So nicht, liebe Wirtschaft!

Es liegt noch einiges im Argen: Zum Beispiel verdienen Frauen noch immer weniger als Männer. Foto: iStock

Es liegt noch einiges im Argen: Zum Beispiel verdienen Frauen noch immer weniger als Männer. Foto: iStock

Liebe Wirtschaft,

Schon seit ein paar Jahren beobachte ich euer Interesse an uns Frauen. Begonnen hat das ja mit der Einführung der Mutterschaftsversicherung im Jahr 2005. Für euch, so hab ich den Eindruck, hat sich der bezahlte Mutterschaftsurlaub bedeutend mehr ausbezahlt. Der Grossteil von uns Frauen kehrt nach Ablauf der 14 Wochen zurück in den Job; der Anteil der nicht erwerbstätigen Frauen ist auf 20 Prozent gesunken.

Mittlerweile, und das ist nicht nur aufgrund der Masseneinwanderungsinitiative, sind es die Teilzeitpensen, die euch ein Dorn im Auge sind. 63 Prozent der Frauen arbeiten Teilzeit, oft in niedrigen Pensen – was ja irgendwie verständlich ist, wenn zu Hause noch Kinder sind. Doch was kümmern euch unsere Kinder, liebe Wirtschaft, wo Ihr doch ganz andere Ziele vor Augen habt? Der Wirtschaftsmotor soll weiterbrummen, der Profit weiter maximiert werden, damit ihr euch im Konkurrenzkampf mit den asiatischen und amerikanischen Märkten behaupten könnt. Weil sich die globalisierte Konkurrenz verschärft hat, sollen wir Frauen unsere Arbeitspensen erhöhen, am besten Vollzeit arbeiten. Nur so, sagt Ihr, könnten wir im Job mehr Verantwortung übernehmen, als Zückerchen – wie wenn man dem Esel die Rübe vorhält – gar Karriere machen.

Drohgebärden

Doch offenbar fruchten eure Lockrufe nicht so, wie Ihr es euch vorgestellt habt. Nun beginnt ihr uns Angst zu machen, zu drohen. Ihr sagt, dass wir für eine sichere Altersvorsorge lebenslang 70 Prozent angestellt bleiben sollten, da nur so Pensionskassengelder angespart werden können. Sonst drohe uns die Altersarmut und wir wären, auf Kosten der Allgemeinheit, auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Eine Anstellung von mindestens 70 Prozent hingegen würde uns diese Schmach ersparen.

Als ob die Arbeitswelt ein Paradies ist, wo automatisch Gleichberechtigung herrscht!

Natürlich ist es unzumutbar, wenn uns nach der Pensionierung kaum Geld zur Verfügung steht. Das ist aber nicht unsere Schuld. Der wahre Skandal ist, dass wir Frauen lebenslang arbeiten und trotzdem keine oder nur eine minimale Rente erhalten.

Wie das Prestige sinkt

Nach wie vor verdienen Männer 20 bis 30 Prozent mehr als Frauen. Zudem sind «männliche» Berufe – etwa im Finanz-, Versicherungswesen oder in der Autoindustrie – von Beginn an besser bezahlt als «weibliche» Berufe, die häufig im Niedriglohnsektor angesiedelt sind. Frauen arbeiten häufig als Verkäuferinnen, als Assistentinnen oder im sozialen Bereich, wo sie sich um Kleinkinder, Kranke oder um pflegebedürftige Alte kümmern. Sobald Frauen in sogenannte Männerdomänen vordringen, etwa in der Psychologie, Medizin oder im Lehramt, nimmt das Prestige dieser Berufe ab und das Lohnniveau sinkt.

Offenbar – es lässt sich nicht anders deuten – wird die weibliche Arbeitskraft nicht so sehr geschätzt wie die männliche.

Das zeigt sich auch im Bruttoinlandprodukt, in dem nicht nur «bezahlte Arbeit» relevant ist, sondern auch unbezahlte Tätigkeiten. Als «unbezahlt» werden Haushalt, Kinderbetreuung und die Pflege bedürftiger Angehöriger deklariert. Dafür wurden im Jahr 2013 8,7 Milliarden Stunden gearbeitet. Gratis. Würden diese Arbeiten bezahlt, so hat es das Bundesamt für Statistik ausgerechnet, kämen wir auf einen Betrag von 401 Milliarden Franken. Interessant ist: Es sind vorwiegend Frauen (62 Prozent), die diese unbezahlten Tätigkeiten ausführen, während 62 Prozent der Männer bezahlter Arbeit nachgehen. Es zeigt sich auch hier: Frauen erhalten keine Renten, weil unbezahlte Arbeit nicht rentenrelevant ist.

Ein paar Vorschläge

Trotzdem sollen Frauen nicht nur ihr Arbeitspensum erhöhen, sondern auch noch länger arbeiten. Unbeeindruckt von den herrschenden Ungleichbehandlungen von Männern und Frauen, hat das Parlament nun beschlossen, das Rentenalter der Frauen von mittlerweile 64 auf 65 Jahren zu erhöhen. Als ob Gleichstellung kein Thema mehr ist.

Falls es euch, liebe Wirtschaft, liebe Politik, tatsächlich darum gehen würde, uns Frauen die gleichen Rechte wie den Männern einzuräumen, dann hier ein paar Vorschläge, was für uns tatsächliche Gleichberechtigung bedeuten würde:

  • Frauen müssen gleich bezahlt werden wie Männer.
  • Die Arbeitszeit muss reduziert werden; ein Arbeitstag von 8 oder 8,5 Stunden ist mit einem Familienleben nicht kompatibel, genauso ein Ferienanspruch von 4 oder 5 Wochen (während Schulkinder 13 Wochen Ferien haben).
  • Haus- und Familienarbeit muss – wenn schon nicht bezahlt – immerhin rentenrelevant versichert werden, egal ob Mann oder Frau dafür verantwortlich ist.

Und ganz allgemein frage ich mich, liebe Wirtschaft, liebe Politik, liebe Gesellschaft: Welchen Wert haben unsere Kinder für euch eigentlich?

In diesem Sinne, freundliche Grüsse
Sibylle Stillhart