Die Mär vom müden Teenager

In der Pubertät sind Mädchen und Jungs an 300 von 365 Tagen verliebt. Das macht auch wach. Foto: Trinity Kubassek (Pexels.com)

Jedes Kind ist anders, das wissen Eltern in der Schweiz. Babyflüsterer Remo Largo erwähnt es in seiner Aufzuchtliteratur dutzendmal pro Seite. Dass Mia Anaconda schon durchschläft, während Niels Ben Noah alle zwei Stunden gewendet werden möchte – es ist das Wunder der kindlichen Vielfalt.

Spulen wir dreizehn Jahre vor, zeichnen neue Experten ein anderes Bild: In der Pubertät seien alle Kinder gleich. Mama und Papa schleifen sie morgens an den Armen aus dem Bett, flössen ihnen ein püriertes Konfibrot ein und schieben sie auf dem Sackrolli zur Schule. Dort liegen sich die armen Teenieköpfe auf dem Pultdeckel wund und multiplizieren weit am richtigen Resultat vorbei.

Alle gegen den frühen Schulbeginn

Die bösen Frühstunden gehören abgeschafft, sind sich Eltern in Blogs und Medienberichten von Downtown Switzerland bis Hinterstotzigen-Lieli einig: «Mein Maximilian-Jason ist eigentlich ein ganz Aufgeweckter, aber doch nicht vor dem ersten Knoppers.»

Seit vier, fünf Jahren tingelt der Kampf gegen Frühstunden durch die Medienlandschaft. Dabei ist das Bild des bettlägerigen Zombieteens arg mit dem einseitigen Pinsel gemalt. Es wirkt so stereotyp wie eine Fotolovestory aus dem «Bravo Girl» von 1995. Nun bin ich keine wissenschaftliche Koryphäe auf dem Gebiet des Jugendschlafs – mein Kind, der Brecht, wird nächstes Jahr erst in den Kindergarten umgetopft. Aber ich habe den ewigen Trumpf Puur der Argumentation auf meiner Seite. Den magischen Satz: «Ich war auch mal jung!»™

Das Leben vor der Schule

Ich bin während meiner gesamten Pubertät morgens um drei Uhr aufgestanden. Bis zur ersten Schulstunde habe ich meine Hausaufgaben gemacht, gelesen und Musik gehört – oder zumindest das, was ich 1995 für Musik hielt. Ich liebte die morgendliche Ruhe und das Gefühl, ein «Leben vor der Schule» zu haben.

Damit war ich ein Freak. Um drei Uhr aufstehen ist nicht normal. Aber meine Kolleginnen und Kollegen waren normal. Und auch die konnten schon am Morgen einen past tense builden, nach x auflösen und Brekzie von Konglomerat unterscheiden. Sie diskutierten über das TV-Programm des Vorabends und malten um 8 Uhr die ersten Penisse ins Klassenbuch. Frohen Mutes und ganz ohne Kaffee.

Eltern sehen nur die halbe Wahrheit

Genug in Erinnerungen geschwelgt. Hier meine Theorie: Eltern erleben nur den anstrengenden Teil des Teenagermorgens. Wie sich Jayden im Bett noch dreimal umdreht und wie Savannah beim Frühstück antriebslos in der Zahnspange rumstochert. Dass ihre Lieblinge auf dem Schulweg aufblühen, bleibt ihnen verborgen.

Jayden und Savannah sind Teenager, da verschieben sich die Interessen: Weg von Vatis und Muttis morgendlichen Fragen, hin zum grossen Gefühl. Es herrscht Pubertät, meine Damen und Herren. Die Mädchen und Jungs sind an 300 von 365 Tagen verliebt. Das hilft zwar nicht bei der Konzentration, dafür macht es wach.

Doch um die Hormone geht es gar nicht. Die Jugendlichen können auch rational denken. Spätestens um halb zehn hat sogar Maximilian-Jason ausgerechnet, dass er die abgeschaffte Frühstunde irgendwo anhängen muss. Und keine Frühstunde kann so schlimm sein wie Französisch am Freitagnachmittag zwischen drei und vier.

Jetzt plaudern Sie aus der Zeitkapsel: Wie schlimm war der frühe Schulbeginn in Ihrer Jugend? Wie schlimm war im Verhältnis dazu die späte Nachmittagsstunde? (Taschenrechner erlaubt; die Aufgabe gibt 6 Punkte)