Wo ist mein Kind? Lebt es noch?

Im Horrorfilm «Mother!» spielt Jennifer Lawrence eine verzweifelte, zu allem entschlossene Mutter. Bild: Paramount Pictures

Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie Ihr Kind aus den Augen verlieren? Innert Sekunden spielen sich eine Million Szenarien im Kopf ab: Ist es weggerannt? Die Treppe hinuntergestürzt? Entführt? Lebt es noch? «Mein Kopfkino hätte einen Oskar verdient», las ich kürzlich irgendwo. Genau so ging es mir vor einigen Monaten in einem Indoor-Spielplatz. Meine Tochter rannte nicht weg oder wurde entführt, sondern ging im Bällebad unter. Absichtlich. Sie versank einfach so vor meinen Augen.

Ich konnte es nicht ertragen. Natürlich wusste ich, dass ihr nichts passierte und dass sie super viel Spass daran hatte, aber meine Amygdala sandte pausenlos Signale an mein vegetatives Nervensystem. Mein Puls ging hoch, ich hielt den Atem an, mir wurde übel und ich tippelte nervös von einem Bein auf das andere. Es war unmöglich, ruhig zu bleiben, unmöglich, nichts zu tun. Und in meinem Kopf schrie es pausenlos und nicht zu überhören: «HOL SIE SOFORT DA RAUS!»

Unbekannter Hass

Da! Der linke Arm und ein Auge tauchten endlich wieder aus dem Bad auf. Ich atmete zur Abwechslung mal wieder ein, zückte noch schnell das iPhone, um ein Foto für das Album zu machen, und sagte: «Schau mal, die Rutschbahn dort drüben, wow, ist die cool, kommst du mit?»

Noch schnell ein Bild schiessen und dann raus hier! Foto: Karin Hoffmann

So toll sie aussehen und so toll sie die Kinder finden: Ich hasse Bällebäder.

Aber nicht nur die. Seit ich ein Kind habe, hasse ich die unterschiedlichsten Dinge, über die ich mir vorher nicht einmal Gedanken machte. Ich spreche hier nicht von Pädophilen, Terroristen und Entführern oder von Unfällen und unheilbaren Krankheiten. Nein. Ich spreche von Tischkanten. Balkonen. Steckdosen. Bäumen. Gewittern. Apfelstücken. Bonbons. Eigentlich spreche ich von allem, was uns im täglichen Leben so umgibt.

Wie bändigt man die lähmende Angst?

Dabei bin ich nun wirklich kein Angsthase. Als Kind war ich ja selbst der Gefahr ausgesetzt und habe gelernt, mit der täglichen Angst umzugehen. Dabei hat mir stets mein Bauchgefühl geholfen, denn ich habe intuitiv immer gespürt, dass ich wohlbehütet war. Doch in der Schwangerschaft änderte sich alles, und das Gefühl des Urvertrauens und der Sicherheit war plötzlich weg. Es liess sich einfach nicht auf das Baby übertragen. Ist es möglich, dass man Urvertrauen nur für sich, nicht aber für einen anderen Menschen spürt, auch wenn es das eigene Kind ist?

Nach der Geburt wurde alles noch schlimmer. Nie hatte ich damit gerechnet, so viel Freude und Glück, Dankbarkeit und Ehrfurcht, aber auch so starke Ängste, Sorgen, Ohnmacht und Verletzlichkeit zu empfinden. Man möchte das Kind jederzeit und überall gegen alles Unheil beschützen und weiss doch, dass dies unmöglich ist. Der Gedanke ist unerträglich, dass das eigene Kind leiden könnte, dass ihm etwas zustösst und man ihm nicht helfen kann. Diese dauernde Angst ist lähmend, und man weiss, dass man sie bändigen muss, aber wie stellt man das bloss an?

Es wird wohl nie weggehen

Mittlerweile habe ich, zumindest ansatzweise, gelernt, dass die Sorge um das Kind immer irgendwo mitschwingt. Ändert sich dies, wenn die Kinder grösser werden? Mütter erwachsener Kinder werden zu dieser Frage den Kopf schütteln. Da hilft also nur eins, wenn die Ängste mal wieder Überhand nehmen: tief durchatmen, hinsetzen und sich ganz langsam und deutlich sagen: «Ich tue mein Möglichstes, um mein Kind vor allem Unheil zu bewahren, aber ich bin die Mutter, nicht der Schutzengel.»

Wie gehen Sie mit der Angst um Ihre Kinder um? Diskutieren Sie im Kommentarfeld mit!

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