Wir wollen nicht die Ernährer sein

Wenn der Vater für die finanzielle Sicherheit der Familie sorgt: Dieses Männerbild gehört in die 50er-Jahre. Im Bild: Don Draper (Jon Hamm) in «Mad Men» mit seinen zwei Kindern. (Foto: AMC)

«Väter, kämpft mit den Frauen statt gegen sie», lautet der Titel einer Brandrede von Sibylle Stillhart an die Adresse von Männer.ch. Sie reagiert damit auf unsere Resolution zum neuen Unterhaltsrecht, bei dem die Gerichte bislang wenig Respekt vor dem erstaunlich egalitär-progressiven Willen des Parlaments zeigen. Leider verfehlt ihr Appell etwas das Ziel, zeugt er doch von geringer Kenntnis der Männer.ch-Programmatik und macht schmerzhaft deutlich: Nicht wir, sondern die Autorin steckt in Denkmustern von gestern fest.

Schön illustrieren lässt sich das am folgenden Satz: «Männer.ch geht es augenscheinlich vor allem darum, dass Frauen finanziell so schnell wie möglich nicht mehr von ihren Ex-Männern abhängig sind. Das ist selbstverständlich auch im Interesse der Frauen.»

Männerbild aus den 50ern

Nein, nein, nein. Das genau ist das Missverständnis. Männer.ch geht es darum, dass Frauen überhaupt nicht finanziell abhängig werden von ihren Männern – egal ob Ex oder nicht. Männer.ch ist nämlich der progressive Dachverband jener Männer und Väter, die Ernst machen mit dem Verfassungsauftrag der tatsächlichen Gleichstellung in allen Lebensbereichen.

Lesen wir den Satz nochmals: «Männer.ch geht es augenscheinlich vor allem darum, dass Frauen finanziell so schnell wie möglich nicht mehr von ihren Ex-Männern abhängig sind. Das ist selbstverständlich auch im Interesse der Frauen.» Das Männerbild dahinter ist genau so altbacken wie das Frauenbild. Es suggeriert eine Normalität, die vielleicht in den 1950er-Jahren zeitgemäss war; nämlich die Idee, dass Frauen nach der Familiengründung erst mal ein paar Kinderbetreuungs- und Erziehungsjahre einlegen, bevor sie sich wieder der Erwerbsarbeit zuwenden – und dafür einen Mann brauchen, der zwischenzeitlich die materielle Sicherheit der Familie garantiert.

Nur auf den ersten Blick emanzipiert

Das ist definitiv nicht unsere Sicht der Dinge. Wir stehen ein für die Leitidee einer Solidargemeinschaft, die sich klar unterscheidet von der Versorgungsgemeinschaft traditionellen Zuschnitts. Wir wollen keine Aufgabenteilung, sondern gemeinsame Verantwortung: beide Elternteile sollen Erwerbs- und Betreuungsarbeit teilen – und zwar von Anfang an und ohne längeren Unterbruch.

Wenn Frau Stillhart die hohe Erwerbsquote der Schweizer Frauen von 79 Prozent heranzieht, holt sie die Nebelpetarde hervor. Denn Schweizer Frauen sind beruflich nur auf den ersten Blick emanzipiert. Rechnet man das Engagement auf Wochenarbeitszeit herunter, so gibt es kein Land Europas, in dem die Kluft bei bezahlter Wochenarbeitszeit zwischen den Geschlechtern so gross ist wie in der Schweiz.

Die Hälfte der Verantwortung

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ja, gerade wir engagierten Väter wissen ganz genau, wie anstrengend Kinderbetreuung und Haushaltsführung ist. Uns ist völlig klar: Es gibt kein faules Geschlecht. Care-Arbeit ist extrem wertvoll. Mütter und Väter sind beide extrem belastet – unabhängig des konkreten Arbeitsarrangements. Und ja: Entlastung tut not. Aber der Rückfall in die alte Ernährerrolle ist für uns als Männer von heute keine Option.

Liebe Frauen, wir möchten teilen. Ernsthaft. Wir wollen nicht länger 73 Prozent des Familieneinkommens (so viel steuert der Mann im Schweizer Durchschnitt bei) erwirtschaften. Sondern einfach unsere Hälfte. Wir wollen aber auch unsere Kinder länger als eine Stunde am Stück betreuen, und das nicht nur an den Wochenenden. Sondern unsere Hälfte der Verantwortung übernehmen. Von Anfang an, und auch im Falle einer Trennung, wie wir es jetzt in unserer Resolution fordern.

Der erste Schritt

Dafür braucht es vieles, unter anderem auch Lohngleichheit, für die wir solidarisch kämpfen. Wir haben doch selber genug von diesem Pseudoprivileg und dessen Konsequenzen.

Klar, es braucht noch zahlreiche Schritte bis dahin. Aber das kann keine Entschuldigung dafür sein, nicht einmal den ersten zu übernehmen. Und dieser erste Schritt heisst: Raus aus dem Mindset, dass Kinderbetreuung letztlich eben doch Frauensache und Geldverdienen Männersache sei. Ja, Frau Stillhart, auch Sie sind angesprochen.