Wenn das Grosi nicht hüten will

Rabengrossmutter? Grosseltern stehen unter Leistungsdruck. Foto: Shutterstock

«Meinen Schwiegereltern ist Mauritius wohl wichtiger als Anna-Matilda», empörte sich kürzlich mein Freund Tim und erntete grosse Zustimmung in der Runde. Grosseltern, die sich nicht als Ersatz-Kita oder Betreuungsdienst sehen, sind Egoisten. Dies scheint zumindest die verbreitete Meinung zu sein.

Das Thema ist ein Tabu. Mir sind kaum Grosseltern bekannt, die offen kommunizieren, dass sie lieber reisen oder arbeiten, anstatt die Enkel zu betreuen. Vor allem die Grosis sind die grossen Helfer in vielen Schweizer Familien, in denen beide Elternteile arbeiten: Gemäss dem Generationenbericht von 2008 betreuen die Grossmütter ihre Enkel geschätzte 100 Millionen Stunden jährlich.

Viel Arbeit, wenig zu sagen

Aber was, wenn Grosi findet, sie habe schon genug Kinder grossgezogen? Den Grossmüttern ergeht es dann wohl nicht besser als uns Eltern. Auch sie werden ständig bewertet und dementsprechend schubladisiert, belehrt oder diskriminiert.

Ich kann es den Grosseltern nicht verübeln, die sich gegen eine regelmässige Betreuung ihrer Enkelkinder entscheiden. Bei allem Idealismus ist die Realität doch auch die: Sie werden nicht bezahlt, ernten wenig Verständnis, wenn sie absagen oder auch mal krank sind, und müssen akzeptieren, dass sie zwar viel Verantwortung übernehmen, sich bei der Erziehung jedoch zurückhalten müssen: Gratisarbeit, die sonst vor allem die Mütter übernehmen, nur mit dem Unterschied, dass sie weniger zu sagen haben.

Doch Grosseltern die sich weigern, ihre Enkel zu betreuen, gelten schnell als Rabengrosseltern. Oftmals sind die eigenen Kinder beleidigt. Die Töchter leben emanzipiert, verlangen aber von den Grosis, in traditionellen Rollen zu verharren. Ein «Ego-Grosi», das ein paar Tage in den Bergen ihren Enkeln vorzieht, bekommt dasselbe zu hören wie ich, wenn ich 100% arbeite oder Ferien ohne meine Kinder machen möchte.

Ohne Grosseltern aufgeschmissen

Mein Sohn ist nun 13 Jahre alt. Wenn er so früh dran ist wie ich, könnte ich schon in zehn Jahren eine Grossmutter sein. Seine Schwester wäre zu diesem Zeitpunkt gerade mal 14. Was, wenn ich dann noch nicht bereit bin für Enkelkinder? Wenn ich nicht meine Arbeitstage umstellen möchte, damit ich diese betreuen kann? Vielleicht bin ich zu diesem Zeitpunkt froh, endlich die Kinder gross zu haben. Ich könnte alleine reisen, Zweisamkeit mit meinem Mann geniessen. All das, was mit kleinen Kindern für mich nicht möglich war. Bin ich dann, nachdem ich eine Rabenmutter war, auch eine Rabengrossmutter? Vielleicht sollten wir uns das hin und wieder mal fragen, wenn wir beleidigt sind, weil das Grosi nicht hüten will.

Denn auch ich fordere meine Mutter und Schwiegermutter in Bezug auf die Betreuung meiner Kinder. Zwar lösen mein Mann und ich es oftmals untereinander oder über die Kita, doch bei kranken Kindern, Schulferien und Überstunden wäre ich ohne die Grosseltern aufgeschmissen.

Zudem verschaffen sie meinem Mann und mir immer mal wieder eine kleine Auszeit und nehmen uns die Kinder übers Wochenende oder in den Ferien ab. Ich war auch schon irritiert, wenn es mal nicht klappte mit der Oma und dachte mir: Ist dieser Ausflug nun wichtiger als das Enkelkind?! Ja, ist er. Und das ist auch voll in Ordnung so.

Lesen Sie dazu auch: Was Grosseltern müssen, Schwiegermutter inside, Die Grossmutter solls richten