Sollen Kinder zu Bett gehen, wann sie wollen?

Von der Müdigkeit können Kinder schon mal an ungewöhnlichen Orten übermannt werden. Foto: Vernon Swanepoel, Flickr.com

Nein, ich trage meinem Sohn keine Sachen hinterher, putze sein Zimmer nicht und brauche auch nicht andauernd zu wissen, wo er steckt und was er genau tut. Er ist schon 14, also bitte. Er soll in diesem Alter selbstständig sein und Verantwortung übernehmen.

Bei gewissen Dingen allerdings schaue ich genau hin: Ich will wissen, was in der Schule läuft, werde ungehalten, wenn ich sehe, dass er aus Zeitdruck kaum frühstückt – und mache Theater, wenn es schon fast 22 Uhr ist und er noch nicht im Bett. Denn Frühstück, Hausaufgaben, ausreichend Schlaf (8 bis 9 Stunden): Sie gehören zu den Dingen, die ich als wichtig erachte und die mir nicht – wie etwa seine zerrissenen Hosen – egal sind. Er befindet sich im Wachstum und mitten in der Berufswahl – also in einer schulisch heissen Phase. Ich möchte, dass er die Ressourcen dafür hat und es ihm gut geht. Obschon er ein Jugendlicher ist und mich grössenmässig überragt, gebe ich ihm noch gewisse Dinge vor. Was das genau ist und wie wir damit umgehen, verändert sich stets ein wenig – doch Grundsätzliches bleibt.

Sechsjährige darf selbst bestimmen

Ich kann mir deshalb nur schwer vorstellen, wie es ist, wenn Eltern den Zeitpunkt des Zubettgehens den Kindern schon in jungen Jahren selbst überlassen. Bekannte von mir mit einer sechsjährigen Tochter handhaben das so: Das Mädchen geht dann schlafen, wenn es glaubt, müde zu sein – und sei dies erst kurz vor Mitternacht. Seine Eltern, selbst Nachteulen, finden das vollkommen normal. Die Tochter kenne nichts anderes und spätes Zubettgehen liege in der Familie, sagen sie. Komme die Kleine von der Schule nach Hause, lege sie sich dafür öfter mal hin. «Selbstbestimmtes Einschlafen» nennen sie das.

Auch Familien mit mehreren Kindern schwören darauf: Christine Finke, Sprachwissenschaftlerin, Politikerin und Bloggerin, schreibt auf «Mama arbeitet», dass es bei ihnen seit über fünf Jahren keine festen Schlafenszeiten mehr gebe. Sie hat drei Kinder, das Jüngste ist 8 Jahre alt. «Anfangs war das eine Notlösung. Ich bemerkte, dass es mich und die Kinder fertigmacht, wenn der Tag mit Anschreien und Tränen endet, weil ich versuchte, feste Bettzeiten einzuhalten.»

Doch mittlerweile sei es für sie selbstverständlich, dass ihre Kinder dann schlafen, wenn sie müde sind – also selbst entscheiden, wann das ist. Auch wenn das erst um 22 Uhr sei. Das brauche ein bisschen Geduld und Ausdauer, weil man abends erstens nicht mehr alleine sei und es zweitens eine Weile dauere, bis sich das Schlafverhalten einpendle. «Aber es funktioniert.» Der Körper hole sich seinen Schlaf. Und das Kind lerne, auf seinen Körper und dessen Bedürfnisse zu hören.

«Grenzüberschreitender Machtmissbrauch»

Ruth, Soziologin, Bloggerin und Mutter dreier Kinder, schwört ebenfalls auf diese Methode. Sie schreibt auf «Unerzogen leben», weshalb sie sie für elementar hält und wie man als Eltern selbstbestimmt schlafende Kinder überlebt. Interessant sind dabei ihre Begründungen: Das Kind habe ein Recht darauf, selbst über seinen Körper zu bestimmen. Es sollte erfahren, dass es Herr seiner eigenen Bedürfnisse sei und des eigenen Körpers. «Alles andere ist grenzüberschreitend. Unfair. Machtmissbrauch – und schadet der Beziehung.» Denn Lernen gehe nur mit Erfahrung und Erfahrungen müsse man machen.

Das klingt nicht abwegig. Dennoch frage ich mich, ob insbesondere kleine Kinder auch wirklich wissen können, was gut für sie ist. Gehört es eben nicht auch zu unserer Aufgabe als Eltern, ihnen Struktur zu geben, ihnen einen Rhythmus zu bieten? Oder kommt dieser, wie Ruth schreibt, dann eben irgendwann von alleine?

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