Stress lass nach!

Schluss mit Biene Maja auf Speed: Mütter galoppieren oft durchs Leben – und sind damit ein schlechtes Vorbild. (Foto: iStock)

Wer Kinder hat, braucht keinen Spiegel. Man muss sie nur anschauen, um sich selbst zu erkennen. Vor ein paar Monaten stimmte mich das Spiel meiner Tochter nachdenklich. Mehr als einmal tönte es aus dem Kinderzimmer: «Ich wäre die Mutter und ich hätte mega Stress.» Dann rannte sie im Kreis oder wühlte wie irr in einer riesigen Handtasche. Oder sie sagte zu ihrem Spielgspänli: «Wir hätten eine ‹Dedläin› und müssten schnell eine Rakete bauen, damit wir nicht zu spät ans ‹Miiting› kommen.» Klar im Spiegel zu erkennen: die gestresste Mutter. Also ich.

Im Galopp durchs Familienleben

Das absolute Aha-Erlebnis hatte ich dann unter dem Weihnachtsbaum. Mit den Kindern begutachtete ich kleine, bunte Fläschchen mit Badezusätzen, die ich geschenkt bekommen hatte. Eins hiess «Rückenwohl», ein anderes «Stressfrei». Der Sohn lachte laut: «Stressfrei! Haha, das reicht nie. Davon brauchst du mindestens zwei Liter.»

Es stimmt: Ich bin oft gestresst. Nicht im Sinne von überlastet. Aber ich galoppiere schon ziemlich durchs Leben. Erst recht, seitdem die Kinder eingeschult sind. Unser digitaler Familienkalender ist prall gefüllt und die Woche durchgetaktet: Job, Schule, Tagesschule, Haushalt, Hausaufgaben, Hobbys. Kein einziger Werktag, an dem beide Kinder am Nachmittag frei haben.

Zu viel Programm

Die Wochenenden sehen auch nicht besser aus: Freunde und Familie treffen, Brunch hier, Zvieri dort, Fussballspiel, Geburtstagsfest, Kino zu zweit, Ausflug zu viert, Pfadi, Kindertheater und Schuhe kaufen. Alles schön und gut. Aber vielleicht etwas zu viel des Guten?

Ich erinnere mich an die verregneten Sonntage meiner Kindheit, wo einfach nichts los war. Ich habe stundenlang gelesen, gebastelt oder Cartoons geschaut. Herrlich gemütlich! Und was lebe ich heute meinen Kindern vor? Huschhusch, zackzack, hopp-hü – eine Mutter wie Biene Maja auf Speed.

Das Jahr 2018 läuft bei mir deshalb unter dem Motto «Mehr Gemütlichkeit». Damit das Motto auch Realität wird, habe ich schon ein paar Sachen ausprobiert:

  • Aufräumen

Viele Mütter entrümpeln ihre Wohnung nach Marie Kondo. Das kann man auch mit seinem Leben machen. Dabei geht es nicht unbedingt darum, dass man danach mehr Zeit hat. Sondern dass man mehr Freude hat an dem, womit man seine Zeit verbringt. Ein Beispiel: Früher war ich als Elternrätin im Schulhaus engagiert, heute als Laustante. Beides braucht Zeit, aber Krabbeltiere auf Kinderköpfen zu suchen, macht mir viel mehr Spass als die Sitzleder und Nerven beanspruchenden Elternratssitzungen.

  • Nein sagen

Ich helfe gerne. Aber ich kann nicht überall helfen. Also sage ich bewusst Nein, wo ich früher halbherzig Ja gesagt habe. Nein, ich möchte samstags keinen Workshop leiten. Nein, ich werde nicht Teil des Wahlkampfteams einer befreundeten Politikerin. Und nein, ich backe keinen Kuchen fürs Buffet.

  • Mini-Jobs aufteilen

Mir ist aufgefallen, dass mein Stress oft nicht wegen zu grosser Aufgaben, sondern wegen zu vieler Mini-Jobs entsteht. Also haben mein Mann und ich mal genauer angeschaut, wer wofür verantwortlich ist – und einige Aufgaben neu verteilt. Ein Beispiel: Geschenke für Kindergeburtstage organisiere nicht automatisch ich, sondern der Elternteil, der am betreffenden Tag die Kinder betreut. Fällt das Fest auf ein Wochenende, wird abgewechselt.

  • «Nichts» planen

Ich durchforste den Familienkalender regelmässig nach Lücken. Ein Samstag ohne Fussballspiel? Ein Sonntag ohne Gäste? Wird sofort blockiert unter dem Stichwort «chillen!». Wir entscheiden beim Frühstück, was wir unternehmen wollen. Vielleicht auch einfach gar nichts.

  • Ruhig bleiben

Für mich die schwierigste Aufgabe: einfach mal durchatmen und ruhig bleiben. Stress ist nämlich das eine. Das andere ist, wie ich darauf reagiere. Vom Naturell her bin ich nun mal eher eine nervöse Gazelle, die im Zickzack durch die Steppe hüpft. In stressigen Momenten habe ich nun aber folgendes Bild vor meinem inneren Auge: Ich bin die Löwin, die mit halb geschlossenen Augen auf einem warmen Felsen döst. Noch fotobombt sich regelmässig die Gazelle ins Bild. Aber das Jahr ist ja noch nicht um.

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