Schwanger wie Grossmutter

Vorfreude statt Sorgen: Die vielen bedrohlichen Eventualitäten belasten viele Schwangere.  (Foto: Getty Images)

Letztens war ich bei der Grossmutter meines Freundes zu Besuch und kam mir furchtbar alt und furchtbar kompliziert vor. Sie ist 86 – also 56 Jahre älter als ich. Bis vor kurzem hat sie bei den vielen grünen Parisienne-Zigis, die sie jeden Tag raucht, die Filter abgeschnitten, weil die Zigaretten ihr zu mild waren. Den Sommer über lebt sie in einem Chalet in den Bergen und macht gern lange Spaziergänge. Ihr Seniorenhandy lässt sie dafür zu Hause. Sie hat es schon lange nicht mehr aufgeladen. «Und wenn mal was passiert?», fragen wir sie. «So will ich nicht leben», sagt sie dann. «Wenns passiert, passierts.»

Nun, besagter Grossmutter erklärte ich bei unserem Besuch, wieso ich den feinen Bergkäse nicht essen mochte, den sie mir anbot. «Der ist nicht pasteurisiert. Das sollte man in der Schwangerschaft nicht – Rohmilchkäse essen.» Sie schaute mich mit grossen Augen an. «Ja, da kann es Listerien drin haben. Bakterien. Das könnte gefährlich sein für das Baby.» Sie lachte ein bisschen, und ein bisschen schüttelte sie den Kopf: «Was ihr nicht alles wissen müsst heute.» Und so fragte ich mich einmal mehr: Müssen wir das denn wirklich alles wissen?

All die kleinen grossen Dinge, die man besser lassen sollte

Schlagen wir uns – im Leben allgemein und in Schwangerschaften insbesondere – nicht die ganze Zeit mit dem scheinbaren Vorbeugen von Eventualitäten herum, während wir die entscheidenden Dinge grösstenteils nach wie vor nicht in der Hand haben und auch nie in der Hand haben werden? Und ist der tatsächliche Stress, der aus der ständigen Beschäftigung mit all diesen Eventualitäten resultiert, nicht in Wahrheit viel bedrohlicher für eine schwangere Mutter und ihr ungeborenes Baby als die kleine Eventualität an sich?

Da ist die Angst vor den Neuralrohrdefekten, weil man nicht brav MINDESTENS einen Monat VOR der Schwangerschaft mit der Folsäureeinnahme begonnen hat (wer macht das schon?!). Dann, kaum ist die Mutterschaft in der 13. Schwangerschaftswoche offiziell bestätigt, die medizinisch nahegelegte Beschäftigung damit, dass mit dem heranwachsenden Kind auch etwas nicht richtig sein könnte, und die vielen Wege, dies abzuklären. Die routinemässige Ultraschalldiagnostik, die so präzise ist, dass kleinste Abweichungen weitere Untersuchungen – und unter Umständen weitere Beunruhigungen – nach sich ziehen können. Und dann all die kleinen grossen Dinge, die man besser lassen sollte – weil man es ja eben besser weiss: wie besagten Bergkäse essen.

Und natürlich googelte ich…

Gestern Abend, da musste ich wieder an die Grossmutter denken. Ich hatte soeben, auch hier sehr gierig, ein halbes Päckli geräucherten Lachs gegessen. Und dann kam mir natürlich in den Sinn, dass ich das vielleicht doch eigentlich nicht sollte. Und natürlich googelte ich, und natürlich stand da, dass ich das eigentlich tatsächlich nicht sollte.

Vielleicht sollte ich mir auch ein Seniorenhandy kaufen, und das dann einfach nie aufladen. Und in die Berge ziehen. Wobei: Die Google-Recherche hat durchaus etwas Hilfreiches ergeben: In England, da wird Schwangeren vom Konsum von geräuchertem Lachs nicht abgeraten. Bin ich halt für den Rest der Schwangerschaft Engländerin. Und ein bisschen mehr Grossmutter.