Als Familie auf Wohnungssuche? Oje!

Keine Haustiere, keine Kinder: Warum ist unsere Gesellschaft so wenig kinderfreundlich? (Foto: iStock)

Seit einigen Wochen pflege ich ein neues Morgenritual, das ich baldmöglichst wieder ablegen möchte: Ich durchforste die gängigen Immobilienportale nach einer Mietwohnung in Bern. Denn dort werden wir im Sommer hinziehen. Vier Zimmer, Balkon, Geschirrspüler, keine Teppichböden, dafür möglichst mit Charme und in Schulhausnähe – dies die Kriterien, die unser zukünftiges Daheim im Bestfall erfüllen sollte.

Ein Leichtes, dachte ich naiv, denn 4- und 4-½-Zimmer-Wohnungen gibt es in Bern zwar nicht gerade wie Sand am Meer, doch aber zur Genüge. Nur: Warum steht in der Beschreibung dieser hellen, bezahlbaren 5-Zimmer/100m²-Wohnung «ideal für zwei erwachsene Personen»? Oder anderswo noch expliziter: «Ruhige Wohngegend, nicht für Familien geeignet»? Es will mir nicht in den Kopf, dass eine Wohnung mit fünf Zimmern in einer Stadt, wo Wohnraum naturgemäss knappes Gut ist, nicht für Familien geeignet sein soll – es sei denn, sie verfügt über eine überhängende Dachterrasse oder ein frei stehendes Taucherbecken.

Wir wohnten früher bereits einige Jahre in Bern. Nach der Geburt unserer Zwillinge klopfte eines Morgens die Nachbarin von oberhalb an unsere Wohnungstür. Das Weinen unserer Babys sei unerträglich, besonders nachts, und ob wir nach einer Lösung suchen könnten. Eine unangenehme, blöde Situation für alle Beteiligten. Denn einerseits verstehe ich, dass Babygeschrei mühsam ist; noch schlimmer, wenn es nicht von den eigenen Kindern kommt. Ja, ich kann den Verdruss nachvollziehen, insbesondere wenn man am nächsten Tag frisch zur Arbeit erscheinen möchte. Andererseits gehören Kinder einfach dazu; und wir hatten damals ja auch nur beschränkt Spielraum, denn das Kellerabteil schien uns zum Stillen und Wickeln dann doch eher ungeeignet.

Zum grossen Glück unserer Nachbarin sind wir wenig später nach Mexiko gezogen, wo kein Mensch je auf den Gedanken kommen würde, sich wegen Kinderlärm zu beschweren. Nie. Und tatsächlich frage ich mich, seit wann und warum wir hier so empfindlich geworden sind? Warum ist unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht so wenig kinderfreundlich?

Inzwischen ist es zum Glück so, dass unsere beiden 9-jährigen Buben ruhig durchschlafen, keine Wände beschmieren oder Scheiben einschlagen, und auch nicht ständig wild herumtoben. Im Allgemeinen sind sie zwei ruhige Zeitgenossen, die ihren zukünftigen Nachbarn kaum Ärger machen werden. Oder zumindest keinen Ärger, der absehbarer wäre als bei anderen Personen. Denn sind wir ehrlich: Zwei erwachsene Menschen können genauso viel unangenehmen Lärm verursachen wie Kinder; und wenn die Kinder längst schlafen, geht es bei den Grossen unter Umständen erst richtig los. Und sowieso: Warum leben Menschen, die offenbar so lärmempfindlich sind, überhaupt in einer Stadt?

Unterdessen ärgere ich mich nicht mehr über die vielen «Wir wollen keine Familien»-Inserate, sondern bin froh, gleich zu wissen, was Sache ist. Uns eine Wohnung anzuschauen, bei der von Beginn an feststeht, dass wir aufgrund unserer Familiensituation als Mieter nicht infrage kommen, bringt ja nichts. Letztendlich entscheiden die Besitzer, sie legen die Kriterien fest, und das ist auch gut so. Nichtsdestotrotz wundert es mich, dass in Städten geschätzt ein Drittel der Wohnungseigentümer nicht an Familien vermieten will; zumal wahrscheinlich die meisten davon selber Kinder oder auch Enkelkinder haben und wissen, dass schöner und bezahlbarer Wohnraum gerade von Familien besonders geschätzt wird.

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