Was ist bloss aus den Kindergeburtstagen geworden?

  • Rüeblikuchen war einmal...

  • Heute ist es mindestens eine Regenbogentorte...

  • ...oder eine Barbie, die aus der Torte springt...

  • ...oder auch eine Winnie-the-Puuh-Torte...

  • ... eine Schatzkarte...

  • ...oder süsses Käfergebäck. Fotos: flickr.com

Mittlerweile haben mein Mann und ich 16 Kindergeburtstage organisiert. Und unsere beiden Kinder sind übers Jahr verteilt an je fünf oder sechs Geburifeste eingeladen. Macht rund 100 Geburtstagspartys! Diese Erfahrung hat mich gelehrt: Ganz schön verrückt, was heutzutage für ein Aufwand betrieben wird, wenn ein Kind Geburtstag feiert. Ein riesen Tamtam! Habe ich jedenfalls das Gefühl, wenn ich an früher denke. Früher ist lange her, nämlich dreissig Jahre. Da war ich sieben, so alt wie meine Tochter heute. Erinnerungen sind natürlich immer schöngefärbt. Hier dennoch der grosse Geburifest-Vergleich.

Die Einladung

1987: Bunte Kärtchen, vielleicht mit Ballons vorne drauf, wurden im Kindergarten oder in der Schule verteilt. Man durfte so viele Kinder – Mädchen und Buben – einladen, wie man alt wurde. Auf den Kärtchen stand, an welchem Mittwochnachmittag das Fest stattfindet. Mitnehmen: Gute Laune.

2017: Die Mutter des Geburtstagskindes versendet eine Save-the-Date-Nachricht per Whatsapp oder den Link zu einer Doodle-Terminumfrage. Drei Wochen vor dem Event liegt die Einladung im Briefkasten. (Info aus dem Kindergarten: Bitte nicht in der Garderobe verteilen, da manche Kinder traurig werden, wenn sie nicht eingeladen sind!) Bei Vorschulkindern gibt es gemischtgeschlechtliche Partys, danach laden Mädchen Mädchen ein und Buben Buben. Weil das Geburikind niemanden enttäuschen will, darf es 17 Kinder einladen. Auf der Einladung stehen das Motto, eine Materialliste (Schienbeinschoner, Prinzessinnenkleid, Regenhosen, Zeckenspray, Allergie-Medikamente…) und die Handynummer der Eventmanagerin, also der Mutter.

Das Motto

1987: Motto? Gab es nicht.

2017: Keine Party ohne Motto! Für Buben: Ritter, Dinosaurier, Piraten, Fussball. Für Mädchen: Prinzessinnen, Feen, Eiskönigin, Pferde.

Die Dekoration

1987: Ein paar Ballons, drei Luftschlangen auf dem Tisch, Pappteller und bunte Servietten.

2017: Die ganze Wohnung wird festlich dekoriert. Vom Röhrli über die Kerzen bis zur Girlande passt alles zum Motto und ins Farbkonzept. Faule Mütter bestellen online ein Party-Dekorationsset, alle andern basteln schon eine Woche vorher alles selbst.

Das Programm

1987: Geschenke auspacken, Schoggispiel und Reise nach Jerusalem. Wer gewinnt, darf aus der Preisli-Schüssel etwas auswählen. Das Geburtstagslied singen auf Schweizerdeutsch. Kerzen ausblasen und Kuchen essen. Mit den Gästen und Geschenken spielen, während Mami den Tisch abräumt.

Kerzli, Kuchen, eine Handvoll Kuchen – und gut war: Geburtstagsfestli in den 80ern. Foto: WDR

Kerzli, Kuchen, eine Handvoll Kinder – und gut war: Geburtstagsfestli in den 80ern. Foto: WDR

2017: Zuerst eine aufwändige Schatzsuche mit täuschend echter Schatzkarte. Unterwegs muss man 13 Rätsel lösen und trifft auf Papi oder Götti Stefan, der als Pirat verkleidet ist. In der Schatzkiste sind 18 Säckli mit exakt demselben Inhalt (Smarties, Radiergummi, Klebetattoos…). Danach macht man 10-15 von den Eltern mühsam ergoogelte Geburtstagsspiele. Damit niemand weint, gewinnen immer alle. Es folgt zur allgemeinen Beruhigung die Bastelsequenz: Man fabriziert etwas, was zum Motto passt (Prinzessinnenkrone, Tiermaske, Ritterschwert etc.). Langweilig? Wie wäre es mit Pony reiten? Übernachtungsparty? Geburtstag im Tenniscenter («250 Franken für 1 Tenniscoach, Kuchen bitte selber mitbringen»)? So oder so: Geschenke auspacken. Dann singen alle das Geburtstagslied auf Englisch, Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch, Hündlisprache (Wuwu-wuff-wuff, wuff! wuff!) und Fake-Chinesisch. Mami fotografiert den Kuchen für Instagram und Facebook. Kerzen ausblasen und Kuchen essen. Und dann kommt noch ein Clown. Oder ein Zauberer. Oder eine als Elsa verkleidete Schauspielschülerin. Falls die Partystimmung abflaut, wird eine Tischbombe gezündet. 

Der Kuchen

1987: Rüeblitorte, Schoggicake oder, ganz speziell, Marmor-Gugelhopf.

2017: Eine siebenfarbige Regenbogentorte. Oder ein Motto-Kuchen mit Wow-Effekt, von der Mutter mit grossem Aufwand und noch mehr Liebe gebacken: Ein Prinzessinnengugelhopf, aus dem eine echte Barbie rausguckt. Oder ein Piratenkuchen komplett mit Schiff, Palme und essbaren Marzipanpapageien. Geschmacklich geht es in Richtung Schokolade, aber es geht in erster Linie ums Aussehen, nicht um innere Werte. Der Kuchen ist selbstverständlich vegan und frei von Nüssen und Gluten.

Das Ende

1987: Die Kinder wurden von den Gastgebern an der Haustür mit einem Händedruck verabschiedet. Wer schon im Kindergarten war, lief alleine nach Hause.

2017: Die Eltern holen ihre Kinder ab und fragen drei Mal, ob alles gut gegangen ist. Nette Gastgeber bitten die Abholer herein und reichen Regenbogenkuchen, Kaffee, Prosecco und Bier. Unterdessen suchen sie fieberhaft das mittlerweile halbvolle Schatzsäckli des betreffenden Kindes. Das eigene Kind wird dazu gezwungen, sich ein zweites Mal fürs Geschenk zu bedanken. Wenn kein Schatz gesucht wurde, bekommt das Gastkind nun ein Mitgebsel-Säckli mit Schleckzeug. Nach dem Aufräumen wird sofort das beste der 287 Partyfotos ausgewählt, online als Karte («Vielen Dank!») bestellt und anschliessend an alle Gäste verschickt.

Und für jedes Kind das gleiche Säckli zum Nachhause-Nehmen… Foto: PD