Mädchen sind hübsch, Jungs schlau

«Ich beschütz dich, kleine Prinzessin»: Ist das wirklich die Rolle. die wir unseren Kindern beibringen wollen? Foto: iStock

Sieht man sich in Kinderkleidergeschäften um, ist der Unterschied evident: Mädchen werden T-Shirts mit Aufdrucken wie «Sweet», «Fashion Queen» oder süssen, glubschäugigen Tierchen angeboten, bei den Jungs dominieren Superhelden oder grimmig guckende Tiger und Dinosaurier. Eine neue internationale Studie zeigt, dass diese Mode eins zu eins den Stereotypen entspricht, die die Gesellschaft dem Nachwuchs von klein auf eintrichtert: «Kinder verinnerlichen schon sehr früh den Mythos, dass Mädchen verletzlich und Jungen stark und unabhängig sind», sagt Studienleiter Robert Blum gegenüber dem «Spiegel». Und diese Botschaft werde ständig untermauert von Geschwistern, Mitschülern, Lehrern und Verwandten. Oder eben der Modeindustrie.

Für die Untersuchung wurden Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren in 15 Ländern befragt. Dabei wurde deutlich, dass in allen Ländern für Mädchen das Aussehen schon in jungen Jahren zum zentralen Thema wird. Zwar äussert sich das je nach Umfeld anders: In Indien gilt der fraulich werdende Körper als Risiko und muss verhüllt werden; in den USA hingegen bezeichnen Teenager-Mädchen ihren Körper als ihr grösstes Kapital und bemühen sich, möglichst anziehend zu wirken, ohne aber dabei eine gewisse Grenze zu überschreiten. So oder so: Das Äussere ist das grosse Thema – als ob es nichts anderes gäbe.

Auch auf die Jungs haben die Stereotypen negative Auswirkungen. Weil sie sich jederzeit stark zeigen sollen, geraten sie häufiger in körperliche Auseinandersetzungen und haben ein grösseres Risiko, bei Unfällen zu sterben. Zudem investieren Eltern deutlich mehr in den Schutz ihrer Töchter als ihrer Söhne, weil Letztere sich ja angeblich selbst verteidigen können.

Mädchen bezeichnen sich nicht als schlau


Eine andere Studie brachte Anfang Jahr ans Licht, dass schon Siebenjährige der Meinung sind, Brillanz sei eine männliche Eigenschaft. Den Kindern wurde eine Geschichte erzählt über jemanden, der extrem gescheit ist. Fragte man die Kinder nachher, wer diese Person gewesen sei, tippte die Mehrzahl der siebenjährigen Mädchen auf einen männlichen Protagonisten. Die Jungs hingegen glaubten zu 65 Prozent an ihr eigenes Geschlecht. Bei den Fünfjährigen waren die Zahlen noch ausgeglichen gewesen.

Dieselbe Studie belegte auch, dass Mädchen zwar der Meinung sind, dass sie hart arbeiten können, aber eben nicht, dass sie von Natur aus gescheit sind. Im Gegensatz zu den viel selbstbewusster auftretenden, gleichaltrigen Knaben.

Lese ich solche Ergebnisse, bin ich jedes Mal von neuem wütend. Wütend darüber, dass solche Stereotypen immer noch nicht verschwunden sind, ja, wir sie vielmehr munter weiter zementieren. Dass mich die Resultate überraschen, kann ich hingegen nicht behaupten.

Typisch Mädchen, typisch Junge

Denn wie oft habe ich auf dem Spielplatz von anderen Müttern schon gehört, dass meine eigenen Kinder «untypisch» seien für ihr Geschlecht: das Mädchen zu wild, der Junge so ruhig. Habe Sätze gehört wie «Sie ist aber mutig für ein Mädchen!». Als ob Mädchen nicht auf Bäume klettern und Fussball spielen könnten. Und Jungs seltsam wären, wenn sie sich auch einmal alleine hinsetzen und in Ruhe ein Bild malen.

Auch Mädchen können mutig und wild sein: Ronja Räubertochter aus dem gleichnamigen Film und ihr schüchterner Freund Birk. Filmstill: via Youtube.com

Ich habe mich in der Erziehung stets gegen solche Denkmuster gewehrt und glaube, meine Kinder haben sich dadurch eine gewisse Offenheit bewahrt. Dennoch kommt es mittlerweile auch bei uns zu Hause vor, dass die Grosse dem Kleinen sagt, etwas sei «nöd für Buebe». Wir leben schliesslich nicht in einer Blase, und der Nachwuchs bekommt das «Ein Mädchen hat so zu sein und eine Junge anders»-Gerede auch auswärts mit – und je älter die Kinder werden, desto wichtiger wird die Meinung gleichaltriger Freunde.

Tauchen solche Themen am Familientisch auf, versuche ich weiterhin, meine Kinder ein offenes, tolerantes Denken zu lehren. Aber manchmal frage ich mich, wie es sein wird, wenn die Kinder Teenager werden. Wird irgendwann der Tag kommen, an dem ich meine Tochter aufgrund ihres Geschlechts anders behandeln werde? Unbewusst vielleicht? Ihr etwa aus Sorge den Minirock ausrede, weil ich ihn zu knapp finde – während ich dem Sohn outfittechnisch freie Hand lasse, wie gewöhnungsbedürftig auch immer er herumlaufen will?

Ich weiss es nicht. Umso gespannter bin ich, wie Sie das handhaben und ob Sie vielleicht merken, dass Sie selber Tochter und Sohn in gewissen Situationen unterschiedlich behandeln.

***

Mitteilung in eigener Sache: Aufgrund einer Vielzahl beleidigender und rassistischer Äusserungen in den vergangenen Tagen und Wochen werden fortan alle Kommentare manuell aufgeschaltet. Es kann deshalb hin und wieder etwas dauern, bis ein Kommentar erscheint. Wir bitten um Verständnis und freuen uns weiterhin über angeregte Diskussionen und konstruktive Kritik. Die Redaktion