Wenn aus dem Sohn eine Tochter wird

«Ich bin ein Mädchen, kein Bub»: Marlo Macks Tochter mit Puppe. Foto: Marlo Mack, How to Be a Girl

Der Junge schaut seiner Mama in die Augen. «In deinem Bauch muss etwas schiefgegangen sein», sagt er.

Das Kind ist drei Jahre alt. Seit einem Jahr schon besteht es darauf, Kleider in Rosa und Pink zu tragen, am liebsten mit Glitzer und Rüschen daran. Jetzt will es seine Haare wachsen lassen und nur noch Mädchenkleider tragen. «Nimm mich zurück in den Bauch, Mama», fleht es die Mutter an. «Nimm mich zurück in den Bauch, damit dieser Fehler geflickt werden kann!» Mutter und Kind weinen.

«Plötzlich hatte ich eine Tochter»

Marlo Mack, die im Leben eigentlich anders heisst, ahnte, dass eine solche Unterhaltung mit ihrem Sohn kommen würde. Und doch glaubte sie noch immer, es handle sich um eine Phase. Aber das war es nicht. Ein weiteres Jahr lang sah sie zu, wie sich ihr Bub wandelte: «Stück für Stück, Kleid für Kleid, in eine Tochter, ohne die ich mir mein Leben heute nicht mehr vorstellen kann.»

Mit vier beginnen die Eltern von ihrem Kind in der weiblichen Form zu sprechen. Sie sagen sie statt er und informieren Familie, Freunde und Bekannte, dass der Sohn nun eine Tochter sei und auch einen anderen Namen trage. «Butterfly», Schmetterling, wollte sich die Tochter erst nennen, überlegte es sich dann aber anders. «Plötzlich hatte ich eine Tochter, eine richtig glückliche Tochter», sagt Marlo Mack mit ruhiger Stimme. Und man glaubt noch immer, eine leise Verwunderung darüber zu hören.

Viele Leute haben keine Ahnung von Transgender

Im Podcast «How to Be a Girl» erzählt Journalistin Marlo Mack aus Seattle über ihren Alltag mit ihrer Transgender-Tochter. Wie alles anfing und welche Hürden im Leben eines kleinen Menschen auftauchen, der weiss, ein anderes Geschlecht zu haben, als der Rest der Welt zu wissen meint. Seit das Kind drei ist, nimmt die Mutter Sätze und Singsang ihrer Tochter auf. Sie will die Aussagen, die ihr Kind vor sich hin quietscht, festhalten. Es ist ihre Art, mit der Sache umzugehen, was sie damit anfangen wird, weiss sie nicht. Als die Tochter sechs ist – das war vor drei Jahren – beginnt Marlo mit den Podcasts und einem Blog.

Ihr war bewusst geworden, dass viele Menschen keine Ahnung davon haben, was «Trans» wirklich bedeutet. Ob ihr Kind demnach schwul sei, wurde sie etwa gefragt, oder ob sie ihrem Kind denn nicht einfach Hosen anziehen könne.

Die Transformation vom Buben zum Mädchen: Marlo Mack skizzierte die ersten Jahre in einem Comic. (Youtube)

Marlo Mack dokumentiert seither die Reise von ihrer Tochter und sich selbst. Sie fragt ihr Kind, was es bedeutet, ein Bub oder ein Mädchen zu sein. Weshalb es lieber eine Sie ist und was der Unterschied zwischen ihm und anderen Mädchen sei.

Ein Podcast, der in den Bann zieht

Vor allem aber erzählt die Mutter über ihre Gedanken, Fragen und Ängste, die mit ihrem Transgender-Kind einhergehen. Was bedeutet wahre Identität und was heisst das für sie als Mutter? Wie sagt sie der Tochter, dass sie niemals ein Kind gebären wird? Wird sie als Teenager Ausgrenzung erleben? Was sagen andere Trans-Kinder und deren Eltern zu solchen Fragen – und was die Wissenschaft?

Die Journalistin teilt mit den Hörern ihre Freuden und Sorgen und zieht diese damit in ihren Bann. Es macht Spass, dieser klugen Frau zuzuhören. Gekonnt bereitet sie die diversen Themen auf, mischt ihre Erzählung mit O-Tönen ihrer Tochter und etwas Musik. Das kleine Mädchen wirkt übermütig und weise, und hat man erst mal ein, zwei Folgen gehört, will man ihre ganze Geschichte hören. So zumindest ging es mir vor ein paar Tagen. Die Audio-Stücke berühren, und man schliesst diese kleine Familie ins Herz. Ich bin dankbar dafür, auf diese Weise so viel mehr zum Thema Transgender erfahren zu haben. Ich hatte davor wirklich wenig Ahnung.

Dabei ist die Sache eigentlich recht simpel, findet Marlo Macks Tochter. Auf die Frage, was der Unterschied zwischen ihr und anderen Mädchen sei, sagt sie: Ihre Freundin sei ein Mädchen mit einer Vagina. «Und ich bin ein Mädchen mit einem Penis.»

Den Podcast hört man am besten über «How to Be a Girl». Die Radiostation KUOW in Seattle sendet regelmässig die neusten Folgen. Marlo Mack hat für ihre Arbeit mehrere Preise gewonnen.