Als Mutter plötzlich von Ängsten geplagt

Die Schwangerschaft, ein regelrechter Thriller: Was, wenns dem Baby nicht gut geht? Foto: iStock

Immer mal wieder frage ich mich, ob ich eigentlich normal bin, «normal» im Sinne von «gesund». Denn immer wieder beeinflussen, ja beherrschen meine Ängste meinen Erziehungsstil. Bin ich damit schon eine Helikoptermutter? Habe ich eine Angststörung, oder gehört diese Panik einfach dazu?

Ich wünschte mir manchmal eine App, die mir sagt, ob meine Ängste angebracht sind oder nicht: «Alles normal», «beruhigen Sie sich, Sie übertreiben» oder «ab zum Psychiater». Da es so etwas leider nicht gibt, habe ich mich probeweise in verschiedenen Angstsituationen reflektiert.

Teenager auf Reisen

Situation 1: Mein Sohn ist mit meinem Ex-Mann auf Städtereise. Ich könnte all die freien Stunden geniessen. Endlich ein bisschen Zeit für mich, für meinen Partner, für meine Tochter. Keine Teenie-Allüren, keine Handyzeit-Streitereien. Stattdessen sucht mich am Abreisetag die Angst heim, das Flugzeug könnte abstürzen. Oder der Sohn könnte seinen Vater im Getümmel der Stadt verlieren. Auch wenn es mir zwischendurch gut gelingt, abzuschalten – richtig ruhig bin ich erst wieder, als er nach Hause kommt.

Das sagt meine innere App: Beruhige dich! Die Verantwortung liegt jetzt beim Vater, du hast im Grunde nichts zu sagen. Da musst du einfach loslassen. Weil es dir zwischendurch gelungen ist, die freie Zeit auszukosten, hast du die Kurve gerade noch gekriegt.

Das Kind in der Röhre

Situation 2: Als meine Tochter zehn Monate alt ist, schiebt man sie in eine Röhre: ein MRI unter Sedierung. Die Ärzte können eine Stoffwechselerkrankung oder «etwas im Gehirn» nicht ausschliessen. Gegenüber meiner Tochter und den Ärzten bleibe ich ruhig. Die Vorstellung, mein Kind könnte todkrank sein, jagt mir jedoch unheimliche Angst ein. Ich kontrolliere nächtelang ihren Atem. Ich habe Angst, die Anästhesistin könnte einen Fehler machen, die Sedierung schiefgehen.

Das sagt meine innere App: Alles normal, natürlich bist du verängstigt. Deine Ängste ändern aber nichts an der Situation und beeinflussen auch nicht die Diagnose. Die Ärzte im Krankenhaus sind Profis, und ein MRI ist eine Routineuntersuchung. Habe Vertrauen.

Was in der Schwangerschaft alles schiefgehen kann

Situation 3: Meine zweite Schwangerschaft und das erste Jahr danach sind für mich ein einziger Thriller. In der Frühschwangerschaft fürchte ich eine Fehlgeburt. Im zweiten Trimester bin ich panisch, wenn ich das Kind eine Stunde nicht spüre, und unter der Geburt atme ich mich aus Angst halb in Ohnmacht, da die Ärztin sagt, das Fruchtwasser sei grün, was kein gutes Zeichen wäre. Die ersten Tage nach der Geburt kann ich das Baby kaum abgeben, da ich Angst habe, es komme nicht zurück zu mir. Verschluckt es sich beim Trinken an der Brust, sehe ich mich schon auf der Notfallstation.

Das sagt meine innere App: Ziehe sofort die Notbremse, du steuerst in ungesunde Ebenen. Brauchst du mehr Entlastung? Hast du zu viel Besuch? Schalte auf jeden Fall einen Gang runter und höre auf deine Bedürfnisse.

Bevor ich Kinder hatte, kannte ich Ängste auch: Ich fürchtete mich, nach der Party alleine nach Hause zu laufen, und litt unter meiner Spinnenphobie. Aber so richtig Angst? Diese stechenden Verlustängste, diese bedrückenden, existenziellen Ängste, wie sie mich heute an manchen Tagen heimsuchen? Damit kam ich erst durch meine Kinder in Kontakt.
Die Grenze zwischen normal und überängstlich zu ziehen, zwischen gelassen und verantwortungslos, ist auch mit einer inneren App schwierig für mich. Bin ich mir zu unsicher, spreche ich mit meinem Partner oder mit Freunden darüber. Im Wochenbett holte ich mir Hilfe von einer Therapeutin. Das hat geholfen – bis zum nächsten Schreckmoment.

Was haben Sie für angstvolle Situationen erlebt? Und wie beurteilen Sie diese?

Lesen Sie auch die Postings «Wenn Tests Angst statt Hoffnung machen», «Vorsicht mit Vorsicht!» und «Mama und ihre Mankos».

17 Kommentare zu «Als Mutter plötzlich von Ängsten geplagt»

  • Sebastian Kraemer sagt:

    Als Elternteil macht man sich immer mal Sorgen, auch wenn die Ängste mitunter etwas übertrieben erscheinen. Ob hier eine behandlungsbedürftige Angststörung vorliegt? Ängste gehören nun einmal zum Leben dazu. Das Problem scheint mir eher zu sein, dass diese Ängste ständig als „nicht normal“ bewertet werden. Aber es ist zugegebenermaßen oft sehr schwer, herauszufinden, ob Ängste jetzt normal oder übertrieben sind. Letztlich kommt es aber darauf an, wie sehr derjenige darunter leidet, um zu entscheiden, ob man therapeutische Hilfe n Anspruch nimmt.

    Sebastian von https://www.psog.de

  • Lena Like sagt:

    Im wachen Zustand finde ich die Verlustängste aushaltbar. Aber seit Geburt unseres Sohnes habe ich gelegentlich Alpträume in welchen er stirbt, aus denen ich mit gebrochenem Herzen und weinend hochschrecke. Kennt das sonst noch jemand?

  • Brunhild Steiner sagt:

    Da die Sorgen/Ängste, resp deren Themenlieferanten nie die Luft ausgeht, kommt wohl niemand (ausser die sehr sorglos-Aufgestellten) drum herum sich damit auseinanderzusetzen.
    Mit zunehmendem Alter verändert sich der Schwerpunkt und die unmittelbare Handlungsfähigkeit nimmt ab.
    Die meisten Eltern werden damit konfrontiert werden dass es Einflüsse gibt, denen man die Kinder/Jugendlichen lieber entziehen würde, sie der Wahl nicht aussetzen möchte, da die Folgen bei unkluger Entscheidung durchaus schwerwiegend sein können.
    Und man den Kindern (und sich selber) gewisse Elendsstufen durchaus zu Recht ersparen möchte.

    • Brunhild Steiner sagt:

      2/
      Dazu kommt, nicht nur die Eltern können von Sorgen/Ängsten geplagt sein; sondern auch die Kinder.
      Da finde ich es fast noch schwieriger abzuschätzen was noch im „Normbereich“ liegt und wann man Unterstützung organisieren sollte. Denn wieviel innere Kraft es ein Kind kostet trotzdem „zu funktionieren“, (und somit kein „jetzt ist aber höchste Zeit was zu unternehmen!-Alarm“ zu senden) ist schwierig abzulesen.
      Und je nach Persönlichkeitsstruktur können einem Gespräche darüber beim bestem Willen und Absichten trotzdem die tatsächlich vorliegenden Abgründe verschleiern.

  • tina sagt:

    vielleicht hilft es bei unerwünschten angstzuständen, sich selber zuzureden: angst ist ein alarmzeichen und fährt die systeme hoch für irgendwelche ernstfälle. das ist gut, die alarmanlage funktioniert. dann betrachtet man die lage objektiv und sagt sich: ok, die systeme können wieder runtergefahren werden auf normalbetrieb. die alarmanlage funktioniert ja, man kann sich also darauf verlassen, dass sie sich meldet falls etwas darauf hindeutet, dass man reagieren muss.

    • Brunhild Steiner sagt:

      das funktioniert schätzungsweise dann, wenn das Ganze noch nicht ins pathologische abgedriftet ist…

  • Charlotte sagt:

    Eine ältere Ärztin sagte mir einmal in ruhigem Ton.
    Anstelle Angst zu haben, können wir Mütter doch besser den Schutzengel des Kindes bitten, ihm, dem Kind, gut zu schauen. Und somit auch den Müttern.
    Charlotte

  • Michael sagt:

    Kenne ich. Das sind die Sorgen, die man sich als Eltern macht. Die macht man sich auch noch, wenn die Kinder keine Kinder mehr sind und längst mit ihren eigenen Beinen im Leben stehen. Und das ist auch richtig so, schliesslich hat man aktiv dafür gesorgt, das es diese Kinder überhaupt gibt.
    Man muss jetzt aber mit gesundem Menschanverstand und eigenen Erfahrungswerten daran gehen. Zum einen hat man – hoffentlich – die eigene Jugend bis hin zum derzeitigen Zustand ohne grössere Probleme durchlebt. Warum sollen es dann bei den eigenen Kindern anders sein ? Wenn das mit der Erziehung richtig geklappt hat, dann werden die genauso vernünftig respektive unvernüftig wie man selbst durch’s Leben stiefeln.

  • tina sagt:

    in meinem umfeld gibt es einige leute, die unter panikattacken leiden, darum habe ich mich damit befasst. ich halte es für solche leute nun gar nicht für förderlich, eine sammlung von panik-geschichten zu lesen. richtig finde ich wie im text beschrieben: ernst nehmen und sofort runterschrauben wenn man merkt, dass sich in die richtung etwas anbahnt. auf keinen fall da reinsteigern

  • Martin Frey sagt:

    Ein Stück weit sind solche Ängste, die existenzieller Art sein können, als Eltern (nicht nur als Mutter) normal. Ganz ablegen werden Sie solche Sorgen nie ganz können. Krankhafte Züge nimmt es dann an, wenn solche Ängste zu einer dauerhaften Einschränkung und Behinderung der Lebensführung führt. Insbesondere im geschilderten Fall 3 würde ich mir die Frage nach Ausmass und realer Basis der Ängste stellen. Auch gibt Ihr App dazu nicht zwingend die besten Ratschläge.
    Andererseits gibt es Eltern mit einer nachgerade bewundernswerten Unbeschwertheit (je nach Situation und Wahrnehmung auch Sorglosigkeit) in solchen Dingen. Was meist trotz allem ohne Konsequenzen bleibt.
    Eine gesunde Balance zu finden ist schwierig, aber Sie müssen es versuchen. Sonst übertragen Sie sehr viel.

    • Muttis Liebling sagt:

      Ich denke mal, wenn man 2018 in der Schweiz davon ausgeht, dass existentielle Gefahren so häufig sind, wie das Risiko, Lottomillionär zu werden, dann liegt man nicht falsch.

      Es ist bezüglich elementarer biologischer Mechanismen, wie Cortisol- und Adrenalinausschüttung und damit der relativen Stressgefährdung, deutlich ratsamer, wie Hans- Guck- In- die- Luft planlos in den Tag zu leben, statt am Morgen des Tages über möglich Unmögliches zu sinnieren.

      Es ist hier und heute unheimlich schwer, sich falsch zu ernähren, oder sich falsch zu verhalten. 99% aller potentiellen Risiken sind bereits durch Umweltregulative, z.B. die Lebensmittelhygiene im Fall Ernährung, ausgeschlossen.

      • Martin Frey sagt:

        Nun gut, über die relativen Risiken liesse sich noch streiten, ich denke nicht dass unser Alltag so risikolos geworden ist wie Sie ML behaupten. Auch wenn wir in einer relativ sicheren Welt leben.
        Aber Aengste und Gefahren sind nicht dasselbe, auch nicht deckungsgleich oder zwingend in einem Zusammenhang stehend. Gerade im geschilderten Beispiel 2 halte ich Aengste für mehr als legitim.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Muttis Liebling
        „Ich denke mal, wenn man 2018 in der Schweiz davon ausgeht, dass existentielle Gefahren so häufig sind, wie das Risiko, Lottomillionär zu werden, dann liegt man nicht falsch.
        Es ist hier und heute unheimlich schwer, sich falsch zu ernähren, oder sich falsch zu verhalten.“

        Da bin ich nun gar nicht einverstanden, ein Blick in die Notfallaufnahmen, generellen Artzpraxen sowie Schulzahnkliniken genügt um zu sehen, dass diesbezüglich unglaublich viele Lottomillionäre rumlaufen… .

  • Muttis Liebling sagt:

    Wer will schon sorgenfrei leben, wenn das jeder kann? Je sicherer das Leben auf höchsten Niveau, umso stärker die Sehnsucht nach Sorgenfalten und Stress, die man in einer reizarmen Umgebung eben selbst inszenieren muss.

    • tina sagt:

      😀 also manchmal habe ich ja auch den eindruck

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      das sehe ich genau so. die maslow’sche pyramide lässt schön grüssen.

    • Susanne Reich sagt:

      Super Beitrag Muttis Liebling. Nur, muss man sich dieser Tatsache erst bewusst werden. Wenn ich manchmal Menschen zuhöre, welche aus einer Mücke einen Elefanten machen und dabei erwarten, dass man ihre Problemchen für das Wichtigste der Welt hält, denke ich, diese Leute haben eben keine richtigen Probleme. Dass man sich um Kinder sorgt, ist selbstverständlich, manchmal mehr und manchmal weniger, trotzdem soll man seine Ängste nicht auf’s Kind übertragen und sich hinterfragen, ob man es nicht etwas übertreibt. Mutter sein ist ja nicht einfach Selbstzweck, sondern man soll einen jungen Menschen in’s Leben begleiten.

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