Wie lange darf man(n) sein Kind küssen?

American-Football-Spieler Tom Brady steht zurzeit im Fokus der Aufmerksamkeit – und das nicht nur wegen des verlorenen Super-Bowls am 4. Februar. (AP Photo/Mark Humphrey)

Tom Brady, der Quarterback des US-amerikanischen Footballteams New England Patriots, hat momentan keine gute Zeit. Gerade haben er und sein Team einen sicher geglaubten Final gegen die Philadelphia Eagles verloren. Im Radio hat ein Moderator Bradys fünfjährige Tochter eine «nervige kleine Pissnelke» genannt. Und in Zeitungen und den sozialen Netzwerken regt man sich darüber auf, dass in einer Dokumentation zu sehen ist, wie er seinen elfjährigen Sohn mehrere Sekunden lang auf den Mund küsst. Mehrere Sekunden, oh mein Gott! Wo ist das «Ich raste aus»-Emoji?! 😱😱😱

Als Sahnehäubchen obendrauf wird ihm seitdem verschiedentlich unterstellt, er sei selbst für derartige Unmutsbekundungen verantwortlich, denn schliesslich habe er seine Kinder ja für besagte Dokumentation filmen lassen. Und nun setze er seinen Ärger über die Kommentare gegen seine Kinder einzig zu Publicityzwecken ein, weil er sich für den Allergrössten hält und jede Möglichkeit ergreift, sich zu vermarkten.

Sein Hang zur Selbstdarstellung ist kein Geheimnis

Das ist natürlich möglich. Dass Tom Brady einen ausgesprochenen Hang zur Selbstdarstellung hat, ist weder ein Geheimnis noch weiter verwunderlich. Ein vierzigjähriger, steinreicher Mann, der mit einem Supermodel verheiratet ist, muss Mittel und Wege finden, wenn er sich zu noch einer Footballsaison motivieren will. Sich selbst für den GOAT (Greatest Of All Time) zu halten, ist da wahrscheinlich nicht nur nützlich, sondern sogar erforderlich. Dafür seine Kinder einzuspannen, macht Sinn.

Tom Brady mit Ehefrau Gisele Bündchen und Tochter Vivian Lake Brady beim Super-Bowl vor einem Jahr. Foto: Keystone, EPA, Larry W. Smith

Es könnte aber auch sein, dass Tom Brady schlicht ein liebevoller Vater ist, der es merkwürdig fände, wenn in einer Dokumentation über ihn und sein Leben zwei der für ihn wichtigsten Menschen überhaupt nicht vorkommen. So sehr ich für Anonymisierung von Kindern in Medien bin – und glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich spreche –, so klar kann ich mir die Reaktionen vorstellen, wenn seine Kinder in dieser Doku nicht vorgekommen wären: «Was ist bloss los mit dem Mann, was läuft falsch bei dem, warum versteckt der seine Kinder? Der ist ja so von Geld und seinem Job besessen, dass er überhaupt keine Zeit für seine Familie hat.»

Innige Vater-Sohn-Beziehungen

Also ist Tom Brady momentan mein medialer Lieblingsvater. Weil er im Gespräch mit dem Radiosender, auf dem seine Tochter beleidigt wurde, klargestellt hat, dass das so nicht geht und er wohl eine Weile nicht mehr mit ihnen sprechen wird. Und weil er offenbar eine ziemlich innige Beziehung zu seinem Sohn hat. Übrigens nicht nur zu seinem Sohn, sondern auch zu seinem Vater. Auch den küsste er gelegentlich. Auf den Mund! In der Öffentlichkeit! (Hier bitte schockierte und entsetzte Laute einfügen.)

Dafür wurde er in Internetkommentaren als «abartig», «schwul», «schwach» und «unnatürlich» bezeichnet. Den Kuss mit seinem Sohn nannte man wiederum «zu lang», «unangenehm» und «unangemessen». Ich hätte dazu noch eine Frage: Wie bescheuert sind wir eigentlich? Wir regen uns jetzt also ernsthaft darüber auf, dass eine Familie physische Intimität herstellt und Zuneigung bekundet? Ist ja krass.

Was kommt als nächstes: Mütter, die ihre Kinder länger als ein Jahr stillen? Töchter, die ihre Väter in Bezug auf ihr Sexleben um Rat fragen? Familienmitglieder, die kein Problem mit Nacktheit voreinander haben? Das ist nämlich alles mindestens genauso igitt.

Haben wir zu viele Krimis geschaut?

Oder wir haben alle einfach einen an der Waffel, weil wir zu oft Krimis geschaut haben und meinen, eine übergriffige, dysfunktionale Familie in drei Sekunden zu erkennen und zu durchschauen. CSI Promiwatch. Wir interessieren uns faktisch überhaupt nicht dafür, dass die meisten Fälle von sexualisierter Gewalt im familiären Nahbereich stattfinden.

Aber wenn irgendein bekannter Typ seinen Vater und seinen Sohn ein bisschen länger als der Durchschnitt küsst, dann hat die Sache unsere volle Aufmerksamkeit. Immerhin geht es dabei ja auch um nichts. Irgendwo in dieser ganzen Geschichte verbirgt sich eine massive Fehleinschätzung. Und ich verrate Ihnen nicht zu viel, wenn ich sage, dass sie nicht bei Tom Brady liegt.

Was ist, wenn Kinder gar nicht umarmt oder geküsst werden wollen? Auch sie dürfen Grenzen setzen,schreibt Nadia Meier im Mamablog >>