Verkehrte Bilderbuchwelt

100 Geschichten, ein Familienmodell: Bei den familiären Konstellationen könnten die Autoren origineller sein. (Foto: iStock)

Wer täglich Kinderbücher anschauen muss, dem fallen einige Dinge auf. Gesetzmässigkeiten, die sich durch fast alle Bücher einer bestimmten Gattung ziehen, als wären die Autoren in den Fängen eines okkulten Geheimzirkels.

  • In jedem Wimmelbuch gibt es einen Autounfall zu bestaunen.
  • In jedem Bauernhofbuch lebt mindestens ein besonders freches Tier.
  • In jedem zweiten gezeichneten Badezimmer hängt das Klopapier verkehrt herum.

Aber nein, vermutlich steckt dahinter keine Verschwörung. Die Autoren treffen ganz einfach nachvollziehbare Einzelentscheidungen. Müsste ich ein Wimmelbuch malen, käme mir bestimmt auch ein Autounfall in den Sinn. Und was das Klopapier angeht … welch ein naheliegender Scherz, um das Chaos eines Kinderhaushaltes zu illustrieren. Dabei gibt es wirklich keine Entschuldigung für falsch aufgehängtes Klopapier.

Lustige Details, möchte man meinen. Doch was passiert, wenn die Kinderbuchillustratorin eine Familie zeichnen muss? Klar, sie zeichnet Mama, Papa, einen Sohn und eine Tochter. Natürlich alle weiss. Dazu noch mindestens ein braun gefleckter Hund oder eine getigerte oder schwarzweisse Katze. Eine standardisierte Bilderbuchfamilie.

Papa ist in Bilderbüchern oft nur im Badezimmer präsent. Morgens rasiert er sich gehetzt, bevor er zur Arbeit verschwindet, und abends «hilft» er, die Kinder zu baden. Das ist die einzige Betreuungsfunktion, die Väter in Bilderbuchhausen übernehmen: Badeassistenz. Es braucht ja mindestens eine Szene, in der sich die Familienidylle mit kompletter Mitgliederzahl manifestiert. Tagsüber ist Mutti mit den Bälgern aber auf sich alleine gestellt. Mal abgesehen von den drei Zofen im Wimmelbuch «Mittelalterschloss».

Die Menge macht den Brei

Im Einzelfall finde ich die Klischeefamilie keineswegs schlimm. Es gibt sie in echt, also hat sie ihre Berechtigung auch im Kinderbuch. Nur, dürften andere Familien gerne auch zum Zug kommen.

Ich habe gerade nachgezählt: Der Brecht besitzt aktuell 78 Bücher. Damit ist seine Bibliothek mit drei Jahren grösser als meine. Aber leider nicht vielfältiger: In rund 30 Büchern spielen Familien die Hauptrolle. Alle entsprechen sie dem Standardschema. Oder andersrum ausgedrückt: Nicht ein einziges Kind hat gleichgeschlechtliche oder alleinerziehende Eltern, keines einen Vater, der zu Hause bleibt, während die Mutter arbeitet. Diversität, vielfältige Familienmodelle, Homeoffice, Geschwister mit grossem Altersunterschied, eine interkulturelle Partnerschaft, meinetwegen eine Schlange als Haustier? Fehlanzeige. Es herrscht familiärer Einheitsbrei. Was lernt der Brecht dabei? Vermutlich, dass es eine starke Norm gibt, der sich alles andere als Abweichung unterzuordnen hat.

Die eine Ausnahme

Es gibt in unserem Kinderzimmer ein Buch, das sich angenehm abhebt. Zwar dreht es sich ebenfalls um eine reichlich klassische Familie. Im gleichen Haus leben aber immerhin eine griechische Familie, eine geschiedene Mutter, ein alleinerziehender Vater und ein Pärchen, das adoptieren will. Ausserhalb von Geschlechtsverkehr und Geburt werden kaum klassische Rollenbilder zelebriert. Dabei wirken die Akteure nicht «krampfhaft korrekt», sondern sehr natürlich. Der Vater erledigt selbstverständlich den Abwasch und ist auch sonst genauso präsent wie die Mutter.

Gut möglich, dass Sie es auch kennen: Ich spreche vom Kinderbuchklassiker «Peter, Ida und Minimum» aus dem Jahr 1977. Das älteste und abgesehen von den Schlaghosen gesellschaftlich modernste Buch in unserem Haushalt. Es ist das Lieblingsbuch des Brecht und steht auch in meiner persönlichen Hitparade ganz oben.

Nicht, dass alle neueren Kinderbücher schlecht wären. Wir besitzen durchaus ein paar tolle Exemplare. Aber in Bezug auf die gezeigten Familienkonstellationen wünsche ich mir von den heutigen Kinderbuchautoren und Verlagen schon etwas mehr Fantasie.

Bevor Sie mir jetzt mein Empfinden um die Ohren hauen: Eigene Käufe, Geschenke und Kindererbschaften haben während dreier Jahre des Brechtes Bibliothek geformt. Ich will keineswegs ausschliessen, dass sie einfach unglücklich zusammengestellt ist. Wenn Sie mir einen tollen Kinderbuchtipp haben, dann schiessen Sie los. Sie wissen ja jetzt, worauf ich Wert lege.