Papas Heimat ist erloschen

Versunkenes Land: Berliner auf der Kastanienallee im Prenzlauer Berg. Foto: juliaviajando (Flickr)

Meine Heimat hat keinen Ort mehr. Sie existiert zwar geografisch gesehen noch mitten in Berlin, aber sie wurde komplett entkernt, hochdruckgereinigt, saniert und im Anschluss daran für den Publikumsverkehr freigegeben. Ich gehöre nicht länger hierher und ich möchte es auch nicht mehr.

Die ersten zehn Jahre meines Lebens bin ich im Ostberlin der DDR aufgewachsen – einem merkwürdigen Stadtgebilde in Sichtweite des blinkenden Westens. Mit Goldbroiler, Pionierhalstuch und Lehrerinnen, die uns mit sozialistisch offenen Händen ins Gesicht schlugen, wenn wir Widerworte gaben. Mit den Büchern meiner Mutter, die Freiheit atmeten und von Menschen erzählten, die in alle Richtungen reisen konnten, um schlussendlich sich zu finden. Mit den Schultern meines Vaters, die mich bis ans Ende der bekannten Welt trugen, wenn ich nicht mehr laufen mochte. Mit Mangelwirtschaft, Lügen und pyramidenförmigen Schulmilchtüten. Mit draussen sein, bis die Sonne untergeht, Sommerknien und Geheimverstecken.

Ein Wimmelbild in Grautönen

Seltsamerweise sieht meine 80er-Jahre-Kindheit in Ostberlin ganz ähnlich aus wie die Wimmelbuchkindheit von Ali Mitgutsch in München und Umgebung. Nur in endlose Grautöne entbuntet.

Von Freunden weiss ich, dass es ihnen ähnlich geht. Allerdings haben viele von ihnen sehr wohl einen Ort, zu dem sie nach Hause zurückkehren. Wo sich seit damals wenig verändert hat, «die Hoffnung am Gartenzaun hängt und kaum ein Mensch je vorbeikommt», wie die Sängerin der Band Silbermond ihre Heimat besingt.

Meine Heimat, der Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, wurde nach dem Fall der Mauer das grösste zusammenhängende Sanierungsgebiet Europas. Menschen verliessen sie Hals über Kopf, weil sie befürchteten, dass die DDR-Führung das Rad der Zeit noch einmal zurückdreht und uns alle wieder in ihr Massenversuchslabor sperrt. Einen Winter und einen Frühling streifte ich durch leere Wohnungen, benutzte ostzonale Küchengeräte, fläzte mich auf fremde Sofas und versuchte mir vorzustellen, wer wohl bis vor kurzem auf ihnen gesessen hatte. Sommer, das waren dann Ausflüge ins Berliner Umland, Hinterhöfe und ganze Nachmittage über den Dächern der Stadt. Mit Menschen, die dichteten, soffen oder irgendetwas dazwischen.

Fauler Zauberkasten am Kiosk

Aufbruch, Umbruch, Abbruch. Die beinahe zeitgefrorene DDR-Entbuntung wurde allmählich mit groben Pinselstrichen in grellen Farben übermalt. Weltkriegszerschossene Häuserfassaden wurden glatt gestrichen und in gefälligere Geschichtslosigkeit gegossen. Bruce Springsteen gab ein spontanes Konzert in den Strassen meines Kiezes. Der Korbmacher um die Ecke löste sich in kapitalistisches Nichts auf und mit ihm praktisch sein gesamter Berufsstand. An seiner statt materialisierte sich ein Solarium mit Fensterplakaten von Palmen.

Heute treffen sich Familien etwa im Kiezkind auf dem Helmholtzplatz. Foto: Thomas Angermann (Flickr)

Die Poststelle, auf der die alten Menschen fussläufig ihre Geldgeschäfte erledigen konnten, wich einer jener Kioskmonstrositäten der 90er-Jahre, in denen Heranwachsende wie ich «Heisse Hexe Currywurst» verzehrten – weil man es für uns vor unseren Augen im Mikrowellenzauberkasten zubereitete. Als ich merkte, wie schnell dieser Frass und vieles andere kalt werden, bin ich gegangen. Hab mich in den Westen rübergemacht, nach Kreuzberg, wo es noch wild und warm war.

Und heute? Mein alter Bezirk ist mir ein Museum geworden. Bilder einer Ausstellung. Mein Herz würde eine Transplantation in diesen fremdartigen Körper nicht überstehen. Ich gönne allen Zugezogenen ihre neue Heimat, aber mit ihnen ist meine alte erloschen.

Europa, das war ein Traum

Manch einer findet es seltsam, wenn ich davon erzähle oder meine Kinder von meiner DDR-Herkunft reden. «Aber du warst doch erst zehn!» sagen sie dann. «Wieso erzählst du das deinen Kindern?»

Weil sie wissen sollen, wer ich bin, sage ich dann. Warum ich mich über Sekundenkleber und ausgefallene Gewürze freue. Wieso ich manchmal scherze, dass David Hasselhoff und ich damals die Mauer alleine und nur deshalb zum Einsturz gebracht haben, damit ich mich auf einem Westberliner Gymnasium in dieses Mädchen mit den baumelnden Beinen verlieben kann, das sie «Mama» nennen. Und dass Europa einmal mehr gewesen ist als ein Wegwerfprodukt nationalistischer Narzissmen. Europa, das war ein Traum, über den Erwachsene mit leuchtenden Augen hinter vorgehaltener Hand geflüstert haben. Mit so viel wehmütiger Sehnsucht, dass man unbedingt sehen musste, worüber sie sprechen. Sie können das ruhig rührselig oder (n)ostalgisch finden. Ich gebe ihnen dann achselzuckend irgendwie recht und sage «Icke halt».

35 Kommentare zu «Papas Heimat ist erloschen»

  • Alex Marti sagt:

    Ja, ich war Ende 80iger auch in Berlin, meine Freundin hatte Verwandte ‚drüben‘. Berlin war SEHR speziell. Die MwSt Reduktion für Produkte made in BER, die verbilligten Flüge mit den alten 727 der PanAm, die Vermeidung der Wehrdienstpflicht für Westler, das letzte ‚Fest der freien Deutschen Jugend‘, die 20pf für die S-Bahn Ost, die Originalholzwagen der S-Bahn, mit Bäumen überwachsene Geleise nahe dem Anhalter, die Ost-Telefone die sich zwei Haushalte teilten, Wartburg fahren. Aber, das Berlin-Gebilde West wie Ost war dadurch schlicht nicht Überlebensfähig, zu sehr wurden die beiden Kulturen der realen Welt entzogen. Schön war’s trotzdem.

  • BM sagt:

    „Und dass Europa einmal mehr gewesen ist als das Wegwerfprodukt nationalistischer Narzissmen.“
    Danke, Nils Pickert! Dieser eine Satz ging mir mitten ins Herz!
    Nicht unsere verschwundene Heimat, die wir alle suchen und nicht mehr finden – egal, ob in Berlin oder in Zürich. Sondern das „grosse Ganze“, das Gefühl, der Respekt, die Träume, die Ziele – das IST der Punkt!

  • Doris sagt:

    Ein wunderbarer Artikel. Was für eine schöne Sprache. Meine Vorfahren kamen aus Stralsund und Berlin, sie schilderten mir ihre Heimat, trotz aller „Entbehrungen“, eben als schön und lebens/liebenswert. Die weiten Landschaften, das Niemandsland, der dörfliche Charakter, der Zusammenhalt, auch die Sehnsucht nach dem Leben „drüben“. Aber auch die stete Angst vor der Stasi, der Drill, Warenknappheit, das ergab irgendwie eine Besonderheit im Zusammenleben. Nostalgische Gefühle des Autoren haben doch Platz in unserer nüchternen Welt, es ist für viele heutige Berlinreisende sicherlich interessant, das zu lesen.

  • Martin sagt:

    Sorry, aber in 2017 möchte ich dann allmählich nichts Ostalgie-Angehauchtes mehr lesen. Bei allem Verständnis für Wehmut nach der alten Heimat: Die gab es auch im Westen. Als die Mauer fiel, war ich schon 23 und als erstes einschneidendes Erlebnis empfand ich die Einführung des Soli-Zuschlags. Man sah es ein im Wissen, daß es doch die schnellstmögliche Angleichung an den Westen war, die ein weiteres Ausbluten des Ostens verhindern sollte, wir waren verwundert, als dann das Ost-Gemotze inkl. Verklärung der DDR losging. Die Heimat ändert sich immer. Schadlos überstehen kann man das vor allem, wenn man vorwärts schaut – was hätten denn sonst die Millionen Vertriebenen aus den Ostgebieten nach dem 2. WK machen sollen? U.a. dank diesen gab es in den 90ern überhaupt erst einen Soli zu verteilen.

    • Karl von Bruck sagt:

      Naja, die Nazizeit wird ja nach ueber 70 Jahren von der Vierten Gewalt auch noch gar kontrovers kampagniert, statt nur hin und wieder erwaehnt. „Wir wollen unsre Mauer wiederhabn!“ kommt nicht ungefaehr. Insbesondere fuer geschiedene und ledige (Zahl-)vaeter. In der DDR-wurde den Muettern das Babyjahr vom Staat bezahlt, und nach einem Jahr wieder ab in die dort nicht nur Maennern reservierte Vollzeitgaleere. Die Mauer verhinderte zwar Ballermannfeten auf der Putzfraueninsel. Aber Hartz 4er koennen sich Ferien kaum mehr auf dem eigenen Balkon leisten (der meistens auch fehlt), derweil ein DDR-Doppelverdienerpaar mit fuer (fast) alle gefestigten Arbeitsverhaeltissen – oft gar mit dem eigenen Trabi – Plattenseeferien leisten konnten….

  • Othmar Brunner sagt:

    Wasollndat. Erzählen Sie mal einem langjährigen Einwohner von Shanghai, er habe seine Heimat verloren. Die Stadt hat sich in den letzten dreissig Jahren wohl um einiges stärker verändert als Berlin. Er wird Sie nicht verstehen. Kommt mir vor wie ein Kreis 4 Bewohner, der immer in die angesagteste Bar rennt. Dadurch sind Sexclubs und Knellen verschwunden. Die Kreis 4 Hippster jammern dann, „dass ist nicht mehr so authentisch und verrucht wie früher“. Nein ist es nicht. Gottseidank.

  • Jänu sagt:

    Meine Heimat von vor 40 Jahren gibt es auch nicht mehr. So what? Die Zeiten ändern sich, neue Menschen werden geboren, alte sterben. Neue Häuser werden gebaut, alte abgerissen.
    In meinem Dorf gab es drei Läden. Zwei Krämer, ein Konsum. Es gab eine Post und eine Bäckerei, die ohne Backmischung backte. Es gab 3 Misthaufen, alte Frauen mit Kopftüchern (ja!). Ist alles weg. Heute leben kaum mehr Autochthone dort, vielleich 1/3. Der Rest ist zugezogen, hat alles verändert inkl. Parteienlandschaft. Die Läden sind weg, der Bäcker auch. Die Post geht zu.

    Gehe ich nun hin und flenne deswegen? Lasse ich das aussen vor vor meinen Kindern? Nein! Veränderung gehört zur Welt und wer dem nachheult, der hat kein Blick fürs Heute und Jetzt.

  • Hausfrau sagt:

    Ich bin nur Besucherin in Ostberlin gewesen bei meinen Verwandten. Aber mir fiel damals extrem auf, dass sich der Osten nicht einfach verändert hat, sondern der Westen sich mit einer gewissen Überheblichkeit und grossem Tempo daran gemacht hatte alles anzugleichen. Für mich schien es darum zu gehen die DDR möglichst in allen Bereichen nicht nur rasch zu Vergangenheit zu machen, sondern am liebsten zu Vergessenheit.

    • Carolina sagt:

      Ich will überhaupt nicht bestreiten, dass damals sehr viele Fehler gemacht wurden – nur: was wäre denn die Alternative gewesen? Im Nachhinein ist man natürlich sehr viel schlauer, aber man muss vielleicht wirklich dabei gewesen sein, als die Mauer fiel: eine Situation, die es niemals vorher gegeben hatte, die jahrzehntelang die deutsch/deutsche Politik bestimmte (vor allem emotional besetzt war), Ostdeutsche, die in ihrer Mehrheit (so schien es zumindest damals) nicht schnell genug in den Genuss alles Westlichen kommen konnten und, vor allem: Reise- und Bewegungsfreiheit!
      Zumindest meine Familie, die ich in den darauffolgenden Jahren erst kennenlernte, hat zwar auch eine gewisse Heimats-Wehmut, aber keiner wünscht sich die DDR zurück, im Gegenteil.

  • dres sagt:

    Gratulation.

  • Muttis Liebling sagt:

    Unter ‚Heimat erlöschen‘ kann ich mir nur ein verheerendes Erdbeben, oder ein Atomkrieg vorstellen. Heimat ist ein geographisch- kulturelles Konstrukt, im ständigen Wandel begriffen. Ein Staat hingegen ist niemals Heimat, ein Staat ist lediglich ein politisches Umgebungskriterium, welches über die Kultur auf die Heimat rückkoppeln kann. Die DDR war mein Staat, aber nie meine Heimat.

    Die meisten Menschen meiner Heimat, denen ich noch manchmal begegne, können diesen Aspekt komplett ausblenden. Für die endet Heimat am Dorfrand. Die mit einem weiteren Horizont sind längst weggezogen.

    • Muttis Liebling sagt:

      Das Dorf liegt genau auf der ‚Icke- Appel- Grenze‘. Nördlich wird berlinert und südlich sächsisch gesprochen. Man erkennt die zur Heimat gehörenden ab dem ersten Satz. Deshalb kann man in erster Generation auch nicht einheimaten. Erst die Kinder von Zugezogenen werden als zugehörig akzeptiert.

  • Jane Bissig sagt:

    Schön!

  • tststs sagt:

    Meine Heimat ist keine hippe Stadt, auch kein Ort, der nur mehr in den Geschichtsbüchern zu finden ist.
    Es ist ein kleines, feines Quartier in einer 8000er-Hinterpfupfingen-halb-Dorf-halb-Agglo-Ortschaft…. Und wenn ich mich so umschaue:

    Same same but different…

    Natürlich hat sich vieles verändert, am allermeisten aber mein Blick!

  • kw sagt:

    Ein guter Text! Und eine Bemerkung an alle, deren „Heimat auch nicht mehr ist, was sie mal war“: Hier geht es um mehr als um „früher ist vorbei“.
    Das zentralschweizerische Dorf meiner Kindheit erkenne ich auch kaum mehr wieder, aber das Pankow (Ost-Berlin), in dem ich während meines Auslandstudienjahres 1990/91 ein Jahr gelebt habe, ist auf eine ganz andere Art und sehr viel radikaler „weg“. Zwar noch da, aber dennoch sehr, sehr verschwunden. Schrödingers Stadt sozusagen. Ich denke nicht, dass ich wirklich verstehen kann, was Sie empfinden, Herr Pickert – aber ich verstehe, dass es eine andere Qualität hat als allgemeine „Frühersehnsucht“.

    • tststs sagt:

      Was meinen Sie jetzt genau mit diesem „es geht um mehr“? Dass die Veränderung einfach drastischer war? Oder dass die Veränderung nicht nur oberflächlich, sondern auch in den Köpfen stattfand?

      Ich musste beim Lesen des Textes eben an Zürich denken… Das Zürich meiner Kindheit wich dem Zürich meiner Jugend, was dem modernen Zürich Platz machen musste (80er: Elend und Dreck; 90er: Liberalität at his best; 2000er: Zwingli is back). Auch meine Heimatgemeinde hat ihr Gesicht in dieser Zeit massiv verändert (wurde vom Dorf zur Agglo), aber eben nur das Gesicht, in Kopf und Herze blieb es irgendwie gleich. In der Stadt hingegen ging die Veränderung tiefer… also ist zumindest mein Eindruck…

      • Reincarnation of XY sagt:

        Es ist so: prinzipiell ist es eine allgemeine Erfahrung, die für alle gilt. Aber im Speziellen sind die Erfahrungen nicht vergleichbar. Der Zürcher kennt das alte Züri-Feeling, der Ostberliner kennt das alte Ostberlin-Feeling. Beide kennen die Veränderung. Aber sie ist eine andere. Das nostalgische Ostberlin-Feeling kann nur der verstehen, der eben selbst zu dieser Zeit dort aufgewachsen ist und er kann es nur mit diesen Leuten wirklich teilen. Alle anderen können nur zuhören. Sie kennen vielleicht ähnliche Gefühle, aber nicht genau diese.
        Das verbindet Menschen, die aus demselben Ort kommen.
        Unser Städtchen hatte zu meiner Jugendzeit eine Geschichte und ein Feeling, das nur die nachvollziehen können, die damals dabei waren.

    • misi sagt:

      kw, ich glaube, SIE verstehen uns hier am besten…

    • 13 sagt:

      Danke für die Worte, kw. Gerade auch die neueren Kommentare zeigen, dass es doch einige nicht verstanden haben. Es geht nicht um neue Blöcke oder Läden oder eine Autobahn. Aber wenn zwar das Haus noch steht, aber es sich nicht mehr im gleichen Land befindet in dem es mal war und dieses neue Land eigentlich eine neue Welt ist, ist das etwas anderes.

      • Muttis Liebling sagt:

        Wie kann ein Haus das Land wechseln? Es soll ja im Ausnahmefall mobile Häuser geben, aber das ist wohl eher selten.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Ein schöner Text.
    Und schöne Kommentare.
    Ich denke, es ist wichtig, dass wir lernen nostalgische Gefühle objektiv einzuordnen.
    Die Welt von früher ist vergangen und sie kehrt nie mehr zurück. Das war schon immer so. Und das ist auch gut so. Die Vergangenheit ist ein Teil von uns und deshalb wertvoll. Sie kann uns helfen zu verstehen, warum wir so sind, wie wir sind. Aber die einzig sinnvolle Perspektive im Leben ist es vorwärts zu schauen. Es ist komplett unnütz der Vergangenheit nachzutrauern oder sie zu glorifizieren.
    „So understand
    Don’t waste your time always searching for those wasted years,
    Face up, make your stand,
    And realize you’re living in the golden years.“ (Iron Maiden) um ein wahres Wort zu zitieren.
    Auch gut: Midnight in Paris von W.Allen

    • tststs sagt:

      Ist ein paar Jahre her, in einem Dok/Reporter von SRF über eine verunfallte Person (ich glaube, es war ein querschnittsgelähmter Sportler), sagte der Protagonist einmal einen Satz, den ich mir immer wieder ins Gedächnis rufe.
      „Mer söll vorwärts luege, dAuge sind schliesslich vorne am Chopf!“ (ungefährer Wortlaut)

      Word!

  • 13 sagt:

    Sehr schön geschriebener Text. Da kommt auch bei mir etwas Wehmut auf. Bei mir war es nicht die DDR, aber an die sozialistische und osteuropäische Plattenbausiedlung einer Grossstadt erinnere ich mich gut. Ich handhabe es inzwischen so, dass ich einfach nicht mehr hinfahre. Zwar immer wieder in das Land, nicht aber in die Stadt oder den Bezirk, wo ich aufwuchs. Die internationalen Werbetafeln, die deutschen Ladenketten, wo man mal nicht einmal ausländische Waren verkaufen durfte, geben einen komischen Beigeschmack und entsprechen einfach nicht meinen Erinnerungen. Und v.a. die Menschen, die das bekamen, was sie wollten, und doch so unglücklich scheinen. Wie meine Mutter mal sagte: „Wir hatten damals nicht mehr, wir wussten einfach nicht, dass wir wenig haben.“

  • Alpöhi sagt:

    Schöner Text.

    Aber wissen Sie, auch bei uns ist die Heimat nicht mehr das was sie einmal war: Die grünen Wiesen von einst sind überbaut mit gesichtslosen Wohnblöcken. Oder Einfamilienhauskolonien. Daneben dröhnt die Autobahn, die es damals auch noch nicht gab. Und die Eisenbahn, irgendwie ja auch ein Relikt aus der beschaulichen Zeit, als die Züge noch grün gestrichen waren, ist hinter einer Lärmschutzwand verschwunden. Wir spielten im Walt, kletterten auf Bäume. Und die, die keinen Wald nebenan hatten, spielten auf der Wiese um den Block herum oder auf Spielplätzen. Spielplätze sind heute nicht mehr aus Rasen und Schaukel, sondern aus Gummiplatten und TÜV-SÜD-geprüftem Klettergerüst.

    Alles grässlich oder was?

    Ich weiss nicht.
    Aber früher ™ war alles besser 😉

  • Hotel Papa sagt:

    Eins-zwei-drei, im Sauseschritt, läuft die Zeit, wir laufen mit.
    .
    Ich denke, wir alle haben solche Nostalgiegefühle, wenn wir an die Orte unserer Kindheit zurückgehen. Wir finden sie auch nicht mehr, auch wenn der Mutterstaat sich nicht aufgelöst hat.

  • Sören sagt:

    Danke Nils. Bin selber bis zehn (’71 bis ’81) in der DDR aufgewachsen; wir konnten unter kruden Umständen in die Schweiz flüchten. Ich erzähle meinen Kids über meine Vergangenheit, damit ich mich v. a. auch selbst daran erinnere. Vieles davon kommt ja meistens auch erst dann hoch, wenn mir meine Kids von ihren eigenen Erlebnissen berichten. Dinge, die ich so ganz anders erlebte. Bei uns wars bspw. der 4 km lange Schulweg durch den Wald – bei Wind und Wetter. Loslaufen morgens um 6. Schulbeginn um 7. Pioniergruss, Apell, Pausenmilch, Naturkunde im Schulgarten, Anstehen in der Essensküche oder 5-Pfennig Sauerkraut vom Fleischer, West-Fernsehen auf’m Schwarzweiss-TV mit Antenne… Meine Kids findens mega spannend – und ich freue mich noch heute über die riesige Joghurt-Auswahl im Konsum 😉

    • 13 sagt:

      Witzig, dass Sie das schreiben. Der Joghurt war genau das, was mich am meisten beeindruckte, als ich das erste Mal in einem Schweizer Supermarkt stand. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Diese Auswahl, unglaublich. Und dann noch solche mit Frucht-, ja sogar Schokoladengeschmack? Ich mochte sie nicht einmal besonders, aber schon nur das Gefühl, jeden Tag eine andere Sorte essen zu können, lies mich staunen.

  • misi sagt:

    Ein etwas wehmütiges Nicken meinerseits beim Lesen des Textes…
    Ich bin in Sachsen aufgewachsen, bis ich 13 war.
    Es gibt meine Heimat noch als „Kulisse“ – die Häuser, Strassen, Ortschaften, Wälder. Aber das Stück, was jetzt in diesen Kulissen gespielt wird, ist ein völlig anderes – es ist eine andere Gesellschaft, ein anderes politisches System, eine andere Denk- und Lebensweise der Menschen als zu meiner Kindheit.
    Heimat ist in diesem Fall nur noch in der Erinnerung existent.

    • Carolina sagt:

      Ich bin nicht in der DDR aufgewachsen, trotzdem ist meine Heimat (London) längst nicht mehr das, was es in meiner Kindheit und Jugend war. Heimatgefühl lebt zu einem grossen Teil in der Erinnerung, wird oft (n)ostalgisch verklärt und wir vergessen, dass für unsere Kinder das, was wir jetzt leben, Heimat sein wird, an das sie auch wieder Erinnerungen haben werden, die der Realität wohl nie standgehalten hätten. Wehmut erfüllt wohl (fast) jeden, der nach langen Jahren mal wieder die alte Heimat aufsucht oder verfolgt, was aus ihr geworden ist.

      Wenn unsere Grosseltern ‚vom Krieg‘ erzählten, war auch schon sehr viel Verklärung dabei, von den Gräueltaten, den schrecklichen Erlebnissen erfuhren wir erst, als wir erwachsen waren.

      • Martin Frey sagt:

        Die Wehmut gehört ein Stück weit zum Aelterwerden, genauso wie das Verklären der Zustände früherer Zeiten. Nur zu oft ist dies auch mit einer selektiven Wahrnehmung verbunden.
        Gewissen Dingen sollte man aber m. E. nicht allzu sehr nachtrauern, sondern unter dem Strich froh sein, dass sie vorbei sind. Auch wenn man seine eigenen, hochsubjektiven und emotionalen Erinnerungen hat und bewahren soll, die wichtig sind und als Teil unserer Identität auch nicht verleugnet werden sollen.
        Vieles aber, was die DDR eben auch ausmachte, kann man wohl darunter subsumieren. Auch wenn Kinder bis 10 Jahre einiges nicht mitbekommen haben mögen.

      • Ka sagt:

        @ carolina: „Wenn unsere Grosseltern ‚vom Krieg‘ erzählten, war auch schon sehr viel Verklärung dabei“ Meine Mutter hat fast nichts erzählt, die paar vagen Andeutungen waren Gräuel genug. Ihre Heimat bleibt deshalb für mich auf ein paar Matrosenlieder und gesüsste Salatsauce reduziert.

      • Carolina sagt:

        Das meinte ich, Ka. Unser polnischer Grossvater hat erst sehr spät über sein Schicksal gesprochen, vorher – sicher, um uns zu schonen bzw weil er verzweifelt versuchte, zu vergessen – hätten wir den Eindruck gehabt, es war alles gar nicht so schlimm, wenn unsere Grossmutter nicht an seiner Stelle Tacheles geredet hätte.

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