Rapunzel-Mädchen und Ronaldo-Buben

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Kurze Haare? Unvorstellbar. Mädchen passen sich bereits früh den Geschlechterstereotypen an. Foto: iStock

Es wird ja viel darüber geredet, was die Kinder heutzutage so im Kopf haben. In den letzten Tagen habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was sie auf dem Kopf haben. Alles fing damit an, dass ich an der Bushaltestelle einen Vater, Typ Manager, sah, der mit den blonden Hornfäden der Tochter seine liebe Mühe hatte. Er hantierte ungeschickt mit einer Hello-Kitty-Haarbürste und einem spiralförmigen Plastikhaargummi, als er die Kleine genervt anherrschte: «Warum hat das Mami dir keine Frisur gemacht?»

Ich fragte mich so einiges. Unter anderem, warum das Kind überhaupt eine Frisur brauchte. Sie hatte schulterlange Seidenfädeli und hätte wunderbar ohne Pferdeschwanz oder sonstige Haarbefestigung in die Kita gehen können. Und ihrem Lätsch nach zu urteilen war der Besuch im Bushaltestellen-Friseursalon nicht ihr Herzenswunsch. Also: Warum brauchen Mädchen schöne Frisuren? Haarspängeli, Zöpfe, Mäscheli? Und warum eigentlich lange Haare?

Warum nicht einmal ein Bubikopf?

Gemäss Auskunft meines Sohnes trägt in seinem Schulhaus kein einziges Mädchen kurze Haare, also kürzer als kinnlang. Natürlich haben Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren längst internalisiert, wie ein Mädchen auszusehen hat. Lange Haare gehören da quasi zur Grundausstattung. Interessant ist aber, dass auch viel jüngere Meitschi eigentlich immer so langes Haar wie nur möglich haben. Um den ausdrücklichen Wunsch der Kleinkinder kann es sich kaum handeln. Also wollen die Eltern unbedingt langhaarige Töchterli. Weil es so herzig aussieht? Oder damit Passanten auch sicher das Geschlecht erkennen?

Ich jedenfalls schnitt meiner Tochter, als sie weniger als zwei Jahre alt war, kurzerhand einen Bubikopf. Ganz einfach deshalb, weil ich das Drama beim Haarewaschen und Kämmen satthatte. Ob Mädchen oder Junge: Kurze Haare sind für Kleinkinder definitiv praktischer. Heute trägt sie ihr Haar übrigens lang – und die verehrte Tante mit eigenem Coiffeur-Salon darf nur so wenig wie möglich abschneiden. Die sagt übrigens: «Viele Mütter möchten zwar ihren Töchtern die Haare kämmen können, ohne dass diese über Schmerzen klagen. Trotzdem müssen die Haare mindestens schulterlang sein, ja nicht kürzer.»

Coole Buben tragen Bob

Ganz anders die ungeschriebenen Haargesetze bei den Buben: Zwar tragen nicht alle Jungs die Haare kurz. Auch einige kleine Buben haben kinnlange oder sogar noch längere Haare. Einerseits vielleicht wegen Scherenphobie, andererseits bestimmt wegen des Stilbewusstseins der Eltern. Die Coiffeuse dazu: «Die Buben kommen oft mit einem Foto eines Fussballspielers und wollen denselben Schnitt. Einige wenige Jungen tragen längere Haare, einen Surferlook. Da sind meistens die Mamis sehr stolz darauf.» Sieht ja auch allerliebst aus, so ein kleiner Styler mit halblangem Haar. Anders als bei den Mädchen käme aber niemand auf die Idee, das bubige Langhaar mit Spängeli oder Gümmeli bändigen zu wollen. Zu mädchenhaft!

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Der Fussballerschnitt ist bei Buben sehr beliebt. Foto: iStock

Nun geht es mich ja wirklich nichts an, was andere Eltern mit den Haaren ihrer Babys und Kleinkinder machen. Die Kleinen haben ja noch keine eigene Meinung dazu. Also sollen die Eltern für ihren Nachwuchs eine Frisur wählen, die sie praktisch oder eben herzig finden. Merkwürdig finde ich aber, wenn Eltern von älteren Kindern über deren Haare bestimmen. Im Sommer erzählte mir eine Drittklässlerin mit zwei dicken, dunkelbraunen Zöpfen, sie hätte lieber kurze Haare. Aber die Mutter, selbst langhaarig, erlaube das nicht.

Finger weg von der Kinderfrisur!

Das verstehe ich überhaupt nicht. Was könnte die Frau an der Kurzhaarfrisur der Tochter stören? Das Mädchen soll doch auf dem Kopf haben, was es möchte. Und ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Kinderfrisurwünsche von elterlichen Vorlieben mitunter deutlich abweichen: Nachdem mein Viertklässler nämlich seine Haare jahrelang kurz-praktisch-fussballermässig haben wollte, lässt er die braune Pracht nun wachsen. Mittlerweile sieht er aus wie ein Shetlandpony, das mit ruckartigen Bewegungen versucht, die Fliegen respektive Haare aus seinen Augen zu vertreiben. Auf meine wiederholte Frage, ob er nicht ein Haarspängeli benutzen möchte, reagierte er zuerst irritiert und dann mit einer eindeutigen Zeigefinger-Schläfen-Geste.

Ich verstehe zwar nicht, wie man eine solch unpraktische Frisur haben wollen kann. Aber es ist eben nicht meine Frisur, sondern seine. Und die Haare meiner Kinder sind die Sache meiner Kinder. Ich hüte mich davor, ihnen bestimmte Haarlängen, Frisuren oder Spängeli aufzuzwingen.

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