Das arme Kind darf keinen Zucker

Nein, bitte auch keine Schokolade: Nicht immer stösst die elterliche Vorgabe auf Verständnis. Foto: iStock

Nein, bitte auch keine Schokolade! Nicht alle Verwandten haben Verständnis für die elterliche Vorgabe. Foto: iStock

Eine befreundete Zahnärztin riet uns, dem Brecht bis zum zweiten Geburtstag keinen Zucker zu geben. Wir fanden den Ratschlag nachvollziehbar und hielten uns daran. Ziemlich strikt sogar, denn wir wussten: Auf eine Ausnahme würden viele weitere folgen. Kein Zucker hiess kein zusätzlich hinzugefügter Zucker – «added sugar», wie der Angelsachse sagt. Darunter fällt sinngemäss auch beigefügter Milch- oder Fruchtzucker. Nicht unter die Regel fallen selbstverständlich alle natürlich in einem Lebensmittel vorkommenden Zucker.

Ganz gemeine Ökofreaks

Wir hielten uns ob dieser Regel für verantwortungsvolle Eltern. Nicht etwa progressive Supereltern, sondern ganz normal vernünftige Eltern, die aktuelle Gesundheitsempfehlungen beachten. Und doch hatten wir manchmal das Gefühl, Ausserirdische vom Planeten Fundi-Ökofreak zu sein. Dann nämlich, wenn es bei Familienanlässen Kuchen gab. Kaum einer verstand, warum der arme Brecht nicht auch ein Stückchen Kuchen durfte. Das resultierte Gott sei Dank nicht in einer Familienfehde, aber für so ein bizzeli gemeine Eltern hielten sie uns halt schon. Immerhin assen wir ja selbst vom leckeren Kuchen.

Doch wir selber fühlten uns nicht gemein. Der Brecht hat nämlich kein einziges Mal nach Kuchen verlangt. Es war ihm herzlich egal, keinen abzukriegen und stattdessen ein Rüebli in seinen Schlund zu raffeln. Er hat sich auch nie beschwert, dass er keinen Alkohol, keinen Kaffee und keine Nüsse darf. (Die Verwandten übrigens auch nicht.)

Die Regel fällt, die Verwandten applaudieren

Am zweiten Geburtstag brachen dann alle Dämme. Wir wollten die Regel erst schrittweise lockern. Aber da fuhr die Verwandtschaft schon Lastwagen voller Süssigkeiten vor und gab sich alle Mühe, die vergangenen zwei Leidensjahre zu kompensieren.

Leicht amüsiert lassen wir sie seither gewähren und geben dem Brecht auch selber ab und zu etwas Süsses. Meist auswärts, wenn es sich aufdrängt. Er fragt inzwischen nach Kuchen, wenn er welchen sieht.

In unserem Haus gibt es nach wie vor nur selten Zucker. Müesli und Milchreis servieren wir ungezuckert, und Lebensmittel, die wir für den Brecht kaufen, müssen zuckerfrei sein. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen: Essen ohne Zucker klebt ja auch viel weniger aggressiv an den Möbeln.

Neues Kind, gleicher Plan

Obwohl die Verwandtschaft schon heute mit den Augen rollt, werden wir es bei unserem nächsten Kind – nein, es ist noch nicht unterwegs – genau gleich handhaben. Aus drei einfachen Gründen:

  1. Ein Kind die ersten zwei Jahre zuckerfrei durchzufüttern, ist extrem einfach. Wer Zutatenlisten lesen kann – und die 500 Industriebegriffe für Zucker kennt –, kauft ohne Mühe ein. Etwa die Hälfte der Lebensmittel für Kleinkinder ist im deutschsprachigen Europa zuckerfrei. Im Urlaub war das schon schwieriger, fast hätten wir dem Brecht resigniert eine Schachtel Würfelzucker gekauft.
  2. Das Thema ist relativ unumstritten. Ein Verzicht auf Zucker hat offensichtliche gesundheitliche Vorteile, ohne dass dem Kind irgendwann etwas fehlen würde. Ausser halt Karies.
  3. Wir hatten zwei Jahre lang Zeit, alle Lebensmittel einzuführen, ohne dass Broccoli, Röselichöli und Kohlräbli in Konkurrenz zu Süssem standen. Auch heute mit drei Jahren isst der Brecht fast alles, und er akzeptiert unseren Speiseplan gut. Wie das ohne die zwei zuckerfreien Jahre gewesen wäre, wissen wir natürlich nicht.

Das Thema Zucker bietet aber weiterhin erzieherische Tücken. Wir versuchen, dem Brecht zu erklären, welche Lebensmittel gesünder sind und welche weniger. Zucker soll einerseits nicht täglich auf seinem Speiseplan stehen. Andererseits wollen wir auch nicht, dass er Süssigkeiten als etwas Besonderes empfindet. Ein Spagat. Wie gehen Sie mit dem Thema um?

Falls Sie sich übrigens fragen, ob ich beim zweiten Kind nicht doch etwas anders machen würde: Nun ja, ich halte mich dann vielleicht selber auch an die zuckerarme Diät. So, wie es eigentlich schon beim ersten Mal geplant war.

Lesen Sie dazu auch das Posting «Dieser Schleckdreck».