Von wegen easy Kaiserschnitt

Auf jede Geburt darf man stolz sein: Mutter mit Neugeborenem. Foto: Paulo Cunha (Keystone)

Auf jede Geburt darf man stolz sein: Mutter mit Neugeborenem. Foto: Paulo Cunha (Keystone)

Ich gehöre zu dem einen Drittel der Frauen in der Schweiz, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt gebracht haben. Ich gehöre ebenfalls zu den drei Dritteln der Frauen, die das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Ich erkläre, auch oft ungefragt, dass mein Sohn und ich vor hundert Jahren oder in einem Drittweltland nicht mehr am Leben wären. Weil irgendwann die Geburt still gestanden und es irgendwann auch unsere Herzen getan hätten. Obwohl das ja eigentlich gar niemanden etwas angeht. Und ich mittlerweile so viele Geschichten kenne, die meiner eigenen ähneln.

Muss ich mich als weniger gute Mutter fühlen, weil ich die Schmerzen der letzten Presswehen nie erlebt habe (und nie erleben werde)? Habe ich den «easy way out» gewählt, eine Ansicht, die sich immer noch hartnäckig hält? Als würde man bei einem Kaiserschnitt ins Spital hüpfen, sich kurz wie fürs Augenbrauenzupfen auf den Schragen legen und dann eine halbe Stunde später mit immer noch perfektem Make-up das erste Selfie mit dem Neugeborenen auf Instagram posten?

So läuft das nämlich nicht. Wer sich verächtlich mit hochgezogenen Augenbrauen über die «Goldküstenmuttis» lustig macht, wer herablassend über die vermeintliche Motivation der Gebärenden ätzt, die ihr Baby operativ zur Welt bringen, hat selbst nie einen Kaiserschnitt und die Tage danach erlebt.

Es ist eine Operation, kein Besuch bei der Kosmetikerin

Spätestens im Operationssaal verabschiedet man sich von den euphorischen Gefühlen und dem warm-flauschigen «Nesting», mit dem man sich in den Wochen vor der Entbindung auf den neuen Menschen gefreut hat. Jetzt ist es unheimlich und kalt. Im wahrsten Sinne des Wortes, weil der Anästhesist mit einem eiskalten Metallstab über den unteren Bauchbereich fährt und testet, ob die Peridural- oder Spinalanästhesie gewirkt hat. Der Puls geht schnell, der Partner ist noch nicht da, weil er im Nebenzimmer die sterile Kleidung erhält.

Die Schmerzen danach sind gering, dank der Periduralanästhesie. Es ist ein vehementes Ziehen, ein ruppiges Ruckeln, man ist froh, nicht mitzukriegen, was in der unteren Körperhälfte passiert. Auch vorstellen mag man es sich nicht. Stattdessen denkt man intensiv an das, was jetzt hoffentlich gleich da ist: das Baby. Mit ihm kommt – in den meisten Fällen – auch die Euphorie zurück, die Freude, und man vergisst, dass der Gynäkologe in jenem Moment die eigene Bauchdecke zutackert, die er zuvor tief und durch alle Schichten aufgeschnitten hat.

Spätestens ein paar Stunden später aber erinnert ein stechender Schmerz daran. Zusätzlich zu den Nachwehen meldet sich auch die frische Narbe. Den Schmerzen ist nur mit starken Medis beizukommen. Husten, lachen und pinkeln stehen ausser Frage. Frau hängt an Infusion und Katheter.

Schmerzfrei? Auch eine solche Geburt hinterlässt Narben

Während die Mütter, die natürlich geboren haben, mit ihren Babys ins Wickelzimmer spazieren, humpelt man selbst am zweiten Tag (und auch noch am vierten) gekrümmt wie ein Gipfeli durch den Gang. Das Baby selbst zu tragen, ist kein Thema. Und auch den Erstgeborenen richtig zu umarmen, musste ich beispielsweise nach der Geburt meiner Tochter meinem Partner überlassen. Der Damm bleibt vielleicht unversehrt, aber auch der Kaiserschnitt hinterlässt mehr als eine Narbe. Das Märchen der sanften Geburt – es gilt auch für die Sectio.

Ein Kind zur Welt zu bringen, ist eine blutige und anstrengende Leistung, in jedem Fall. Eine Frau, die einen Kaiserschnitt wählt oder sich für ihn entscheiden muss, macht die Geburt nicht lächerlich, wie eine Psychologin einst hier im Mamablog behauptete. Sie ist nicht feige. Nicht bequem. Nicht minderwertig. Sie ist eine Mutter und hat eine Geburt geschafft. Und sollte darauf stolz sein dürfen.

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