Wie viel Bildschirm braucht das Kind?

Zucker für die Augen: Französische Primarschülerin mit einem iPad. Foto: Eric Gaillard (Reuters)

Vielleicht haben Sie in den vergangenen Tagen von der BLIKK-Medienstudie des deutschen Berufsverbandes Kinder- und Jugendärzte gelesen. Michèle Binswanger hat dazu eine schöne Alkohol-Analogie verfasst.

Die Studienresultate zeigen einen Zusammenhang zwischen Medienkonsum von Kindern im Kita-Alter und ihrer Entwicklung: Störungen des Schlafs, der Sprachentwicklung und der Konzentration könnten demnach die Folge von zu viel Zeit vor dem Bildschirm sein. Die Ergebnisse sind aus Sicht des Verbands alarmierend, und er schlägt vor, im Rahmen der kinderärztlichen Untersuchungen künftig eine Medienanamnese durchzuführen.

«Oh Gott, eine Studie», mögen nun manche aufschreien. «Auf Studien höre ich schon lange nicht mehr, die haben mir [Lieblingslebensmittel] schlecht gemacht.» Und sowieso ist das Thema ein emotionales: Kleine Geräte mit Bildschirmen – Zucker für die Augen. Für einige des Teufels, für andere normaler Teil des Lebens.

Aber es ist eben auch ein Thema, bei dem die elterliche Intuition zu kurz greift. Woher soll ich denn wissen, was der Handybildschirm mit meinem Kind anstellt? Natürlich ist Vernunft immer ein guter Ratgeber. Aber was ist in diesem Zusammenhang Vernunft? Eine halbe Stunde Tablet pro Tag? Oder ist es vernünftig, sein Kind in den ersten Jahren von allen Bildschirmen fernzuhalten?

Eigene Erfahrung reicht nicht weit

Kurz nach Brechti Geburt fiel mir eine Broschüre des Bundesamts für Sozialversicherung in die Hände. «Keine Bildschirme unter drei Jahren» lautete die kompromisslos deutliche Handlungsanweisung. Daran haben wir uns dann auch gehalten, mit ganz wenigen Ausnahmen. Zugegeben: Nicht nur, weil wir pädagogisch korrekt sein wollten. Es gab durchaus praktische Gründe: Wir besitzen keinen Fernseher, keinen Tablet-Computer, und auf unseren Handys würde das Kind doch nur die Einstellungen durcheinanderbringen.

Inzwischen ist der Brecht drei Jahre alt und kann kaum mit einem Touchscreen umgehen. Weder wischt er sauber in eine bestimmte Richtung, noch tippt er präzise genug, um zum Beispiel ein Bild zu öffnen. Es schmerzt beinahe beim Zuschauen. Ganz anders der Nachbarsjunge: Der konnte mit eineinhalb Jahren auf dem Smartphone seiner Eltern das App-Menü öffnen, Youtube starten und Videos abspielen.

Obengenannte Studie legt die Vermutung nahe, dass der Brecht in seiner Entwicklung nun etwas besser dasteht. Bestätigen kann ich das natürlich nicht. Ich weiss ja nicht, wie sich die Kinder unter anderen Voraussetzungen entwickelt hätten. Mindestens auf den ersten Blick hat der Nachbarsjunge aber die Nase vorn.

Schon bald wird von beiden Kindern nämlich eine hohe Medienkompetenz erwartet. «Digital Natives» entstehen kaum durch Bildschirmabstinenz. Kinder sollen fit sein für die technologisierte, mit künstlicher Intelligenz durchsetzte Welt, die sie als Erwachsene erwartet. Immer mehr Experten fordern denn auch, Kinder müssten früh programmieren lernen. Der Lehrplan 21 sieht Programmierunterricht in der Oberstufe vor.

Vertrauen auf Fachleute

Eine Gratwanderung und Herausforderung für die Eltern. Nach aktuellem Wissensstand müssen wir unsere Kinder also in den ersten Jahren vor elektronischen Medien behüten und sie danach intensiv begleiten. Dabei müssen wir rasch den Wendepunkt schaffen und sie innert kurzer Zeit zu erfahrenen, selbstständigen Medienkönnern machen.

Eine Herausforderung, die ich annehme. Im Interesse des Brechts werde ich diesen Plan nach bestem Wissen und Gewissen umsetzen. Besser kann ich nämlich auch nicht beurteilen, was zu tun wäre. Im Gegenteil: Ich bin froh, wird im Bereich der kindlichen Förderung seriös geforscht und geben Behörden sowie Fachleute Empfehlungen ab.

Es ist ja mitunter zum Volkssport geworden, Experten als unnütze Idioten abzustempeln. Am liebsten in einem Onlinekommentar, nachdem man sich eine Minute gedanklich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Einige vertrauen der Wissenschaft nicht einmal, wenn sich die Forschergemeinschaft zu über 99 Prozent einig ist – Stichwort Impfungen und Klimawandel.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich finde kritisches Hinterfragen wichtig. Im Zweifel scheint es mir aber immer noch vernünftiger, auf Fachwissen zu vertrauen, als auf Meinungen wie «Früher waren wir mehr im Wald» oder «Ich habe täglich vier Stunden ferngesehen, und mir hat es auch nicht geschadet».

Für den Brecht steht nun also die nächste Stufe gemäss gängigen Ratgebern an: zeitlich begrenzter und eng begleiteter Medienkonsum am Bildschirm. Nächstes Jahr kann er dann vielleicht auch Youtube öffnen.