Jetzt aber ab aufs Brett!

Geht ja! Eine 7-jährige Snowboarderin auf der Piste. Foto: iStock

Die Menschen vertreten ihre Meinungen immer radikaler, stimmts? Rechte gegen Linke – Veganer gegen Grillkönige – Tesla-Fetischisten gegen Dieselschnüffler – Homöopathiehooligans gegen Schulmedizinfanatikerinnen. Alle werden sie immer sturer in ihren Filterblasen.

Zum Glück ist es wie bei den Kindern: nur eine Phase. Erinnern Sie sich an die späten 90er? Nicht alles war damals so schön wie die Frisur von Nick Carter. Auf den Skipisten herrschten Krieg und Hass. Die blöden Snowboarder sassen hinter den Kuppen und wurden von den sturen Skifahrern mit ihren lächerlichen Stöcken angefaucht. Die dual geplankten fühlten sich in ihrer Bergidylle gestört, die einfach gebretterten nicht willkommen. Nur der gemeinsame Hass auf Snowblades und Bigfoots konnte sie für kurze Momente befrieden.

Alles längst vergessen und vergeben. Heute fährt man gemeinsam Bügellift und überreicht sich dabei duftende Blumensträusse. Snowboarder können ihre Bretter endlich auch aussen in die Gondeln stecken und kiffen zum Dank nur noch am Rand der Piste.

Kleine Ski für kleine Gleichgewichtsorgane

Natürlich sind die Lager immer noch getrennt. Skifahrer fahren Ski, Snowboarder boarden Snow. Letztere sind etwas seltener geworden, aber keineswegs ausgestorben. Animositäten lohnen sich nicht, schliesslich kann jeder fahren, was ihm gefällt. Für Kleinkinder gilt das allerdings nur beschränkt. Hartnäckig hält sich die Ansicht, dass sie nach drei Wintern Babyschlitteln zuerst Skifahren müssen und allerfrühestens ab 8 Jahren snowboarden können.

Ideale Mischung: Lehrerin auf Ski hilft dem Mini auf dem Board mit dem Bügellift. Foto: iStock

Dass Ski fahrende Eltern diese Meinung vertreten, kann ich nachvollziehen. (Krieg! Krieg!) Doch die Ansicht ist auch unter Snowboardern weit verbreitet. Lange Zeit galt die kleinkindliche Snowboardunfähigkeit nämlich als Fakt. Als physiologisches Axiom, um hier mal gescheit daherzureden. Kleine Kinder hätten noch keinen voll entwickelten Gleichgewichtssinn und könnten deshalb kein Snowboard meistern.

Wir haben es alle geglaubt. Eigentlich hätte man ja stutzig werden müssen. Die Vierjährigen laufen uns um die Ohren, klettern, fahren Ski, Velo und Microscooter, saltieren auf dem Trampolin – alles mit ihrem kümmerlichen Gleichgewichtssinn. Aber Snowboarden … uiuiui, das geht natürlich nur voll entwickelt. Diese Logik! «Schicken wir Kinder doch erst mit 16 in die Schule, schliesslich fehlt ihnen vorher das vollständig entwickelte Gehirn.»

«Amerikanische Forscher haben herausgefunden …»

Nun ist man international inzwischen etwas weiter. Da unterrichten Snowboardschulen auch Kindergartenkinder – mit Erfolg. Das beweisen nicht zuletzt zahlreiche Internetvideos von Kindern, die mit drei, vier oder fünf Jahren per Snowboard respektabel über die Piste räubern. Genauso gut wie andere Kinder das im selben Alter mit Ski tun. Snowboardlehrerinnen und -lehrer machen unter anderem besseres Material für diese Entwicklung verantwortlich – kleine Lernsnowboards und Zubehör wie Zugleinen oder Haltegriffe.

Warum gibts hier so was nicht? Übungsanlage für kleine Snowboarder in Zagreb. Foto: iStock

Die Entwicklung ist nicht ganz neu, in der Schweiz aber erst in ganz wenigen snowboardprogressiven Skigebieten angekommen. Das zeigt sich in den Wintersportläden: Ausrüstung für vierjährige Snowboarder ist schwerer zu finden als Speck auf dem Fitnessteller. Bei einer Stichprobe in mehreren Stadtberner Fachgeschäften habe ich ein einziges 90-cm-Snowboard gesehen – verpackt im Originalkarton. Keine kleinen Snowboardschuhe und keinen winzigen Snowboardhelm. Ich nehme an, dass die Mietausrüstung in vielen Skigebieten ähnlich dünn gestreut ist.

Ja, was denn nun – vorwärts oder seitwärts?

Hat man dieses Problem einmal gelöst, kann die Snowboardkarriere von Leah-Doublecork-Esmée und Maximilan-360-Jason beginnen. Einfach anschnallen und den Hang runterschubsen. Sofern das Kind und die Eltern das auch möchten. Was uns zum nächsten Dilemma führt. Was soll und will das Kind denn nun: Skifahren oder Snowboarden?

Manchmal hilft eine gute Beobachtungsgabe. Der Brecht schaut im Bus gern zum Fenster hinaus, mag aber keine Rutschbahnen. Offenbar sieht er lieber die Landschaft vorbeiziehen, als der Gefahr frontal ins Antlitz zu starren. Typischer Snowboarder.

Gern hätte ich Ihnen übrigens einen Erfahrungsbericht niedergeschrieben, aber wir haben äusserst späte Ski… äh Snowboardferien gebucht. Und Sie wollen ja nicht während des Osterausflugs in kurzen Hosen inmitten von Krokussen liegend einen Papablog über Wintersport lesen. Sollten die Versuche mit dem Brecht nennenswerte Erkenntnisse bringen, werde ich sie gern an einen Frühlingsbeitrag anheften.

Welche Wintersporterfahrungen haben Sie mit Ihren kleinen Kindern?

Lesen Sie dazu auch die Postings «Skifahren für Zweijährige?», «Skischule oder selber beibringen?» und «Ab in die Skischule!»