Die Angst vor dem dritten Kind

Ein Vater hat nicht ängstlich zu sein. Diese Rolle wird gemeinhin nur der Mutter zugeschrieben. Foto: istock/Georgijevic

Eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich bisher in meinem Leben zu treffen hatte, war die für oder gegen ein drittes Kind. Die für das vierte hingegen war sehr einfach. Wenn mich Freunde und Bekannte danach fragen, erzähle ich immer die gleiche Geschichte: Meine Lebenskomplizin und ich waren uns schon sehr früh einig darüber, dass es entweder zwei oder vier Kinder sein sollen – aber nicht mehr, weil wir beide das sichere Gefühl hatten, die Situation dann nicht mehr stemmen zu können.

Wir planen sehr gerne. Die Dinge müssen und werden sich nicht zwingend in die Richtung entwickeln, die wir mal gemeinsam angedacht haben. Aber zumindest ein paar Pläne und Ideen für die Zukunft zu entwerfen, gibt uns das Gefühl, nicht immer nur passiv vom Schicksal herumgeschubst zu werden. Und wir machen gerne Pro- und Contra-Listen, mit denen wir visualisieren können, wozu wir uns eigentlich schon entschieden haben, ohne es wirklich zu bemerken.

Fakten vs. Bauchgefühl

Beim dritten Kind haben all diese Strategien versagt. Da war die Lust auf ein weiteres Kind und auf eine grössere Familie. Aber auch das Wissen, so ziemlich alles noch einmal über den Haufen zu werfen, und das Gefühl, zu viert schon vollständig zu sein. Egal wie oft wir hin und her überlegten: Es war immer ein Nullsummenspiel. Das wir schlussendlich entschieden haben. Nicht aufgrund von Fakten, Listen oder Bedürfnissen, sondern einfach so aus dem Bauch und vor allem aus dem Herz heraus. Bei meiner Jüngsten war dann alles wieder sehr selbsterklärend. So geht die Geschichte, die ich erzähle, und sie ist wahr.

Die Geschichte, die ich so gut wie nie erzähle, ist allerdings auch wahr. Ich erzähle sie nicht oft, weil sie mit meiner Angst zu tun hat. Mit der Angst eines Mitdreissigers, der in seinen Zwanzigern naiv und überheblich genug war, um zu glauben, dass er die Kinder schon irgendwie geschaukelt bekommt, und der inzwischen so viel mehr zu verlieren hat. Mit der Angst, die Bedürfnisse dieses Kindes könnten womöglich so gross sein, dass die der anderen Kinder und die eigenen dahinter weit zurückstecken müssten. Mit der Angst, die eigene Kraft würde nicht mehr ausreichen, und die Nerven wären mittlerweile so strapaziert, dass man sich dem Kind gegenüber zu häufig und zu deutlich unfair und abweisend verhält.

Geht das bloss mir so?

Ich habe schon verschiedentlich erwähnt, dass ich ein Schisser bin. Ein Sorgenvater, der lieber wegschaut und laut pfeift, während die Mutter des Zehnjährigen ihm zuruft, er könne ruhig noch viel höher auf den Baum hinauf klettern. Die Angst um meine Kinder ist mir sehr vertraut. Ich halte sie für naheliegend. Umso irritierter und befremdeter bin ich davon, dass es als Vater nur mir so zu gehen scheint. Zumindest wird mir das in Gesprächen und Texten immer wieder gespiegelt: Männer haben vielleicht Angst vor dem Vaterwerden oder auch vor der Realität Kind. Aber als Vater hat man kaum oder gar keine Angst um das Kind. Das ist dann eher Frauensache.

Auf mich trifft zu, was der Autor John Irving einmal über sich geschrieben hat: «Ich bin nur ein Vater mit einer guten Vorstellungsgabe. In meiner Vorstellung verliere ich meine Kinder jeden Tag.» Und bei meinem dritten Kind ist meine Vorstellung einfach Amok gelaufen. Alles, was grundsätzlich und immer auf dem Spiel steht, stand plötzlich mit diesem Kind auf dem Spiel. Alles, was jederzeit all meinen Lieben und mir passieren kann, drohte diesem Kind zu passieren.

Neue Sichtweise

Nur sehr widerwillig liess sich diese Panik von mir in den Griff bekommen. Sie zwang mich, mich in einer Art und Weise mit mir und meiner Angst zu beschäftigen, die mir zutiefst unangenehm und irgendwie auch peinlich war. Genau deshalb erzähle ich Ihnen diese Geschichte.

Denn ich bin immer noch ein Schisser, aber ein geläuterter. Einer, der klarer sieht, woher seine existenziellen Ängste kommen und woran sie gebunden sind. Diese neue Sichtweise verdanke ich meinem jüngsten Sohn, meinem dritten Kind. Nicht nur dafür werde ich ihm für immer dankbar sein.

22 Kommentare zu «Die Angst vor dem dritten Kind»

  • clbr sagt:

    Ich bin etwas erschreckt, denn ich bin ein drittes Kind. Allerdings eines von vor vielen Jahren. Mein Vater (35) soll scheint’s meiner Mutter (35) damals einzig gesagt haben: „Sind wir nicht zu alt für noch ein Kind?“ Insgesamt habe ich aber keinerlei Nachteile, wie sie der bloggende Vater befürchtet, erlebt. Selber habe ich keine Kinder und kenne daher die Ängste vor dem Kinderhaben nur aus zweiter Hand. Ich finde es ideal, zu dritt aufzuwachsen. Ich habe sehr gute Beziehungen zu meinen Schwestern. Also Eltern: Versucht Eure Bedenken zu übertönen!

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Ich wollte immer 5 oder 6 Kinder, aber in der Beziehung mit meinem Exmann zeichnete sich immer mehr ab, dass es finanziell nicht drinliegen würde, mehr als ein Kind zu haben. Die Horrorgeburt bestärkte dann meine Überzeugung, dass mein Grosser als Einzelkind aufwachsen würde. Nie hätte ich damit gerechnet, dass sich ein kleines Würmchen gegen meine/unsere Pläne stellen und sich trotz Pille danach ins Leben kämpfen würde. So ist mein Kleiner ein ungeplantes Wunschkind geworden.

    Mit meinem jetztigen Mann hätte ich gerne weitere Kinder, aber die Umstände verhindern diesen Wunsch.

  • Carolina sagt:

    Ich bin mit unserem dritten Kind schwanger geworden, obwohl wir uns eigentlich darauf geeinigt hatten, keine Kinder mehr zu haben. Bei mir vor allem war die grosse Angst, dass wir sozusagen das Schicksal herausfordern, nachdem wir bereits zwei gesunde, wunderbare Kinder hatten.
    Aber ich bin trotzdem ‚aus Versehen‘ schwanger geworden und das Kind war von Anfang an willkommen. Meine schlimmsten Befürchtungen sind allerdings wahr geworden: wir hatten das Schicksal herausgefordert und unser Baby starb.
    Dann geschah aber etwas, was mich heute noch erstaunt: dadurch, dass das schlimmste Vorstellbare eingetraten war, haben wir ohne weitere Aengste und Hinterfragungen noch ein Baby bekommen. Nicht als Ersatz, sondern als Lebensbejahung.

  • Mel sagt:

    Schöner Text. Ich denke nicht, dass Sie mit diesen Ängsten allein stehen Herr Pickert. Mein Mann ist teilweise auch ängstlicher als ich, und wenn wir uns aussprechen, merken wir regelmässig, wie gegenwärtig unsere Ängste im Bezug auf unsere zwei Kinder sind. Ich habe z.B. die irrsinnige Angst, meine Kinder könnten entführt werden (völlig unbegründet eigentlich) aber trotzdem denke ich immer wieder daran und schäme mich auch dieser Angst. Wieso ist sie da? Weil wir die Verantwortung über die kostbarsten, wundervollsten Geschöpfe dieser Welt tragen. Und weil wir täglich hören, wie böse diese Welt sein kann. Und weil wir wissen, dass falls etwas passiert, wir untergehen würden. Wir haben ein einfühlsames Herz, und das ist gut so.

  • 13 sagt:

    Ein schöner Text. Auch ich bin wie einige hier überrascht, warum der Entscheid für oder gegen ein drittes Kind oftmals soviel anders ist als bei den ersten zwei. Ist es, weil man das, was als „normal“ oder „üblich“ bezeichnet hinter sich lässt? Mehr wagt als andere? Weil so vieles auf 4-Personen-Familien ausgerichtet ist, von den Packungen im Supermarkt bis hin zu Ferienangeboten? Weil man zwei Hände hat und damit schon in Gedanken das Gefühl hat, immer eines loslassen zu müssen, obwohl die Zeit, in der man Kinder an der Hand führen muss, ohnehin sehr kurz ist? Weil man im Normalfall 2 Elternteile hat und daher die Kinder die Mehrheit erhalten? Oder weil 3 bei vielen, so wie auch bei Ihnen, eine nicht-harmonische Anzahl ist und damit der Schritt Richtung Grossfamilie gehen muss?

    • 13 sagt:

      Ich weiss es nicht und doch kenne ich einige dieser Überlegungen. Meine grösste Sorge war schlicht: Können wir drei Kindern gerecht werden? Finanziell, platztechnisch, aber v.a. für sie da sein, zuhören, Zeit haben? Oder schränken wir sie durch unseren Wunsch nach dem dritten Kind zu sehr ein? Die Ängste waren unbegründet. Diese Einschränkungen, die es automatisch gibt, sind nichts im Vergleich dazu, wie sehr sie das Nesthäkchen vergöttern. Und auch die Angst vor der ungeraden Zahl ist meiner Erfahrung nach völlig unbegründet. Ich kenne zumindest keine Familie, wo das wirklich ein Problem wäre.

  • Henriette sagt:

    Es gibt aber doch auch die Angst vor dem Kind überhaupt. Ein guter Freund musste sieben Wochen vor der Geburt seines ersten Kindes in die Psychiatrie eingeliefert werden. Er konnte nicht mehr schlafen, dann auch nicht mehr zur Arbeit gehen, weil er eine Riesennangst vor der Last der Verantwortung hatte. Die werdende Mutter übrigens stand diese drei Wochen mit bewundernswerter Gelassenheit durch. Als das Kind dann da war, ging es allen dreien gut. Ein zweites Kind kam nach zwei Jahren, ein drittes war meines Wissens gar nie geplant.

  • Sportpapi sagt:

    Ich verstehe gerade nicht, was beim dritte Kind anders ist als bei den zwei davor und dem danach. Wobei ich durchaus auch kein ängstlicher Vater bin, und Existenzängste sich bei mir im Wesentlichen auf Ressourcen-Aspekte beschränken. Also: Reicht das Geld, reicht der Wohnraum, reicht die Betreuungskapazität.
    Alles andere war nur: Wollen wir noch einmal?

  • tststs sagt:

    Schliesse mich an: ein wirklich gelungener Text!

    Nur in einem Punkt muss ich ein wenig Kontra geben:
    „Zumindest wird mir das in Gesprächen und Texten immer wieder gespiegelt: …..Aber als Vater hat man kaum oder gar keine Angst um das Kind…“
    Also in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kommt das Thema öfters auf den Tisch (mit oder ohne Männer).
    Manchmal in entzückt-anhimmelnder Weise („Wie er das Baby vorsichtig ängstlich beim Baden mit seinen starken Händen festhält…ach…schmacht…“).
    Machmal belustigend („Das erste Wickeln dauerte 20 Minuten, weil er Angst hatte, das kleine Bündel kaputt zu machen…hihi…“)
    Manchmal genervt („Klein-Jöstin lässt er alles durchgehen, Klein-Schantaaall packt er in Watte…“)
    😉

    • tststs sagt:

      Und gaaaanz wichtig: Angst ist nicht das schlechteste Gefühl!
      Bin mir ziemlich sicher, dass es seinen Teil dazu beitrug/-trägt, dass der Mensch so weit in der Evolution gekommen ist!

    • Sportpapi sagt:

      Hm. Die Berichte stammen aber alle von den Frauen über ihre Männer. Und sind eher ein Hinweis darauf, dass den Männern etwas die Routine fehlt im Umgang mit ihren Säuglingen. Schlimm genug!
      Ich glaube allerdings schon (aus ganz viel Beobachtung), dass die Väter bei etwas älteren Kindern schon mal etwas mehr „Risiko“ zulassen als die Mütter.

      • Michael sagt:

        Solltest Du Kinder haben, dann schau mal wie sie aufwachsen. Verallgemeinert findest Du keine Puppen bei den Buben und keinen Fussball bei den Mädchen. Da ist es nicht verwunderlich, das Mädchen / Frauen mehr Routine beim Wickeln mitbringen. Und wer sorgt für diese Aufteilung von Puppen und Fussbällen ? Wir Eltern. So wird ein Schuh daraus !

      • Sportpapi sagt:

        @Michael: Meine Frau und ich haben es beide zeitgleich im Geburtshaus gelernt. Und dann weitergeübt.
        Und natürlich haben meine drei Jungs auch Puppen bekommen, man ist ja modern. Nur gespielt damit haben sie eher selten…

  • Sisifee sagt:

    Danke für diesen ehrlichen Beitrag. Bei uns war die Diskussion um ein 3. Kind vor lauter Angst (meines Mannes) komplett blockiert.
    Irgendwann konnten wir dann darüber reden. Auf den Tisch kamen als erstes seine Ängste. Dann meine, denn die waren auch da. Und sobald das alles ausgesprochen war, konnten wir uns entspannen.
    Zu guter Letzt wurden wir uns bewusst, dass wir nicht mehr ganz jungen Eltern eigentlich nur eines wirklich entscheiden konnten: Mit Verhütung aufzuhören oder nicht. So haben wir ein Zeitfenster ohne festgesetzt, angemeldet hat sich unser drittes Kind just zur „Deadline“, als wir es innerlich schon abgehakt hatten. Die Ängste waren, seit das Kind da ist, kein einziges Mal ein Thema mehr.

  • Michael sagt:

    Ich habe hohen Respekt vor Eltern, die mehr als zwei Kinder haben. Bei einem Kind ist es klar, wenn man verwöhnt. Bei zwei Kindern kann man noch gerecht 50:50 teilen. Aber bei drei ? Da ist ein ganzes Universum neuer Gedanken und Argumenten notwendig. Und auch die Umstände werden aufwendiger. 4 passen länger in eine Wohnung oder in ein Auto als es mit 5 der Fall ist.

  • Beat Stark sagt:

    Interessante Geschichte, danke für den Artikel. Bei uns war es genau umgekehrt. Der Entscheid für das dritte Kind fiel eine Woche nach der Geburt des zweiten und dauerte 5 Sekunden. Beim vierten diskutierten wir hin und her und überlegten uns, was alles auf dem Spiel steht. Zweifel, Ängste und Sorgen dominierten unser Denken. Schliesslich haben wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen. In zwei Monaten ist es soweit 😉

  • Stefan W. sagt:

    „Bauchgefühl“ ist grundsätzlich nicht schlecht, wenn es um Schwangerschaft geht. Während mir bei „Fakten“ nur nicht-druckfähige Kalauer einfallen. Ach ja, wir haben drei Kinder.

  • vale sagt:

    Die „gute Vorstellungsgabe“ ist mir leider sehr bekannt. Vielleicht ist diese reinste Form von Liebe – jene zum eigenen Kind – nicht zu haben ohne Verlustängste, ohne Bewusstsein um Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Die Generation unserer Väter hat da wohl mehr Distanz bewahrt. Trotzdem wünsche ich mich nicht dorthin zurück. Bin froh, hier und heute Vater zu sein.

  • romeo sagt:

    Von Herrn Pickert könnte Herr Thommen so einiges lernen.

  • Pauline sagt:

    Ein sehr schöner Text!

  • Reincarnation of XY sagt:

    Sympathischer Beitrag.
    Ich denke es ist normal, dass Eltern Ängste haben.
    Unterschiedlich ist einfach, wieviel Raum man diesen Ängsten gibt.

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