«Oft benötigen Schüler ganz einfach Zeit»

Plötzlich alles anders: Viele Kinder sind auch Wochen nach dem Schulanfang noch verunsichert. (Foto: Getty Images)

Luis weint nicht mehr jeden Abend vor dem Einschlafen, doch wohl ist ihm noch immer nicht in der Klasse. Laura verweigert den Mittagstisch, die Eltern wissen nicht recht, wieso. Und Anna hat plötzlich wahnsinnig Angst vor Prüfungen. Wie diesen drei Kindern geht es vielen anderen. Auch wenn sie vor einem Monat das neue Schuljahr begonnen haben – an etliches haben sie sich noch immer nicht gewöhnt. Für die Kinder und ihre Eltern ist diese Anfangszeit oft mit Aufregung verbunden. Sie sind verunsichert und gestresst.

Wie sollen wir unsere Kinder in dieser Phase unterstützen? Wann sollen wir mit den Lehrern reden oder uns anders helfen lassen? Ich habe mit dem Psychologen Roland Käser geredet. Er arbeitet seit Jahrzehnten im Schulpsychologischen Dienst.

Roland Käser.

Herr Käser, was, wenn das Kind nach ein paar Wochen Schule nicht mehr hin will?
Mutter und Vater sollen darauf eingehen, dem Kind Mut machen und ihm sagen, dass man selber bei neuen Situationen auch schon unsicher gewesen sei. Wir Erwachsene müssen den Kindern Zeit lassen und ihnen auch zutrauen, dass sie den Wechsel gut schaffen. Sie sollen wissen, dass Ängste und Unsicherheiten bei Anfängen oft dazugehören.

Aber was soll man konkret tun, wenn sich das Kind komplett verweigert?
Oft benötigen Kinder ganz einfach Zeit. Eltern sollen deshalb vor allem geduldig sein. Das Kind muss sich zuerst an die Schule oder an den Kindergarten gewöhnen. Es ist vielleicht noch etwas langsam, scheu. Kinder reagieren auf Veränderungen ganz unterschiedlich. Ich erinnere mich an zwei Kinder, die jeden Morgen weinten, wenn sie zur Schule mussten. Wir fanden heraus, dass das eine sehr sensibel und ängstlich, das andere hochbegabt und daher unterfordert war.

Wie soll man sich verhalten, wenn es zwischen einem Lehrer und dem Kind Probleme gibt?
Da sollte man zuerst mit der Lehrperson und später allenfalls mit der Schulleitung reden.

Für viele Kinder ist nicht die Schule das Problem, sondern die Betreuungssituation: Sie jammern über den Hort oder Mittagstisch, wollen nicht mehr hin.
Stimmt, das ist eine echte Herausforderung, da auch diese Orte neu sind. Ideal ist, wenn man das als Eltern irgendwie abfedern kann. Etwa indem man das Kind eine Weile hin begleitet. Man kann so Überforderung und Stress reduzieren. Meist aber legen sich die anfänglichen Unsicherheiten und Ängste bis nach den Herbstferien. Die Ferien sind in dieser Phase sehr wichtig.

Weshalb sind die Herbstferien so wichtig?
In den Ferien kann sich viel verändern. Kinder erhalten Distanz zur Schule, machen oft grosse Schritte in ihrer Entwicklung und können das Neue in ihren Erfahrungsschatz einbauen. Wenn sich danach nichts ändert, sollte man frühestens ab November mit der Lehrperson reden. Es gibt auch Kinder, die in der Schule quietschfidel und fröhlich sind und nur daheim wegen der Schule ein kleines Drama machen.

Was kann der Grund dafür sein?
Es gibt die böse Theorie, dass der eigentliche Grund bei den Eltern liegt: Vater oder Mutter können sich nicht gut vom Kind lösen und das Kind trägt es stellvertretend für sie aus.

Wirklich?
Vielleicht ist ja was dran.

Lesen Sie nächste Woche was Roland Käser von Ritalin und der starken Zunahme von therapeutischen Massnahmen in unserem Schulsystem hält. 

38 Kommentare zu ««Oft benötigen Schüler ganz einfach Zeit»»

  • Roland K. Moser sagt:

    Wie wäre es, die Ursache mal nicht beim Kind, sondern in der Schule zu suchen? z.B. ein Multi-Kulti-Umfeld harmoniert nicht mit den Gefühlen eines Einheimischen Kindes.

  • alam sagt:

    Auch wenn das Kind sagt, es liege an der Lehrperson, fahre man ihm über den Mund. Weil an der liegt es nämlich nie, never, jamais!

  • 13 sagt:

    Guter Artikel, der Schluss ist jedoch daneben. Immer diese Theorien und Pauschalisierungen. Wenn sich ein Kind nicht gut lösen kann, KANN es an den Eltern liegen, die selber Mühe haben oder aber es liegt am Charakter des Kindes, dass es etwas länger braucht oder an den Lehrern, die das nicht auffangen können oder an der Klassenzusammensetzung, die das Kind überfordert oder an einer Mischung von allem. Eine einseitige Schuldzuweisung führt in den seltensten Fällen zu einer Verbesserung der Situation.
    Zeit lassen ist aber immer sinnvoll. Ich halte es sogar oftmals für sinnvoll, das Arbeitspensum um diese Zeit herum vorübergehend zu reduzieren, anstatt wie üblich zu erhöhen. Bei uns hat sich das sehr bewährt.

    • Adam Riese sagt:

      @13: Naja, im letzten Satz des Interviews ging es ja um die Kinder, die in der Schule quietschfidel und zufrieden sind, daheim aber eine Kehrtwende machen. Da ist es ziemlich naheliegend, dass das Kind sich so verhält, weil die Eltern ihm ein entsprechendes Gefühl vermitteln. Erinnert mich grad ein bisschen an die Erzählungen von geschiedenen Vätern, bei denen die Kinder Spass haben und gerne ihre Zeit dort verbringen, daheim bei der Mutter erzählen sie aber, wie fürcherlich es war. Im Glauben, dass die Mutter dies hören möchte und ob einer anderen Erzählung traurig wäre. Wer, wenn nicht die Eltern, tragen hierfür die Schuld? Von daher teile ich den Schlusssatz des Psychologen.

      • 13 sagt:

        Oh nein, das ist alles andere als naheliegend. Es gibt einfach Kinder (und um ehrlich zu sein, ist das sogar die Mehrheit), die ihre wahren Gefühle zurückstellen und sie dort rauslassen, wo sie sich geborgen fühlen. Wenn Kinder, auswärts immer lieb und ruhig sind und zu Hause rebellieren, haben nicht einfach die Eltern versagt, sondern das Kind weiss genau, dass es von den Eltern immer und bedingungslos geliebt und akzeptiert wird, also auch wenn es mal wütend ist oder schreit. Eher wenn das Gegenteil stattfindet, zu Hause ruhig, in der Schule laut oder aggressiv, ist es ein Alarmzeichen.

      • 13 sagt:

        Der Loyalitätskonflikt beim Besuchsrecht hat gar nichts damit zu tun, da geht es um etwas anderes. Diese Kinder verhalten sich da übrigens auch beim Vater nur seinen Erwartungen entsprechend, nicht nur bei der Mutter. Diese Anpassung, um niemanden zu enttäuschen führt letztlich zur Verleugnung sich selbst. Woher es genau kommt, ist die Aufgabe der Kinderpsychologen, die genau aus dem Grund ellenlange Gutachten schreiben. Diese wären allesamt nicht notwendig, wenn es so einfach wäre, wie Sie es darstellen. Das Parental Alienation Syndrome gilt nicht zufällig für weitgehend überholt.

      • tina sagt:

        wenn die kinder in der schule laut und aggressiv sind und zuhause ruhig und brav, dann kanns doch aber genauso sein, dass sie sich zuhause entspannen können, sich aufgehoben fühlen und geborgen, aber halt in der schule nicht

      • 13 sagt:

        @ Tina
        Selbstverständlich. Ich meinte eher, dass ich in diesem Fall eher hinschauen würde, als im Umgekehrten. Ruhig und entspannt ist nicht zwangsläufig das Gleiche.

    • Adam Riese sagt:

      @13: Der mit dem „Daheim können sie so sein, wie sie sind und ihre Gefühle rauslassen, weil sie sich wohl fühlen“ ist ein alt bekannter Erklärungsversuch von Eltern, deren Kindern es anderswo besser geht als daheim. Wenn man sich nämlich etwas selbstkritisch damit beschäftigt, so könnte man auch zum Schluss kommen, dass der eigene Erziehungsstil vielleicht doch nicht so toll ist und das Kind eben klare Regeln, Strukturen und Verlässlichkeit viel besser mag und gar aufblüht als daheim, wo gewisse – selbstverständlich gut gemeinte – Misstände herrschen. Aber mir ist schon klar: Kaum jemand würde dies zugeben, selbst wenn es so wäre. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es sich aber sehr lohnt, darüber nachzudenken und seinen Erziehungsstil zu hinterfragen. Die Kinder danken es einem.

      • Sportpapi sagt:

        @Adam Riese: Meine Kinder sind in der Schule auch äusserst brav, zu Hause aber eher nicht. Wenn das an unserem Erziehungsstil liegt, dann sicherlich nicht daran, dass wir zu wenig klare Regeln hätten….
        Überhaupt finde ich die Aussagen hier etwas gewagt bis daneben.

  • Dreifachpapi sagt:

    Ich schätze diesen Artikel sehr. Dass es bei Schwierigkeiten nicht einfach an der Lehrperson oder am Kind liegt, sonder ganz einfach an der notwendigen Zeit, sich an eine neue Situation zu gewöhnen. So einfach und unaufgeregt. Aber es muss erst mal jemand darauf hinweisen. Leider gehen solche Weisheiten heute oftmals unter in der medialen Dauerberieselung.

  • Amerigo sagt:

    Wenn Kinder 5 Jahre lang nur mit dem Mami zusammen waren und dann plötzlich im Kindergarten jeden Vormittag selbständig sein sollen, dann kann das schon zu Anpassungsschwierigkeiten führen. Bei beiden. Das sind Übergänge, die man gestalten muss, und das ist die Aufgabe der Eltern.

    • Susi sagt:

      Wie wahr.
      Bei uns war es ja überhaupt nicht so, dass das Kind immer mit mir zusammen war, ich begann nach dem regulären Mutterschaftsurlaub sofort wieder mit arbeiten.
      Aber als meine Tochter im Alter von noch 4 Jahren fand eines Morgens plötzlich fand, sie wolle ab sofort den Kindsgi-Weg alleine machen, (ich war schon fertig angezogen mit Jacke und Schuhen), mir noch kurz zuwinkte und dann ohne sich noch einmal umzudrehen losmarschierte, musste ich mich auch mal kurz hinsetzen, ABBAs „Slipping Through My Fingers“ hören und ein bitzeli heulen.

      https://www.youtube.com/watch?v=LwUWoMzuUsw

      • mira sagt:

        Das scheint mir eher Zufall zu sein. Ich kenne viele Kinder, die in die Krippe gingen (eigentlich die meisten Kinder, die ich kenne) und die Varianz darunter ist immens. Die einen finden sich sofort und einfach in neue Situationen ein, die anderen brauchen länger und mehr Unterstützung… Beides ist absolut in Ordnung.

      • Susi sagt:

        Was ist ein Zufall? Dass ich einen ABBA-Song hören musste?

      • tina sagt:

        nein das ist masochismus susi 😉

      • mira sagt:

        @ Susi, ja wahrscheinlich 🙂 eigentlich war mein Kommentar an Amerigo gerichtet.

      • Susi sagt:

        @mira: hab ich noch vermutet, war mir aber nicht sicher!

        @tina: Haha, ja, gäll! Voll übel! (Und ein Kollege so zu mir: „Aber werum losisch dänn so öppis??“ Ja, äh, warum?)

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Susi

        weils so schön ans Herz geht natürlich!!!

      • Susi sagt:

        @Brunhild: Stimmt 🙂

    • Anne sagt:

      Ja,so ist es!Es braucht immer eine gewisse Zeit,die man für das Kind und sich selbst braucht.Es muss halt immer schnell alles funktionieren.Lasst den Kindern Zeit,und etwas Gelassenheit wäre auch gut!

    • Sportpapi sagt:

      So einfach ist es nicht. Unser Ältester ging ohne Probleme alleine von Beginn weg. Der Mittlere hatte über Wochen Mühe. Ausser wenn jeweils der damals Dreijährige ihn begleitete (und dann alleine nach Hause zurückkehrte).
      Alle drei haben das gleiche Umfeld erlebt…
      Mag sein, dass die Kinder, die schon immer viel fremdbetreut sind, einfacher mit dem neuen Programm klarkommen. Klar ist aber auch: Wenn ein Kind Mühe hat, und Zeit und Begleitung braucht, dann wäre es halt gut, wenn jemand der Eltern diese Zeit auch hätte…

      • maia sagt:

        Nein, es habe nicht alle drei das gleiche Umfeld erlebt! Der Älteste war z.B. zuerst ein Einezelkind und sie als Eltern ohne Erfahrung. Der Zweite hatt von Beginn weg ein älteres Geschwister und damit eine enge Bezugsperson mehr. Ausserdem musste er von Anfang an seine Eltern mit einem Geschwister teilen und der Jünste hatte gleich zwei ältere Geschwister, Eltern mit mehr Erfahrung und udn und…

      • Sophie sagt:

        Auch Kinder die „früh“ viel Fremdbetreuung hatten,,mussten sich ablösen.Die mussten es früher lernen.
        Kinder sind aber wirklich sehr unterschiedlich.Man sollte sich als Eltern nicht so soviele Sorgen machen.Etwas Vetrauen und Zeit,dann kommt doch meistens alles gut!i

      • 13 sagt:

        Ich kann mich da SP zu 100% anschliessen. Kinder sind verschieden.
        Meine beiden älteren Kindern waren von klein auf 2 Tage pro Woche in der Krippe. Bei der Grossen klappte der Übergang in den Kindergarten ganz leicht.
        Der Mittlere hingegen hatte länger Mühe und wir mussten die erste Woche jeweils ganz da bleiben. Er meinte damals auch nicht unbedingt, er wolle zu Hause bleiben, aber er wäre halt lieber weiter in die Krippe gegangen. Änderungen mag er halt einfach nicht, er mag das Bewährte.
        Die Jüngste war als Baby nur einige Monate in der Krippe, wurde nun seit rund 1,5 Jahren nur zu Hause betreut und geht jetzt seit Kurzem an einem Tag zur Tagesmutter. Das war von Anfang an völlig unproblematisch, sie ist da sehr offen und findet das Neue spannend.

      • Coco sagt:

        @maja:
        Und trotzdem sind Menschen verschieden. Meine Zwillinge könnten unterschiedlicher nicht sein, und dies war schon immer so. Diese Kommentare, die Eltern könnten die Kinder formen ist (glücklicherweise) nicht wahr. Man kann Kinder begleiten und sie unterstützen, mit ihren Ängsten und Schwächen umgehen zu lernen. Da kann man natürlich eine Angst verstärken oder das Kind zu sehr beschützen wollen, so dass es ihm fürs spätere Leben nicht hilft. Aber auch mit Begleitung und unendlich Geduld kann man nicht alles beeinflussen. Die Kinder sind keine Computer, die sich so programmieren lassen wie man sie gerne hätte.

      • Susi sagt:

        @13 & SP: Natürlich sind Kinder verschieden. Dennoch ist es plausibel, dass ein Kind, das sich bereits im Kleinkindalter stufenweise abgenabelt hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger Mühe zeigen wird bei einer solchen Umstellung. Ich finde das nur logisch.

      • maia sagt:

        @Coco: selbstvertändlich sind Menschen verschieden und genauso ist das Umfeld für jeden Menschen anders.

    • Dave McWide sagt:

      wie unwahr!
      Mein Frau ist Hausfrau und ist es immer noch. Das Kind 4 geht nun als eine der jüngsten in den Kindergarten und überhaupt keine Defizite. Ich würde eher sagen, jedes Kind ist anders… und dementsprechend muss man auch anders behandeln.

      • Sophie sagt:

        Aber hey,mit 3 Geschwistern wird das Kind ja sicherlich jede Menge lernen und schneller selbständiger sein,als evt. das älteste Geschwister.
        Kinder profitieren soviel von mehreren Geschwister.Und,Hut ab vor ihrer Frau!

  • Brunhild Steiner sagt:

    Die wichtigste Basis ist wohl die Zeit,
    Zeit welche wir uns nehmen, damit wir den Kindern diese Eingewöhnungsphase mit all ihren Seiten zugestehen können. Einfach ist es nicht immer, und ein abwägen wo welche Kompromisse einzugehen sind herausfordernd. Bei mehreren Kindern entscheiden wieviel verplante Freizeit noch drinliegt usw. In höheren Stufen können es dann Projektarbeiten, Prüfungen uä sein welche das Freizeit/Ferien“verhalten“ diktieren.
    Sic h grundsätzlich die Zeit zwischen Schuljahrbeginn/Herbstferien als „besonders“ zu markieren finde ich sehr sinnvoll, wobei es schon auch Angelegenheiten gibt welche nicht bis November warten sollten.

  • Hans Koller sagt:

    Die armen Mimöschen.

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