Zu wild für ein Mädchen?

In der Schweiz mag man lieber Annikas als Pippi Langstrumpfs: Zwei Wildfänge in ihrem Element. Foto: Trinity Kubassek (Pexels)

Wissen Sie, was ein Rüedu ist? So nennt man auf Berndeutsch eine Frau, die sich wie ein Mann verhält. Oder ein Mädchen, das sich benimmt wie ein Junge. Kürzlich wurde meine Tochter so bezeichnet. Von einer erwachsenen Person. Und es war nicht das erste Mal.

Zwar hat das Kind schulterlanges Haar, mag Röcke und Pferdepullis. Was also wirkt an ihr so bubenhaft? Wahrscheinlich nicht ihr Aussehen, sondern ihre lebhafte Art. Wo sie ist, geht die Post ab. Sie ist eine Partylöwin, eine Rambazamba-Expertin. Eine Dirigentin, die gern den Ton angibt – und das ziemlich laut.

Laut wie ein Junge

Das wäre ja eigentlich kein Problem. Wenn sie ein Schnäbi hätte. Denn sie ist nicht ungewöhnlich laut und wild für ein Kind. Aber offensichtlich zu laut und wild für ein Mädchen. Jedenfalls in den Augen und Ohren gewisser Leute. Und diese Leute sind meist Mädchenmütter. Unsere temperamentvolle Tochter scheint sie zu irritieren. «Ein ziemlicher Wildfang», konstatieren sie ohne Begeisterung.

In der Schweiz mag man die Mädchen brav. Ruhige Meitschi mit Zöpfen, die stundenlang in einer Ecke sitzen und Mandalas ausmalen. Schön fleissig und nett. Lieber Annikas als Pippi Langstrumpfs. Solche Mädchen sind für Eltern und Lehrpersonen sicher gäbig, das muss ich neidlos zugeben. Trotzdem weigere ich mich, meine Tochter in diese Schublade zu pressen.

Managerinnenqualitäten

Damit Sie mich richtig verstehen: Ich bin nicht der Meinung, dass alle Kinder laut und wild sein sollten. Um Himmels willen! Aber ich werde meine Tochter in diesem Geschlechtertheater nicht die Rolle des braven Mädchens zuteilen. Wenn sie laut und wild ist, dann ist sie kein «Rüedu». Sondern ein lautes, wildes Mädchen. Wenn sie in Kindergruppen gern die Führung übernimmt, ist sie kein «Umebefähli», sondern sie kann sich gut durchsetzen. Wissen Sie, was man bei einem Jungen sagen würde, der dasselbe tut? «Der wird mal Manager.»

Natürlich fördere ich kein rücksichts- oder respektloses Verhalten. Aber sie soll nicht anfangen zu glauben, dass sie sich als Mädchen zurücknehmen muss. Dass sie braver sein muss als die Buben. Oder leiser. Oder kleiner.

Braves Mädchen, brave Frau

Denn ich spreche nicht nur mit dem Mädchen von heute. Ich spreche auch mit der Frau, die sie später sein wird. Und ich finde, dass wir noch mehr Frauen brauchen, die laut und deutlich ihre Meinung sagen. Die sich durchsetzen können und sich grosse Aufgaben zutrauen.

Natürlich kann ich nicht ganz allein gegen die kulturelle Prägung kämpfen. Durch Bücher und Filme, in der Schule oder durch unsensible Bemerkungen von Erwachsenen bekommt sie durchaus mit, wie ein Mädchen angeblich zu sein hat. Aber bisher lässt sie sich zum Glück noch nicht gross verunsichern. Als sie kürzlich hörte, wie eine andere Mutter sie Wildfang nannte, korrigierte sie: «Ich bin kein Wildfang, ich bin ein Wildpferd», und galoppierte davon.