Deine Lehrstelle – meine Nerven!

Das kann schon unter die Haut gehen: Jugendliche orientieren sich an der Berufsmesse in Zürich. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Ich bin geschafft. Dabei glaubte ich, was das Muttersein angeht, mittlerweile recht entspannt zu sein. Bis vor vier Wochen die Sache mit der Lehrstellensuche losging. Ich wurde nervös, geriet etwas neben die Spur. «Machst du, hast du, bist du?», fragte ich den Sohn in einem Ton, der keine Widerrede zuliess. Ich ermahnte ihn in einem fort, baute Druck auf und reagierte hysterisch, wenn er glaubte, fünf Bewerbungen würden reichen.

Doch ich sah auch, dass er mit der Aufgabe überfordert war. Wie sollte er wissen, welche der 938 freien KV-Lehrstellen im Kanton ihn interessieren könnten? Welche Unternehmen für eine Ausbildung eher infrage kommen würden – von ihrer Grösse, Branche und internen Ausbildung her? Und was war schon wieder der Unterschied zwischen einem Bewerbungs- und einem Motivationsschreiben?

Genug Perfektion für einen Jugendlichen

Wir setzten uns also an den Wochenenden hin, stundenlang, um Websites von Unternehmen zu studieren, Motivationsschreiben anzupassen und Zeugnisse sowie Beurteilungsbogen von Schnupperlehren zu scannen. Für das Bewerbungsbild liess er sich in einem Studio fotografieren. Es sollte alles perfekt sein, aber auf keinen Fall zu perfekt. Gerade so, dass der Jugendliche dahinter noch zu erkennen ist. So hatten es uns die Lehrer und die Berufsberaterin empfohlen.

Nicht jeder Tipp kam so gut an, wie er gemeint war: Über den Hinweis, sich besser nicht bei einem Hilfswerk zu bewerben, weil danach eine Karriere bei einer Bank unmöglich werde, wunderten wir uns. Nicht alle Jugendlichen streben eine Karriere bei einer Bank an. Zudem riet eine Lehrerin, mein Sohn solle den Stiefvater aus dem Lebenslauf eliminieren und die Stiefbrüder zu Halbgeschwistern befördern. «Das macht sich einfach besser», war ihre Begründung. Natürlich ignorierten wir ihre Worte. Wir sind, wer wir sind: eine Patchworkfamilie, wie es sie zuhauf gibt. Sollte ein Unternehmen mit unserer Familienkonstellation ein Problem haben, so wäre es ohnehin nicht das richtige.

Die Zeit, in der es darauf ankommt

Solche Dinge ärgerten mich, doch es war anderes, das meine Nerven strapazierte. Nervös machte mich die Gewissheit, dass die Zeit angebrochen war, in der es darauf ankommt. Die Lehrstellensuche ist ein erster Test. Sie zeigt, wo der Jugendliche steht, was seine Schulnoten, der Multicheck- und Stellwerktest sowie seine Bewerbungen auf dem Markt wert sind. Es sind seine ersten Schritte in der Erwachsenenwelt. Er muss sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes stellen und sich gegenüber Konkurrenten behaupten.

Als Eltern kann man den 14- oder 15-Jährigen dabei ein Stück weit unterstützen. Doch die Korrespondenz mit den Firmen, die Bewerbungsgespräche und die Assessments, die in der zweiten und dritten Runde stattfinden, muss er ganz allein bestehen. Das traue ich ihm durchaus zu, und ich bin sicher, er macht es gut. Dennoch merke ich, wie schwer es ist, loszulassen – und zu vertrauen.

Nach zwei langen Wochen erhält der Sohn endlich Einladungen für Vorstellungsgespräche. Und er kommt in die zweite Runde. Er fühlt sich wohl und freut sich, die Treffen mit den HR-Verantwortlichen der Unternehmen verleihen ihm Schwung. Der Druck nimmt spürbar ab, und auch ich beginne mich zu entspannen. Er wird seinen Weg machen, das weiss ich doch.

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