Ich könnte es schütteln!

«Ich war wütend. Es sollte endlich aufhören zu schreien.» Foto: iStock

Gleich zwei Beträge haben zuletzt die Tücken des Alltags mit Neugeborenen auf sehr humorvolle Weise geschildert. Ich musste ein paar mal herzhaft lachen, ja es kann schon passieren, dass man dem Pöstler aufmacht und die Brüste noch im Stillmodus sind. Und Charlize Theron beim Milchabpumpen, das dürfte der Albtraum mancher Männer sein.

Aber sie haben mich auch an meine dunkelsten Stunden als Mutter erinnert: an die Zeit, als mein Baby stundenlang weinte und ich es nicht beruhigen konnte. (Lesen Sie dazu auch: Hilfe, mein Baby schreit ständig!). Noch heute habe ich das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. Ich schäme mich für die Wut, die ich auf mein Baby bekam, wenn es einfach nicht aufhörte zu schreien. Darum kann ich meinen Namen nicht unter diese Geschichte setzen*. Zu gross ist meine Angst vor einer Verurteilung. Reden sollten wir aber trotzdem darüber.

Wochen voller Ratschläge

Ich wusste schon, was auf mich zukommen würde mit dem Neugeborenen, hatte ich doch schon einen zweijährigen Buben. Streng würde es werden, die Nächte zerhackt in kleine Schlafintervalle zwischen Still- und Wickelsequenzen. Die Brustwarzen würden schmerzen und ich würde noch weniger Zeit haben für meine Bedürfnisse, weil ich ja nicht nur das Baby zu versorgen hatte, sondern auch ein Kleinkind. Die Stimmungsschwankungen nach der Geburt, der Nebel, der einen wegen des permanenten Schlafentzugs umgibt, so dass man oft nicht weiss, wie man von A nach B gekommen ist – auf all das war ich gefasst. Aber auf das schreiende Bündel in meinen Armen, das einfach nicht aufhören wollte zu brüllen, darauf war ich nicht vorbereitet.

Es fing langsam an. Die ersten Tage im Krankenhaus verliefen sehr ruhig und erholsam. Wir gingen nach Hause, die Milch floss in rauen Mengen. Aber immer häufiger fing mein Baby an zu weinen, ich hob es aus seinem Bettchen und packte es in das Tragetuch. Es weinte weiter. Legte es an die Brust, es wollte nicht trinken. Massierte seinen Bauch. Das Weinen steigerte sich zum Schreien.

Es folgten Wochen voller Ratschläge, die ich alle gerne annahm und umsetzte. Vielleicht Laktoseallergie? Keine Milchprodukte mehr. Vielleicht Glutenunverträglichkeit? Keine Weizenprodukte mehr. Kein Kohl mehr. Keine Orange mehr. Am Körper tragen. Auf den Bauch legen. Mit dem Bauch nach unten auf den Arm nehmen. Auto fahren. Spazieren gehen. Klassische Musik anmachen. Fencheltee. Traubenkernkissen und weiss der Geier was noch alles. Alles ausprobiert. Nichts hat zum gewünschten Erfolg geführt. Der Erfolg, das wäre ein glückliches zufriedenes Baby gewesen.

Holen Sie sich Hilfe

Ich war wütend. Tat ich doch alles für mein Baby! Mein erstes Kind hatte auch geweint. Wenn ich es in die Arme nahm oder ihm die Brust gab oder es zu uns ins Bett holte, war die Welt schwupp die wupp wieder in Ordnung. So geht das. Wieso funktionierte das mit diesem Baby nicht! Was wollte dieses Kind, das ich ihm nicht geben konnte!!! Ich fühlte mich inkompetent. Ich schämte mich, wenn ich mit meinem brüllenden Kind unterwegs war.

Ich war wütend. Es sollte endlich aufhören zu schreien. Gott sei Dank wusste ich, dass ich mein Baby keinesfalls schütteln durfte. Nur das Wissen, dass ich mein Kind töten könnte, würde ich dem Drang nachgeben es zu schütteln, hat mich vor dieser folgenschweren Handlung bewahrt. Aber wenn man so nahe dran war, wie ich, kann man Menschen, denen genau das passiert nicht mehr so leicht verurteilen.

Zwei Menschen haben mich vor mir selbst gerettet. Mein Mann und meine Freundin. Sie waren jeweils genau zum richtigen Zeitpunkt da und haben mich rausgeschickt, damit ich Abstand gewinnen konnte. Erst später habe ich gehört, dass ich mich auch ans Kinderspital hätte wenden können. Dort nimmt man brüllende Babys vorübergehend auf.

Mein Baby und ich

Mein dringender Appell an alle Eltern, denen es so geht wie mir damals: Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe. Alleine schafft man das nicht.

Und heute? Aus meinem Baby ist ein glückliches, gescheites und liebevolles Kind geworden. Unsere Beziehung ist innig und voller Liebe. Vielleicht geniessen wir dieses Glück umso mehr, weil wir so einen schweren Start hatten. Wir beide. Mein Baby und ich.

*Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

Anmerkung der Redaktion:

  • Am Kinderspital Zürich gibt es keine Stelle, die ein schreiendes Baby vorübergehend aufnimmt. Wenn eine Familie jedoch stationär dort ist, arbeitet das Spital mit der Aladdin-Stiftung zusammen, einem Freiwilligen-Dienst, der auch eine Elternentlastung anbietet. Weitere Informationen erhält man auf der Webseite von Aldaddin
  • Eine Anlaufstelle für Eltern mit Schreibabys ist das Triemlispital.
  • Das Kinderspital Zürich bietet eine Schlafsprechstunde an. Diese richtet sich explizit an Eltern, deren Kinder sehr schlecht schlafen.
  • Der Verein Schreibabyhilfe bietet weitere Infos, Adressen und Erfahrungsberichte.