und moderieren können. Gerade als Eltern vor den Kindern. Man lässt ja auch nicht Wutanfälle unkontrolliert raus oder feiert völlig ungehemmt bzw. betrachtet das (zu recht) nicht unbedingt als angemessenes Verhalten. Darum: Trauern zulassen, sicher, aber sich da völlig gehen zu lassen muss nicht sein. Zumal bei manchen Trauern auch eher in Selbstmitleid umschlägt oder zum praktischen Vorwand für Suchtmittelkonsum herhalten muss..

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Christoph Bögli

        ich denke Trauer bedingt ein gewisses Mass an „Selbstmitleid“, bestünde keinerlei Verbindung und Auswirkung auf mich selber, hätte ich keinerlei Verlust zu tragen; wäre die Trauer vermutlich auch nicht so schwer. In diesem Zusammenhang würde ich das nicht negativ bewerten. Selbstverständlich hat alles seine Zeit und es gibt einen Punkt wo es diesbezüglich kritisch werden kann, man Unterstützung braucht um sich nach vorne zu richten. Insbesondere wenn Substanzmissbrauch hinzukommt.

  • Matt Kimmich sagt:

    „Das Wichtigste, was alle Menschen einschliesslich Kinder im Umgang mit Krankheit und Tod lernen müssen ist, dass die notwendig zum Leben gehören…“
    Einverstanden.
    „… und das man sich denen deshalb niemals emotional nähern darf.“
    ?!?!
    In welcher Welt ergibt letztere Aussage einen Sinn? Wir nähern uns allen Realitäten des Lebens emotional – nicht ausschliesslich, aber doch zu einem grossen Teil. Trauer, Wut, Verlustängste sind nicht grundsätzlich falsch oder schlecht. Es ist unmöglich, keinerlei Emotionen zu haben; es ist vielleicht möglich, diese Emotionen nicht zu zeigen, aber gesund ist das kaum. Ich denke, dass eher das Verdrängen von Emotionen im Umgang mit dem Tod ungesund ist – und evtl. dazu führt, dass man schlussendlich von den Emotionen beherrscht wird.

    • Muttis Liebling sagt:

      Falls Sie meinen Kommentar meinen. Krankheit und Tod sind per se emotional berührende Ereignisse. Aber genau deshalb soll man sich den Themen Krankheit und Tod nicht zusätzlich emotional nähern, sondern eine Art standardisiert rationale Bewältigungsstrategie entwerfen. Gerade in Bezug auf Kindern.

      Sehen Sie es so, falls jemand mit dem Tod eines Nächsten oder z.B. eigener schwerer Krankheit nicht mehr selbst umgehen kann, dann sucht er sich fachliche Hilfe und die macht genau das, was ich sage. Es wird ein rationales Konzept zum Umgang damit entwickelt und eingeübt.

  • Cybot sagt:

    Dass es den Kindern leichter fällt, dürfte auch daran liegen, dass ihre Eltern nicht gestorben sind. Zu den Grosseltern hat man ja meist kein annähernd so enges Verhältnis wie zu den Eltern.
    Das eigentliche Problem ist doch aber, dass in unserer Gesellschaft einfach nicht über das Sterben gesprochen wird. Wenn man mit den Eltern mal über das Ende spricht, solange sie noch leben, ist der tatsächliche Tod ein viel kleinerer Einschnitt, weil man dann auch weiss, was sich der oder die Verstorbene gewünscht hat und wie die Person selbst das ganze sah. Der Verlust bleibt natürlich, aber er kommt viel weniger unerwartet.

    • Muttis Liebling sagt:

      Es war Jahrtausende lang Teil der Kultur, dass die Familie, Kinder eingeschlossen, sich um das Bett des Sterbenden versammelt und beim Sterben zugeschaut haben. Bis zum letzten Moment. Das war nicht im Mittelalter, sondern bis in die 1950’er der Fall. Der Nichtumgang mit Tod einschliesslich irrationaler Trauerrituale ist neueren Ursprungs.

      Die Idee, gerade Kinder vor dem Prozes des Sterbens zu isolieren, ist psychologische Quacksalberei. Erklärt sich nur aus der Tendenz, das Sterben ins Spital zu verschieben.

      • Christoph Bögli sagt:

        Das trifft ja generell auf eigentlich normale Prozesse des Lebens zu, etwa Kinder. Die waren die meiste Zeit in der Menschheitsgeschichte ja einfach da und wurden nebenbei halbwegs ordentlich aufgezogen, während heute bei vielen ohne Intensivhelikoptern nichts mehr zu gehen scheint.

        Ist allerdings wohl auch ein quantitatives Problem: heute wird relativ gesehen ja so wenig geboren und gestorben wie noch nie zuvor, weshalb Erlebnisse damit immer seltener werden – und damit auch keine Gewöhnung entstehen kann. Das kann sich aber sehr schnell ändern, wie man immer mal wieder in Kriegsgebieten sieht, wo sich die Menschen extrem schnell an die Banalität des Sterbens gewöhnen können.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Christoph Bögli

        das finde ich ein nun eher schlechtes Beispiel, Menschen die in Kriegsgebieten Tod von Bekannten&Angehörigen erleben, erleben den Tod so ziemlich ganz anders als wir in doch einigermassen professionell abgedecktem Umfeld, resp sicherem Hafen. Dieses sich „daran gewöhnen“ lässt keinesweg auf einen gesunden Umgang, obengenanntes „dosieren/moderieren“ oder „nichtgehen lassen“ schliessen. Im Gegenteil. Wenn sie es dann überhaupt in sichere Gefilde schaffen, entwickeln nicht wenige von ihnen posttraumatische Belastungsstörungen. An Krieg, und durch Krieg verursachtes Leid „gewöhnt“ sich niemand in einem gesunden/konstruktiven Sinn.

  • Lisa sagt:

    So ein Drama aus dem Tod zu machen finde ich für niemanden gesund.
    Leben und sterben gehören zusammen, das sollte uns allen bewusst sein… und somit auch, dass wir uns irgendwann einmal wieder trennen müssen.

    • marlis sagt:

      .. wie wäre es, wenn jede/r auf seine weise trauern dürfte, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen? die einen basteln sternli, die anderen machen die faust im sack, das wichtigste ist jedoch, dass der betroffene mensch für sich einen weg findet, mit einem verlust umzugehen. toleranz und empathie nennt man das.

  • Eveline sagt:

    Was für ein schöner Beitrag, danke!

  • Murmur sagt:

    Jesses! Jetzt machen Sie bitte einen Punkt und stellen Sie bitte die Bedürfnisse Ihrer Kinder VOR Ihre Traurigkeit über das Versterben Ihres Vaters.
    Und hören Sie auf mit sowas:
    >Ich erkläre ihnen, dass Tränen nichts Bedrohliches sind, sondern meine Traurigkeit für ein Weilchen wegwischen.<
    Ihre Tränen SIND bedrohlich für Ihre Kinder, weil es Ihr Umgang damit ist.
    Ihre Kinder sagen es Ihnen ja deutlich und immer wieder!
    Ich glaube, sie könnten von Ihren Kindern viel über einen gesunden Umgang mit dem Versterben von Angehörigen lernen!

    • Nelly sagt:

      @ Murmur: Ich wünsche Ihnen ganz gute und schnelle Besserung!

      @ Nadine Fesseler: Ganz herzliche Gratulation zum feinfühligen und sehr schön geschriebenen Text. Er hat mich sehr berührt und ich kann für mich und meine Familie viel Wertvolles daraus ziehen.

      • Jänu sagt:

        Nelly, Sie wünschen Murmur gute Besserung? Ist er denn krank oder sind Sie einfach hochnäsig?
        Unsere Familie kennt den Tod auch, so wie er halt zum Leben gehört. Wir haben Abschied genommen, gemeinsam mit den Kindern am Sarg (offen). Wir haben Tränen vergossen, die Kinder haben uns leiden sehen. Es IST eine Belastung für sie. Aber es hilft ihnen auch zu verstehen und zu akzeptieren. Kinder ertragen viel mehr als man denkt. Man muss Kindern die Tränen der Traurigkeit nicht erklären. Das verstehen sie schon selber.
        Man muss auch keine Sterne basteln usw. Besser ist es, das Grab zu besuchen, Blumen zu setzen, es zu pflegen. Gut ist es auch eine gemeinsame Trauerfeier zu veranstalten und dann auch wieder gemeinsam zu lachen.

      • Muttis Liebling sagt:

        Das Wichtigste, was alle Menschen einschliesslich Kinder im Umgang mit Krankheit und Tod lernen müssen ist, dass die notwendig zum Leben gehören und das man sich denen deshalb niemals emotional nähern darf.

      • Carolina sagt:

        Das wirklich allerwichtigste ist, endlich einzusehen, dass das, was für einen selber stimmt, nicht richtig sein muss für den anderen. Die Autorin beschreibt hier ihre eigene Seelenlage, die natürlich niemand anders jemals 1:1 durchmachen wird. Aber man kann als erwachsener Mensch irgendwann mal dumme Kommentare zu den Befindlichkeiten und Lebensumständen anderer Menschen sein lassen. Es reicht völlig, wenn man schildert, wie man selber durch eine solche Situation durchkommt, ohne Wertung, ohne ‚das beste ist‘, ohne ‚Jesses’………
        Ich begreife einfach nicht, dass man als wirklich erwachsener Mensch nicht irgendwann versteht, dass Menschen unterschiedlich sind – Gott sei Dank!

      • Muttis Liebling sagt:

        Carolina und ich begreife nicht, warum man eigene Seelenlagen öffentlich macht. Menschen sind verschieden, das ist trivial, aber wie verschieden sie sind, sollte in den eigenen Wänden oder in den Räumen des Psychotherapeuten bleiben.

        In der Öffentlichkeit sind nur statistische, allgemeingültige Aussagen zulässig. Nur Aussagen, die auch andere als den Erzähler wenigstens betreffen können. Alles andere ist deplatziert bis peinlich.

        Die allgemeine Aussage ist die von oben, der kulturelle Umgang mit dem Tod ist aktuell in einem psychologisch und kulturell fatalen Zustand und es ist nicht hilfreich, diesen Zustand mit zufällig privaten Aussagen noch zu zementieren.

      • Carolina sagt:

        Na ja, ML, schon aus dem einzigen Grund, damit Sie hier jedes Mal wieder Ihr Unverständnis bekunden können……;-) Was würden Sie denn ohne den MB, ja ohne all diese Blogs hier im Tagi machen, wenn Sie und Ihr Alter Ego nicht ständig Ihr Unverständnis ausdrücken könnten? Was würden Sie denn dann mit Ihrer Zeit anfangen?
        Blogs sind genau dazu da: sie geben persönliche Erlebnisse und Befindlichkeiten wieder – dann darf man darüber diskutieren. Allerdings finde ich es peinlich, sich mit dem erhobenen Zeigefinger über hochemotionale Themen zu erheben, als wenn es eine einzig mögliche Denk- und Handlungsweise gäbe…… Es sei denn, die Autorin selbst nimmt für sich Allgemeingültigkeit in Anspruch, aber das tut sie ja hier nicht!

    • k. miller sagt:

      Danke Carolina. Genauso ist es. Der von der Autorin beschriebene Weg würde für mich absolut nicht passen, ich gehe anders mit Trauer um. Aber so sucht sich jede und jeder seinen eigenen Weg. Ein richtig oder falsch gibt es nicht.

      • Brigitte Schlatter sagt:

        Berührender Text. Begrüssenswert, dass über Trauer geschrieben wird. Ich halte Trauern in unserer hiesigen Kultur für die grosse Unfähigkeit, gut wird darüber geschrieben, danke

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