Ein dickes Vorbild für die Töchter

Mamablog

Den Kindern Selbstbewusstsein zu vermitteln, gelingt am besten, wenn man selber darüber verfügt. Foto: Privat

Dies gleich vorweg:

1. Ich bin dick. Nicht nur «curvy», sondern dick.

2. Ich wäre natürlich gerne etwas schlanker, aber…

3. Ich mag mich wirklich, so wie ich bin.

Warum genau ich das Selbstbewusstsein eines 25-jährigen israelischen Topmodels habe, weiss ich auch nicht. Das war schon immer so. Und je älter ich werde, desto glücklicher bin ich darüber, dass ich mich selbst so richtig mag. Denn es wird erst jetzt richtig klar, dass das überhaupt nicht normal ist und dass bei mir offensichtlich irgendwelche Sicherungen anders geschraubt sind als bei vielen Frauen.

Darum frage ich mich, ob die Tatsache, dass meine Teenager-Töchter eine dicke, aber glückliche Mutter haben, positive Auswirkungen haben wird, was das eigene Selbstbewusstsein und die Körperwahrnehmung der beiden angeht.

Ich hoffe verdammt fest, dass die Antwort ja ist.

Meine Mädchen sind jetzt 15 und 13 Jahre alt und haben mich im Laufe ihres Lebens schon dünner «gekannt». Bereits zweimal in meinem Leben habe ich richtig viel abgenommen und war auch stolz auf meine Leistung, denn Abnehmen ist echt hart. Aber das Vorleben und auch Zelebrieren einer ausgewogenen Esskultur war mir immer wichtiger als die Zahl auf der Waage.

Deshalb machte ich am Tisch nie ein grosses Theater um «viel oder wenig essen»: Jetzt, wo meine Mädchen in der Pubertät sind, ganz besonders nicht. Trotzdem achte ich darauf, dass sie genug und gesund essen und nicht plötzlich irgendwelche komischen Macken entwickeln. Da mache ich mir wohl die ganz normalen Mami-Sorgen, weil ich genau weiss, dass es ein Prozess ist, seinen eigenen Körper kennen und lieben zu lernen.

Lob und Tadel für den Körper ist fehl am Platz

So war meine Jüngere, Lily, während einiger Zeit etwas runder als ihre Schwester im selben Alter, doch – genau wie ich erwartet hatte und ohne weiteres Zutun – hat sich das wieder ausgeglichen. Auch, weil sie plötzlich innert Monaten um einen halben Kopf gewachsen war. Daraufhin gab es einen Schlüsselmoment, als einer unserer Freunde – der die 13-jährige Lily schon länger nicht mehr gesehen hatte – zu ihr sagte: «Läck, du hast aber schön abgenommen! Toll siehst du aus!»

Ohne zu zögern, fuhr ich ihn an und sagte ziemlich deutlich, dass ich nicht wolle, dass man meine Kinder für ihren Körper lobe oder tadle. Und zwar so ruppig, dass ich mich danach unter vier Augen bei ihm entschuldigte und meinen Standpunkt erklärte. Es ist mir wirklich ein grosses Anliegen, dass sich (meine) Kinder nicht darüber definieren, ob sie nun dick oder dünn oder hübsch oder hässlich sind.

Meine Mädchen wachsen gerade in ihre Körper hinein und ich wünsche mir sehr, dass sie dies auf eine gesunde, glückliche Art tun können. Sie sollen sich an ihren ausdrucksstarken Augen oder ihren perfekt geformten Zehen freuen. Aber bitte noch viel mehr an ihrer Empathie, ihrem Wortwitz oder den vielen weiteren Talenten, die sie vielleicht erst noch entdecken werden.

Generation #bodypositivity

Vielleicht sehen sie in mir, dem dicken Mami, dass es nicht darauf ankommt, welche Jeansgrösse man trägt? Immerhin sagen sie jetzt politisch korrekte Dinge wie: «Das ist im Fall so out, dass man sich wegen des Gewichts runtermacht!» Sie finden selbst, dass ihre Generation #bodypositivity nicht nur als Hashtag benutzt, sondern auch lebt. Sie kapieren, dass es genug Dinge gibt, die wichtiger sind als die Figur: Dass man sich stark fühlt, sich verstanden fühlt, man sich ausdrücken kann. Dass man mitfühlen und mitreden kann. Und man sich mit Menschen umgibt, die all das an einem lieben.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich sage keineswegs, dass man überhaupt nicht über Körper(formen) reden darf und propagiere auch kein Übergewicht.

Aber ich schaue mich im Spiegel an und finde im vollen Ernst: «Nöd schlächt, Alti.» Es wäre ein Geschenk, wenn sie das auch einmal tun könnten.

Dieser Text erschien in längerer Fassung auf dem Blog Hey Pretty.

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Lesen Sie dazu auch das Posting von Nadia Meier: Was macht Mamas Diät mit der Tochter?