Homeoffice mit Kleinkind im Praxistest

Arbeiten Eltern zu Hause, tun sie das nicht ungestört. Foto: Bildarchiv Tages-Anzeiger

Manche sagen, man könne nicht produktiv arbeiten, wenn man gleichzeitig ein Kind an der Backe hat. Andere meinen: «Alles eine Frage der Organisation.» Mit einer durchschnittlichen Taskliste und einem dreijährigen Kind habe ich für Sie den Praxistest gemacht.

Liebes Tagebuch,

es ist 6.30 Uhr. Ich sitze im Pischi am Computer und schreibe E-Mails. Heute arbeitet meine Frau, und ich bleibe mit dem Brecht zu Hause. Homeoffice im engeren Sinne plane ich zwar nicht, aber ein paar geschäftliche und private Sachen möchte ich bis heute Abend doch erledigt haben. Natürlich nicht zulasten des Brechts. Ich will nicht riskieren, dass er mir heute Abend eine schlechte Bewertung in den Feedbackbogen zeichnet.

7.05

Der Brecht meldet sich heute früher als sonst aus dem Schlaf und beordert mich zum Kuscheln und Toben ins Bett. Ein längeres E-Mail bleibt unvollendet am Bildschirm. Kuscheln gewinnt immer über Arbeiten – zumindest im Homeoffice, im Büro sage ich dem Chef auch schon mal Nein.

7.35

Des Brechts Zähne sind inzwischen gebürstet, und adrett gekleidet ist das Kind auch. Es verspürt aber noch keine Lust auf Frühstück und will erst seine Duplotiere füttern. Manchmal muss ich diesem Akt beiwohnen – heute offenbar nicht. In Sichtweite beantworte ich ein paar weitere E-Mails. Ab und zu machen wir ein wenig Small Talk über das Wetter und die Nachbarn. Ich spiele mit dem Gedanken, die Steuererklärung in Angriff zu nehmen, doch jemand möchte nun doch essen.

Es gibt Tage, da arbeite ich neben dem frühstückenden Brecht. Ich erlaube mir das zumindest dann, wenn ich selbst nichts esse. Heute aber bittet mich der Brecht, den Computer nicht mit an den Tisch zu nehmen. Er hat ja recht, das ist kein guter Stil. Gemeinsame Vater-Brecht-Zeit will trotzdem nicht entstehen. Nach wenigen Bissen ist er satt und will mit seiner Spielzeugküche spielen. Ich nutze die Gelegenheit, meine grosse Küche aufzuräumen. Danach liest mir der Brecht ein Buch vor: «Peter, Ida und Minimum» ist heute dran. Glück gehabt, die kleine Raupe hatte ich langsam satt.

Inzwischen steht die Uhr auf 9.10 – Der Brecht muss täglich während zweier Stunden ein Augenpflaster tragen, um sein linkes Auge zu trainieren. Die erste Stunde verbringt er nach kurzem Protest lethargisch auf dem Sofa und hört Kinderlieder. Ich suche die Belege für die Steuererklärung zusammen. Läuft gut, nur die Spendenquittung vom WWF bleibt verschollen und … oha, jemand ruft mich.

10.43

Nach einer halben Stunde gemeinsamem Bücherstudium, einer Aufräumaktion im Kinderzimmer und einem Vormittagssnack ist der Brecht wieder in seine Spielsachen vertieft und ignoriert meine Frage, ob er noch etwas trinken möchte. Auch gut. Das gibt mir Zeit, ein paar geschäftliche E-Mails zu beantworten, die inzwischen eingetroffen sind. Warum ich das auch an meinem eigentlich freien Tag mache, erzähle ich gern in einem anderen Beitrag.

Meine Mutter ruft aus dem Nachbarhaus an. Sie meint, sie habe Zeit, sich heute um den Brecht zu kümmern, falls ich viel zu tun hätte. Ich sage, wir kämen schon zurecht und gebe dem Brecht High Five. Natürlich nur in Gedanken: Der Brecht darf vom Anruf nichts wissen. Er wäre bestimmt lieber beim Grosi, denn Grosi hat Süssigkeiten (Sie erinnern sich: «Das arme Kind darf keinen Zucker»). Ich sage laut, dass ich nichts kaufen möchte, und lege kopfschüttelnd auf.

11.18

Der Brecht ist beim Spielen eingeschlafen. Damit habe ich nicht gerechnet, weil wir das Mittagsschläfchen formell abgeschafft haben. Ganz unerwartet kommt es aber nicht, schliesslich ist der Brecht heute mit den Hühnern aufgestanden. (Das ist keine Metapher, wir wohnen auf dem Land.)

Das Schläfchen gibt mir die Möglichkeit, mich um etwas mehr zu kümmern als nur um E-Mails. Ich ringe mich durch, endlich das Sitzungsprotokoll zu schreiben, das schon beim Kunden sein sollte.

Die Tücken der Heimarbeit kennt auch Robert Kelly, der Professor aus dem BBC-Interview.

13.40

Jemand isst (gesunde) Snacks wild durcheinander. Was man halt so macht, wenn man den Mittag verschläft. Ich tippe auf dem Computer weiter am Protokoll, schliesslich habe ich das Mittagessen nicht verschlafen. (Wie lange brauche ich eigentlich für ein Protokoll?)

18.00

Den Nachmittag verbrachten wir draussen. Wir widmeten uns der Umgebungspflege und legten das Fundament für einen neuen Sandkasten. Bis sich das Nachbarskind und seine Mutter zu uns gesellten und den Brecht auf andere Ideen brachten. Ich sage nur: «Man kann das Kind aus der Pfütze nehmen, aber nicht die Pfütze aus dem Kind.»

Inzwischen sind wir wieder drin und meine deutlich bessere Hälfte ist nach Hause gekommen. Normalerweise könnte ich mir jetzt eine Stunde Zeit erschnorren und noch etwas weiterarbeiten. Aber der Brecht und ich müssen dringend baden. So dringend, dass die Badewanne danach aussieht wie eine Tasse arabischer Mokka.

18.45

Die Frau kocht, und ich kümmere mich mit dem Brecht um den restlichen Haushalt. Aufräumen, waschen, Wollmäuse jagen. Nach dem Essen werden wir im Wohnzimmer Familienqualitätszeit verbringen: Alle erzählen wild durcheinander von ihrem Tag, bis der Brecht albern wird und damit seine Bettreife ankündigt.

21.12

Der Brecht schläft heute trotz Mittagschläfchen nicht allzu spät ein. Ich widme mich wieder der Steuererklärung. Nur noch ein Stündchen, denn morgen muss ich früh zur Arbeit. Immerhin erwarten mich dort keine liegengebliebenen E-Mails.

Jeder Tag ist anders, wenn man mit Kind «nebenbei auch noch was erledigen will». Aber ich stelle fest: Wenn ich dabei flexibel bleibe, geht es ganz gut. Ich setze mir bewusst keine hohen Ziele, denn das führt zu Stress und schlechter Stimmung. Der Brecht ist der Chef im Homeoffice – wenn er meine Aufmerksamkeit will, dann kriegt er sie meistens.

So hatten wir auch heute einen schönen gemeinsamen Tag. Trotzdem konnte ich etwa drei Stunden Arbeitszeit aufschreiben, habe mit der Steuererklärung begonnen, im und ums Haus gewerkelt und sogar einen Papablog geschrieben. Mit zwei Kindern wäre das bestimmt schwieriger. Deshalb kriegt der Brecht erst ein Geschwisterchen, wenn er selbstständig die Steuererklärung ausfüllen kann. Alles eine Frage der Organisation.