Mit Geld soll man spielen

Wieviele Wochen Taschengeld kostet ein Apfel? Ein Vater mit seiner Tocher beim Einkaufen. Foto: iStock

Wie viele Wochen Taschengeld wohl so ein Apfel kostet? Ein Vater mit seiner Tochter beim Einkaufen. Foto: iStock

«Mami, wie viele Wochen kostet das?», fragte die Tochter gestern beim Einkaufen und hielt mir eine PET-Flasche unter die Nase. «Fünf», sagte ich. Und sie empört: «Was?! Fünf Wochen für Wasser? Da trinke ich lieber gratis vom Brunnen.» Das Fläschchen kostete 2.40 Franken. Die Tochter müsste fünf Wochen ihr Sackgeld sparen, bis sie es kaufen könnte. Der grosse Bruder kriegt übrigens wöchentlich 2 Franken. Ich finde es erstaunlich, was die beiden durch dieses Taschengeld schon alles gelernt haben.

Sackgeld bekommen meine Kinder ab der ersten Klasse. Einerseits deshalb, weil sie lernen sollen, mit Geld umzugehen. Andererseits schenke ich ihnen damit ein Stück Freiheit. Das Leben eines Schulkindes ist ja ziemlich fremdbestimmt: Schule, Hausaufgaben, Ämtli – manchmal bleibt nur wenig Raum für eigene Entscheidungen. Sackgeld gibt ihnen ein wenig Freiheit und Selbstbestimmung. So ähnlich wie allein Bus fahren oder irgendwo im Quartier herumstreunern. Taschengeld gibt es jeden Sonntag, egal ob man brav war oder nicht. Kein Sackgeld gibt es höchstens, wenn ich grad kein Münz im Portemonnaie habe – aber niemals als Strafe. Und das Wichtigste: Mit dem Sackgeld können die Kinder tun, was sie wollen. Oder jedenfalls fast – aber dazu später.

Wer den Rappen nicht ehrt …

Nie vergesse ich das stolze Gesicht meines Sohnes, als ich ihm am Abend vor dem ersten Schultag ein Füffzgi in die Hand drückte. Er steckte die Münze in sein YB-Portemonnaie und sagte feierlich: «So.» Was würde er mit dem Geld tun? Nicht, dass man mit 50 Rappen wahnsinnig viel machen kann. Aber zwei, drei Gummitiere liegen schon drin. Ich bereitete mich in Gedanken darauf vor, einfach Dalai-Lama-mässig zu lächeln, während er sein Geld in saure Apfelbänder investieren würde. Schliesslich nahm ich mir vor, mich nicht einzumischen in die finanziellen Angelegenheiten meiner Kinder: Ich würde die Kaufentscheide weder beeinflussen noch kommentieren. Doch was geschah?

Nichts. Der Sohn, das zeigte sich ab Woche eins, war ein eiserner Sparer vom Typ Dagobert Duck. Jeden Sonntag nahm er die neue Münze entgegen, machte Kassensturz, zählte all sein Geld und räumte alles wieder ins Portemonnaie. Er kaufte: nichts. Nach den Herbstferien fragte ich ihn, ob er sich nicht mal etwas gönnen wolle von seinem Taschengeld. Er dürfe sich ja kaufen, was er wolle. Er schüttelte nur den Kopf, schwieg und sparte. Als ich ihn in der Adventszeit nach seinen Weihnachtswünschen fragte, kam dann der Knaller: Er wünsche sich ein Terrarium. Für die Boa constrictor, die er sich mit seinem Sackgeld kaufen werde.

Playmobil, Schleckzeug oder Tierschutz?

Ups! Wir mussten die Taschengeld-Regeln präzisieren: Man darf sich fast alles kaufen, was man will – ausser lebende Tiere und Waffen. Der Sohn machte kurz einen Lätsch und kaufte sich einige Wochen später spontan einen Riesentroll von Playmobil. Er ging zur Kasse, öffnete das YB-Portemonnaie und überreichte der Kassierin andächtig eine Zwanzigernote, die er sich auf der Bank gegen sein Münz eingetauschte hatte. Zack, war das monatelang zusammengesparte Geld samt Weihnachtsbatzen weg. Zu Hause packte er den Riesentroll aus, spielte fünf Minuten und kam dann mit hängenden Schultern in die Küche: «Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht. Der Riesentroll kann gar nichts!» Riesenenttäuschung. Mein Mutterherz fühlte sich an wie von einer Boa constrictor umschlungen. Aber: Er hat seine Lektion gelernt.

Ganz anders geht die Tochter mit Geld um: Sie brachte das erste Füffzgi direkt zum Schleckwarenladen, wo sie heute Stammkundin ist. Sie investiert ihr Geld grundsätzlich in Süssigkeiten, gern aber auch in Mitmenschen oder die Umwelt. Wird irgendwo für Kinder, Delfine oder Biber in Not gesammelt, öffnet sie nicht nur ihr Herz, sondern auch ihr Lilifee-Portemonnaie. Auch Strassenmusizierende werden grosszügig entlöhnt. Und warum? Sie erklärt: «Für mich ist das Sackgeld die Spitze der Pyramide, für diese Leute aber der untere Teil.» Mit Pyramide meint sie übrigens die Maslowsche Bedürfnishierarchie, die sie in der Schule durchgenommen hat.

Damit zeigt sie mir, dass sie das Sackgeld als das verstanden hat, was es ist: ein bedingungsloses Luxuseinkommen. Ein Stück Metall oder Papier, das in (fast) alles Mögliche verwandelt werden kann. Ein Spiel, das auf den Ernst des Lebens vorbereitet.

Wie halten Sie es mit dem Sackgeld? Und wie viel bekommen Ihre Kinder? Diskutieren Sie mit!