Bye, mein Grosser

Neuanfang: Wenn das letzte Kind sich seine erste eigene Wohnung einrichtet, ändert sich auch für die Eltern viel. Foto: iStock

8702 Tage
285 Monate, 28 Tage
23 Jahre, 301 Tage

8702 Tage sind vergangen zwischen dem Tag, an dem unsere älteste Tochter zur Welt kam und heute, dem Tag, an dem unser jüngster Sohn seine Sachen packt und in ein neues Zuhause zieht. In der Zeit hatten wird fünf verschiedene Zuhause an drei Wohnorten, drei Telefonnummern (Handys nicht mit eingerechnet) und gefühlte 10’000 einsame Socken; es war auch die Zeit, in der Computer, E-Mail, Internet und Handys sich viral ausgebreitet haben.

Kühe, Käse, Jahreszeiten

In zwei Jahren und 314 Tagen wurden wir dreimal Eltern. Wir könnten dies auch als Zeit des «Lernens durch Überforderung» bezeichnen. Bis im Winter alle drei angezogen – und manchmal wieder ausgezogen, Windeln gewechselt und wieder angezogen – waren, mit roten Köpfen in den jeweiligen Skianzügen, war es schon fast wieder dunkel. In dieser Zeit hatten wir kein Auto und ich erinnere mich bestens, wie ich mit unserem Jüngsten im Kinderwagen, dem Mittleren auf dem Arm und unserer Tochter an der Hand auf den Bus gerannt bin und dann wie ein Schleppesel mit Einkäufen und den drei Kindern beladen total verschwitzt zurückkam.

Die Zeit danach auf dem Bauernhof war das Gegenteil von der Siedlung an der Stadtgrenze: Unsere Kinder haben gelernt, zu Fuss unterwegs zu sein. Einmal haben wir zusammengezählt, dass unser Jüngster mit 6 Jahren 13 Kilometer gelaufen war. Bauernhof hiess auch Kühe, Käse, Joghurt, Jahreszeiten, Geburt und Tod, das Winterparadies vor der Haustür, viel Raum zum Spielen, Sonne über dem Nebelmeer, Weite und auch Stille.

Wacklig auf grossen Füssen

Als wir ins Dorf umgezogen sind, waren zwei jeweils bereits um 6.20 Uhr im Winter durch den Schnee im Dunkeln in Richtung Bus unterwegs. Ab da haben wir ihre Transformation von Kindern in Erwachsene miterlebt, mit allen Launen und Wundern, die diese mit sich bringt. Es ist ein seltsamer Moment, wenn Kinder eines Tages aufwachen, die heile Welt der Kindheit verschwunden ist und Eltern scheinbar über Nacht zu nervigen Wesen, die keine Ahnung vom Leben haben, mutiert sind. Es ist die Zeit des Grenzensprengens, Ausprobierens, der Berufswahl – noch wacklig auf den grossen Füssen, fast wie die Kleinkinder, wenn sie gehen lernen. Für die Eltern ist es eine Zeit zwischen Haltgeben und Loslassen.

Manchmal ging mein Mann um halb sechs auf den Zug zur Arbeit, wenn sie grad nach Hause kamen. Ihr Leben begann dann, wenn für uns Zeit zu schlafen war. Da ich meinen Schlaf brauchte, habe ich gelernt, zu schlafen, auch wenn sie nicht da waren.

Unheimliche Stille

8702 Tage sind erfüllt von viel Lachen und einem Meer von Tränen, 6 Jahren mit Schwangerschaften und Stillen, Hunderten Windeln, 9 Berufsausbildungen, Ängsten, Ärger, Ungewissheiten, Wutanfällen, Streit und Versöhnungen, von Reisen, 41 Schuljahren, 112 Geburtstagen, vielen Freundschaften, Grippen, Pflastern, Geschichten, Wanderungen, Earth aus Thailand und Doris aus Honduras, Kilos von Reis, Teigwaren, Saucen, Brot, Fleisch, Joghurt, Milch, Käse und wachsenden Gemüse- und Wäschebergen, zwei Feuerwehreinsätzen (einer mit Wasser, der andere mit brennendem Boiler am 24.12. morgens um 5 Uhr) und zum Glück nur einem Krankenwagenernstfall …

Vor kurzem stand ich im Keller vor unserem Vorratsregal und überlegte, was ich alles einkaufen muss. Wie ein Blitz traf mich in dem Moment die Gewissheit, dass wir nie mehr für eine Familie unsere Vorräte aufstocken müssen.

So oft, mitten im Kindergebrüll, gerade in den viel zu vollen Zeiten vor den Sommer- oder Weihnachtsferien, haben wir uns nach stillen Abenden gesehnt. Jetzt reiht sich einer an den anderen – endlos, neu und nach all den Jahren ein wenig unheimlich. Nichts, das nach Hause drängt, wenn wir unterwegs sind, keine Organisation von Kinderhütepersonen, kein Essen mehr, das um zwölf auf dem Tisch stehen muss. Klar hat sich die Veränderung über viele Jahre entwickelt, sind die Zeiten für uns selbst schon längst mehr geworden – und doch ist es ab heute so definitiv.

Das ewige Vielleicht

Endlich bleiben die Socken da, wo sie hingehören. Foto: Flurina Töndury

Einige Dinge werden wir keinen Moment vermissen: ENDLICH kann ich wieder schwarze Socken kaufen, ohne dass sie in einem anderen Zimmer verschwinden und für mich für immer unbrauchbar werden. Es gibt auch nicht mehr Körbe voller Socken zu wenden, zu sortieren und aufzuhängen. Keine Scheren, Leim und keine Klebstreifen werden mehr verschwunden sein, wenn wir sie dringend brauchen; unser Besteck geht nicht mehr auf Reisen. Es wird nicht mehr vorkommen, dass, – kaum haben wir gewaschen – aus irgendeinem Zimmer Berge von schmutziger Wäsche auftauchen oder der Brotkasten sich auf wundersame Weise geleert hat, wenn wir uns abends ein Stück abschneiden wollen.

Die ganze Zeit mit Kindern ist ein Maybe, ein Vielleicht, von dem wir nicht wissen, welche Wege es nimmt. In Wirklichkeit ist das ganze Leben so. In all dem Abschied ist ein Gefühl von Freude und Dankbarkeit, dass die drei auf eigenen Füssen stehen und ihr eigenes Zuhause haben. Wie sie ihre Begabungen und Möglichkeiten in ihren Leben verweben, das wissen wir nicht. Wir haben sie immer ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Träume zu leben.

So ist heute einmal mehr ein Abschied und Neuanfang. Wir sind voller Gwunder auf alles, was kommt. Die Pläne und Ideen sind uns noch längst nicht ausgegangen.

23 Kommentare zu «Bye, mein Grosser»

  • Sue sagt:

    Wunderschöner Artikel, vielen Dank! Mir gehts genau so, obwohl erst der 3 Älteste am Ausziehen ist.

  • Martin Marciano sagt:

    Sehr schöner Artikel. Auch wenn ich mich auf den Moment des Auszugs freue. Schliesslich habe ich es dann geschafft, die Kinder zu selbstständigen Jungerwachsenen zu erziehen. Dies sehe ich als die Hauptaufgabe der Eltern.

  • Mia sagt:

    Bei mir sind es nun schon 40 Jahre(!) , weil besondere Bedürfnisse von einem unserer 3 Kinder das erfordern. Mein Mann und ich hatten in dieser Zeit 10 Wochenenden ohne familiäre Verpflichtung, inzwischen sind 3 Enkel dazugekommen und da ist auch noch die hochbetagte Mutter…
    Und ich hoffe immer noch, dass beschaulichere Zeiten kommen werden.
    M.P.

  • Bieri Regula sagt:

    Genau so fühlte sich das an, als mein drittes Kind, meine Tochter auszog, damals vor 15 Jahren. Inzwischen habe ich drei Enkelkinder und vieles, dass damals in der Hektik des Alltags unterging sehe und erlebe ich jetzt bewusster, ohne Stress, mit mehr Toleranz und weniger Verantwortung…Sehe meine Kinder in ihrer ganz persönlichen Elternrolle, weiss um die Schwierigkeiten und die Sorgen und ganz im geheimen denke ich, dass ich doch wohl etliches richtig gemacht habe, denn sie sind zu einfühlsamen und warmherzigen Eltern geworden.
    Danke Frau Töndury für Ihren feinfühligen Artikel

  • 13 sagt:

    Einfach nur schön. Und auch wenn es bei uns noch lange hin ist, so empfinde ich bereits heute diese Mischung aus Vorfreude und Wehmut, wenn ich daran denke.

  • Anita sagt:

    So schön und liebevoll formuliert. Danke für diesen Text. Unheimlich, was Eltern leisten und was in all den Jahren so zusammenkommt. Ich denke, wir dürfen stolz auf all unsere Geschichten sein…

  • Martin Baur sagt:

    Toll! Stimmt auch etwas sentimental. Sehr gut ist der Fortlauf der Zeit und ultimativ, unsere Vergänglichkeit beschrieben. Meine Kinder sind erst 7 und 10 – wenn ich überlege, wie schnell die Zeit seit ihren Geburten geflogen ist, kann ich erahnen, wie noch schneller ich in sehr ähnlicher Situation wie die Autorin sein werde..
    Danke für den wirklich tollen Bericht und die präzise eingefangene Stimmung!

  • Roland Stuber sagt:

    Sehr gefühlvoll geschrieben!
    Die unendliche Freude der repatativen Natur unseres Daseins.

  • Artur Stöcklin sagt:

    Weltklasse Frau Töndury!

  • Dreifachpapi sagt:

    Bravo. Sehr feinfühlig geschrieben. Ihre Auslegeordnung der verflossenen Jahre orientiert sich an den vielen, scheinbar banalen Gegegenheiten, welche das Familienleben prägen und ausmachen. Sie zeigen sehr schön, dass Dinge, welche mich als Vater gestern (akuter Schlafmangel) oder heute (verschwundene Scheren, etc.) ärgern, auch Ausdruck von Lebendigkeit sind, welche mir in Zukunft fehlen werden. Ich finde das eine gute Einstellung und es hilft mir hoffentlich, künftig mit einem Schmunzeln die unperfekten Familiensituationen schätzen zu können. Ihc wünsche mir mehr solcher Artikel.

  • Max Blatter sagt:

    Frau Töndury, ich gratuliere … zu einer winzigen Kleinigkeit: nämlich zur „.eu“-Toplevel-Domain Ihrer Website. Ein unauffälliges Bekenntnis zur Tatsache, dass die Schweiz in Europa liegt und unsere Kinder zumindest in diesem Sinne auch Bürgerinnen und Bürger Europas sind. Eine Erkenntnis, die möglicherweise auch beim Loslassen hilft. Bravo!

  • mila sagt:

    Wunderbar zu lesen. Mit Kleinkind ist man noch weit vom Auszug entfernt… und doch packt einen bei der Lektüre schon jetzt ein bisschen das Herzweh, im Gedanken daran. Ein schöner Fingerzeig, die Zeit(en) intensiv mitzuerleben – und auch die mitunter strengeren zu geniessen. Das geht bisweilen im Windel-und-Wahnalltag ein wenig unter. Danke!

  • Momofone sagt:

    Was für ein wunderschöner Artikel.
    Gänsehautmomente und Tränen in den Augen inklusive.
    Vielen herzlichen Dank!!!

    • 3fachmami sagt:

      3fachmami
      ich schliesse mich Ihrer Meinung an…. so wahr…. Sniff….
      Danke für diesen bewegenden Text!!

  • Zufferey Marcel sagt:

    Ganz zu Beginn hadert man mit sich selber und der neuen Situation, nimmt’s vielleicht auch noch ein bisschen persönlich, fühlt, dass man manches besser gemacht haben könnte, würde gerne fragen, ob’s auch mit den Fehlern zusammenhängt, dem, was man falsch gemacht hat also oder ob es nicht einfach der ganz natürlich Drang nach Freiheit ist, nach Unabhängigkeit, der die Kinder ziehen lässt, genau so, wie man selber einst ebenfalls zuhause ausgezogen ist, in die erste eigene Wohnung, wo man die Socken überall herum liegen lassen- und die Aschenbecher randvoll stehen lassen konnte, wo niemand mehr da war, der einen gefragt hat, wo man gewesen sei; niemand, dem man Rechenschaft schuldig war… und dann begreift man plötzlich, wie schön es war, endlich sein eigenes Leben beginnen zu können!

  • Doris sagt:

    Wunderbar beschrieben, all die Hochs und Tiefs der turbulenten Jahre mit Kindern. Wie oft sehnte ich mich damals nach Zeiten der Ruhe mit meinem Partner, auf die künftige Zweisamkeit.. Nun sind ein paar Jahre der Ruhe vergangen, und ich erinnere mich gerne an die vielen Diskussionen, Geplauder, Ernst und Sorgen. Heute kommen Kinder zu Besuch und gehen dann natürlich wieder, wir verabschieden uns, winken ihnen noch nach, wie es unsere Eltern damals auch immer taten.

  • Stefan W. sagt:

    Ein schöner Artikel, der mir ein wenig Angst macht vor dem Tag, an dem es auch bei uns so weit sein wird, dass der Letzte auszieht.

  • Colisa sagt:

    Nach DEM

  • Colisa sagt:

    Wunderschön geschrieben, bravo! Ein Segen nach der banalen Bucheinfassblog von Gestern.

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