Ich bin ein Kind, holt mich hier raus!

Unbegleitetes Spielen im Freien ist wichtig: Ein Junge klettert in eine Röhre, auf die der Schatten seiner Schwester fällt. Foto: Frank O’Connor (Keystone)

Was wir nicht alles tun – für die Katze! Mein Nachbar hat vom dritten Stock zum nahe liegenden Baum eine Hängebrücke gebaut, damit seine Katze rein- und rauskann. Und beim Altersheim hat es über viele Stockwerke hinweg eine elegante, schmale Holzstiege, damit jeder Bewohner seine Katze ins Freie lassen kann.

Doch wie steht es mit unseren Kindern? Tatsache ist, dass in der Stadt Zürich alle Türen von Mehrfamilienhäusern tagsüber geschlossen sind und man sie nur mit einem Schlüssel oder Badge öffnen kann. Das zeigt eine Untersuchung, an der ich mitgewirkt habe. Das hat zur gravierenden Folge, dass selbst für das Spiel durchaus geeignete Wohnumfelder von den Kindern bis zum Alter von fünf Jahren nicht unbegleitet erreicht werden können. 12 Prozent von 926 Fünfjährigen können nicht ins Freie, weil die «Haustür zu schwer ist», 46,6 Prozent, weil die Tür nur mit dem Schlüssel geöffnet werden kann, 15,7 Prozent, weil die Klingel zu hoch angebracht ist.

Blinder Fleck der Architekten

Das ist ein Skandal. Sicherheit geht offenbar über alles. Auf dem Land ist die Situation übrigens nicht besser. Auch dort sind alle Türen geschlossen. Dabei weiss man heute, wie wichtig es bereits für kleine Kinder ist, unbegleitet im Freien mit anderen Kindern zu spielen, seine Umwelt ohne irgendwelche Indoktrinationen kennen zu lernen und das Gelernte zu verarbeiten.

Hereinspaziert! Katzenleiter eines Altersheims. Foto: Marco Hüttenmoser

Erziehungswissenschaftler, Neurologen und Psychologen sind sich über die grosse Bedeutung des eigenständigen Spiels im Freien einig. Nur die Herren und Frauen Architekten haben nichts gelernt. In Zürich gibt es eine Reihe sogenannter Pioniersiedlungen, die besonders familien- und kinderfreundlich sein sollen. Sie verfügen meist über eigene Kitas, Kindergärten und Räume für die Nachbetreuung der Kinder. Sie sind ganz auf eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und Förderung der Kinder ausgerichtet und natürlich eine Entlastung der jungen Eltern.

Leere Spielplätze in der Stadt

Kaum ein Architekt oder eine Architektin aber hat daran gedacht, dass die Kinder schon früh auch unbegleitet im Freien spielen sollten. Das können sie nicht, wenn es für sie unmöglich ist, selbstständig rein- und rauszukönnen. So ist auch der schönste Spielplatz einer Siedlung leer, denn die Kinder bleiben nachweislich vor dem Fernseher sitzen.

Bei der Triemliburg etwa – auch dies eine hochgelobte Pioniersiedlung – wäre der grosszügige Innenhof für das Kinderspiel durchaus geeignet. Doch die Türen dahin sind 500 Kilo schwer und nur mit einem Schlüssel zu öffnen. Selbst Erwachsene haben Mühe diese Stahltüren zu öffnen und ins Freie zu gelangen.

Die Türen sind zu schwer

Nur die Jugendlichen haben es begriffen: Sie legen Steine hinter die schweren Türen, damit sich diese nicht wieder schliessen. Mit der Folge, dass sich die Stahltüren bei Sonnenschein verbiegen und ständig wieder gerichtet werden müssen. Die Antwort auf eine Anfrage beim Hersteller der Türen war: Diese müssten aus Gründen der Isolation so schwer sein.

Tatsächlich? Bis heute war ich immer der Meinung, dass Türen zum Öffnen da seien. Oder nicht?