Väter, ran an die Babys!

Das nachgeburtliche Bonding soll nicht der Mama vorbehalten sein, die darf sich erst mal ausruhen. Foto: iStock

Das Baby ist gerade geschlüpft, die Mutter ein paar Tage lang schlapp. Kein Problem: Im Spital kümmern sich Kinderpfleger und Hebammen um den ersten Ölwechsel. Zu Hause eilt die frisch gekürte Grossmutter* zu Hilfe. Wenige Tage später kann die Kindsmutter ihren Damm endlich wieder belasten und sich vollumfänglich um die Babypflege kümmern. Der Kindsvater unterstützt sie nach Möglichkeiten und auf ihre Anweisung hin: «Maximilian-Jason hat sich den Rücken hochgekackt. Kannst du mir einen neuen Body bringen. Sie liegen unten rechts im Schrank.»

Das geht natürlich nur, wenn der Alte überhaupt zu Hause ist. Manchmal weilt er nach der Geburt noch ein paar Tage bei der Arbeit. «Ich kann zu Hause ja sowieso nichts machen.» Hartnäckig hält sich der Gedanke, dass das Neugeborene seine Mutter braucht und der Vater weiterhin Handlanger bleibt.

Ich vertrete da eine andere Überzeugung: Das Baby braucht nach der Geburt seinen Vater, und der Vater braucht sein Baby. Mutti durfte es neun Monate rumtragen. Geniesst sie beim nachgeburtlichen Bonding weiterhin Priorität, hat das Folgen: Vati steht im schlimmsten Fall ein Leben lang abseits – als Elternteil zweiter Klasse.

Voller Körpereinsatz nach der Geburt

Die Natur hat es ja unmissverständlich eingerichtet, indem sie Mütter nach dem Wurf erst einmal bettlägerig macht. Das ist das Zeichen für den Vater. «Ran an den Babyspeck!»

Dabei geht es nicht um Symbolik, sondern ums Materielle. Es reicht nicht, wenn der Papa in einer freien Minute für das Geburtsanzeigen-Sujet «bluttes Bébé schläft hübsch drapiert auf Brusthaar» posiert. Er soll eigenständig den harten Babyalltag bewältigen – und zwar sofort ab Geburt.

Das Kindspech ist des Vaters erste Trophäe und für den Neuvater auch gleich der Einstieg ins Wickeln. Er optimiert in den kommenden Tagen seine Technik und zeigt der Mutter etwa zwei Wochen nach der Geburt, wie man das Baby korrekt sauber macht. Er entscheidet vorläufig, was es anzieht, badet es, pflegt den Nabel und kümmert sich um den ersten Besuch beim Kinderarzt.

Gebären ist wie umgekehrtes Zeugen

So «beteiligt» sich der Vater nicht nur, sondern übernimmt mindestens vorübergehend die Hauptverantwortung. Die Mutter darf stillen, mit Maximilian-Jason schmusen und sich erholen. In den Wochen nach der Geburt teilen sich die Eltern ihre Aufgaben dann langsam auf. So, wie es dem gewählten Familienmodell am besten entspricht. Persönlich finde ich es schön, wenn auch wir Väter – als Ausgleich zum Stillen – gewisse exklusive Babyaufgaben behalten. Ich hatte damals zum Beispiel das alleinige Recht, den Brecht im Tragetuch rumzuschleppen. Nicht, dass sich meine Frau angeboten hätte, es war ein sehr warmer Sommer.

Stürzt sich ein Vater nach Durchtrennen der Nabelschnur** auf die Babypflege, geht es nicht nur darum, was er tut. Es geht auch darum, was die Mutter nicht tut. Sie muss trotz allen Hormonen und Gefühlen loslassen können. Ab der Geburt, nicht erst nach dem Abstillen. Sie muss dem Vater vertrauen, und zwar vollumfänglich.

Eigentlich ist es wie damals bei der Zeugung, nur umgekehrt: Die Mutter gibt etwas aus ihrem Körper, der Vater nimmt es entgegen und versucht, das Ding am Leben zu erhalten.

*Die Schwiegereltern haben im jungen Babyhaushalt erst mal nichts zu suchen. Sie können in den Tagen nach der Geburt allenfalls auf die älteren Kinder aufpassen und sie mit Süssem vollstopfen. So haben alle etwas vom neuen Baby.

**Man muss die Nabelschnur als Vater übrigens nicht selber durchschneiden. Wäre damals keine auszubildende Kinderpflegerin eingesprungen, würde der Brecht seine Plazenta noch heute hinter sich herschleifen.