Papa, erklär mir die Welt!

Wenn Papa die Welt erklärt: Bei der Wissensweitergabe sollten wir die Warum-Phasen nutzen. (iStock)

In der Diskussion meines letzten Papablogs hat jemand die Meinung geäussert, man solle mit Kindern nicht über Ernährung reden, sondern die richtige Ernährung einfach vorleben. Der Kommentar beschäftigte mich eine Weile. Erkläre ich dem Brecht zu viel? Gibt es gesellschaftliche Tabus bei Zweieinhalbjährigen? Soll ich besser nur das Wetter erwähnen und ihn fragen, was er beruflich macht?

Das Kind hat «warum» gesagt

Nein. Ich will mit dem Brecht tiefgründige Gespräche führen. Natürlich ist es wichtig, Werte und Verhaltensweisen vorzuleben, aber das schliesst das Reden ja nicht aus. Vormachen und Erklären gehören zusammen. Sie sind ein Team, wie Sherlock und Watson, Kim und Kanye oder Michelle und Barack.

Erklären bedeutet, das Kind in seiner Neugier ernst zu nehmen. Natürlich sollte man aufhören, wenn es kein Interesse mehr zeigt. Aber das ist mir in des Brechtes endloser Warum-Phase noch nie passiert.

Ob der Brecht eine Frage stellte, oder ob ich ihm von mir aus etwas erkläre: Er hört immer aufmerksam zu. Und ich stelle fest: Inhaltlich geht alles. Zumindest ist mir bis jetzt noch kein Thema eingefallen, das ich ihm nicht zumuten möchte. Und so hat sich der Brecht schon ein ganz stattliches Weltwissen angeeignet.

Fleisch, Krieg und Spülmaschinentabs

Er weiss, dass alle Menschen irgendwann sterben, auch seine Eltern und er. Er weiss, dass das früher als nötig passieren kann, wenn er zum Beispiel ein Spülmaschinentab frisst. Selbstverständlich weiss er auch, dass für das Fleisch auf seinem Teller Tiere sterben mussten. (Also sie mussten nicht auf seinem Teller sterben … Sie wissen, wie ich das meine.)

Der Brecht weiss, dass sein liebster Spielkamerad von zu Hause fliehen musste, weil dort Menschen aufeinander schiessen und mit Bomben Häuser kaputt machen. Dass er seine Spielsachen nicht mitnehmen konnte und seine Verwandten schon lange nicht mehr gesehen hat.

Aber natürlich kennt er auch die weniger morbiden Seiten des Lebens. Zum Beispiel, wie Babys entstehen. Er weiss, dass dazu im Normalfall jemandes Penis seinen Weg in jemand anderen Vagina finden muss.

Ab und zu gibt er das Gelernte dann im öffentlichen Raum zum Besten: «Der Teddy ist nackt, der kann jetzt Geschlechtsverkehr haben.» Nun gut, das zeigt uns, dass er die Basics begriffen hat.

Wir verstehen auch nicht alles

Natürlich kann der Brecht Themen wie Krieg, Tod, Liebe oder Ernährung nicht in ihrer Gesamtheit fassen. Aber können wir Erwachsenen das? Selbst unser meist lückenhaftes Verständnis von komplexen Zusammenhängen hat viel Zeit und Erklärung benötigt.

Ein Grund mehr, bei der Weitergabe von Wissen keine Zeit zu verlieren. Dass er manche Details nicht versteht, hält mich nicht davon ab, dem Brecht die Welt zu erklären. Es ist sogar Teil meiner Methodik: Ich erkläre ihm Sachverhalte mal stark vereinfacht, mal komplexer. Er nimmt sich davon, was er braucht. Manchmal deutlich mehr, als ich erwartet hätte.

Der Brecht schläft trotzdem gut

Doch wie sieht es mit Gefahren aus? Kann das Kind von ernsten Themen einen Schaden erleiden? Ein Psychologe müsste das beantworten, ich bin aber überzeugt, dass dieses Risiko klein ist. Zumindest, solange man Dinge sachlich erklärt, ohne sie zu irgendwelchen Horrorgeschichten auszuschmücken. Bislang hat mir der Brecht noch nie einen besorgten Eindruck gemacht. Vielmehr stellt er interessiert Folgefragen («Haben Katzen auch einen Penis und eine Vagina?») und kommt zu eigenen Schlussfolgerungen. («Wenn die Katze ein Baby kriegt, muss sie ins Krankenhaus.») Die grösste Gefahr ist in meinen Augen, dass der Brecht ein Klugscheisser wird. Erste Tendenzen sind erkennbar.

Gut möglich, dass Sinn und Unsinn ausführlicher Erklärungen enorm von der Persönlichkeit des Kindes abhängen. Der Nachbarsjunge ist eher motorisch orientiert, spricht wenig und ist kein aufmerksamer Zuhörer. Er mag es, wenn man ihn wie ein Flugzeug durch die Luft hebt, ohne ihn dabei mit dem Prinzip des dynamischen Auftriebs zu belästigen. Im Sinne der wissenschaftlichen Korrektheit versuche ich dann wenigstens, die Triebwerksgeräusche exakt nachzuahmen.