Wie man Schwangere verunsichert

Bald ist es soweit. Bleibt nur zu hoffen, diese beiden Schwangeren lesen bestimmte altbackenen Infos nicht ... Foto: Michelle Tribe (Flickr)

Bald ist es soweit. Bleibt nur zu hoffen, diese beiden Schwangeren lesen bestimmte altbackene Infos nicht … Foto: Michelle Tribe (Flickr)

Ich war kürzlich bei meiner Gynäkologin. Da mein Handy-Akku schwächelte, versuchte ich mich im Wartezimmer mit leichter Lektüre von der bevorstehenden Erklimmung des Gynäkologenstuhls abzulenken. Eine schwangere Frau neben mir las die «Schweizer Illustrierte», ihr Mann blätterte fasziniert in einem Bildband über die Entwicklung des Kindes im Mutterleib. Für mich blieb noch die «Tierwelt» – und ein Magazin namens «Eltern – Ratgeber Schweiz». Ich griff beherzt zu Letzterem, gespannt darauf, was «frischgebackene Eltern» wissen müssen.

Antworten, die die Welt nicht braucht

Was ich zu lesen bekam, war fürchterlich altbacken. Das Magazin aus dem Verlagshaus Gruner + Jahr wusste zum Beispiel folgende Antwort auf die Frage, warum Mutter und Vater nach der Geburt des Kindes ständig streiten: «Die Frau sieht ihr Leben plötzlich auf Heim, Herd und Kind beschränkt, während der Mann die finanzielle Verantwortung für drei Personen übernehmen muss.»

Die Tipps für werdende Mütter im Magazin «Eltern – Ratgeber Schweiz» von 2016/2017 haben es in sich.

Die Tipps für werdende Mütter im Magazin «Eltern – Ratgeber Schweiz» von 2016/2017 haben es in sich.

Wie bitte? Gibt es etwa keine Frauen, die nach dem Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten gehen? Keine Männer, die sich den Kochschurz umbinden oder das Baby baden? Paare, die Erwerbsarbeit, Haushalt und Kinderbetreuung teilen? Tja, das denkt man vielleicht, solange man noch kein Baby hat. Aber «Eltern» weiss: «Natürlich wäre es illusionär, zu glauben, man könne sich die Arbeit im und ausser Haus hundert Prozent partnerschaftlich aufteilen.» Dies deshalb, weil es zu wenig gut bezahlte Teilzeitstellen gäbe und das Angebot für familienexterne Kinderbetreuung unbefriedigend sei. «So ist es kaum vermeidbar, dass es wieder zur traditionellen Rollenaufteilung (…) kommt». Aha, so ist das also! Das würde mich jetzt als werdende Erstmutter ziemlich beunruhigen, aber zum Glück tröstet das Magazin: «Mit der Zeit finden sich aber die meisten in ihrer neuen Rolle zurecht.»

Frage 2 führt vom «ständigen Streit» zwischen Eltern zur «kaum vermeidbaren» traditionellen Rollenaufteilung.

Frage 2 führt vom «ständigen Streit» zur «kaum vermeidbaren» traditionellen Rollenaufteilung.

Ich schaue mitleidig die schwangere Frau neben mir an, die in wenigen Wochen zum Heimchen am Herd mit Kind am Rockzipfel mutieren würde. Sie wird sich sicher fragen, ob ihr dann der Kontakt zu den Berufskollegen nicht fehlen wird. Zum Glück war das grad die Frage Nummer 4. Und die «Eltern»-Redaktion war auch hier nicht um eine Antwort verlegen: Nein, die Berufskollegen werde man nicht vermissen. Denn: «Gerade als Hausfrau und Mutter haben Sie im Laufe des Tages jede Menge Begegnungen mit Mitmenschen, mit denen Sie sich mehr oder weniger intensiv austauschen können.»

Willkommen in den 60er-Jahren

Ach du meine Güte! Ich schloss das Heft und schnaubte wütend. Wenn auf der Titelseite nicht stehen würde, dass es sich um den Ratgeber 2016/2017 handelt: Ich hätte wetten können, dass ich ein Heft aus den Sechzigern in der Hand hielt. Dann fragte die Schwangere neben mir, ob ich mit ihr tauschen möchte, und streckte mir die «Schweizer Illustrierte» entgegen. Die Details zur Brangelina-Trennung interessierten mich zwar sehr, aber ich konnte dieser armen Frau das «Eltern»-Heft nicht zumuten. Im schlimmsten Fall würde sie sich so aufregen, dass sie vorzeitige Wehen bekommen würde.

Und der Kontakt zu den Berufskollegen wird offenbar überbewertet, wie die Antwort auf Frage 4 klarstellt.

Der Kontakt zu den Berufskollegen wird offenbar überbewertet, wie die Antwort auf Frage 4 klarstellt.

Also schüttelte ich den Kopf und las weiter: «Frauen sind in der Regel ausgesprochen soziale Wesen, und so ist es für die meisten ganz selbstverständlich, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu pflegen.» Und mit wem hängen denn junge Mütter rum? «Mit anderen jungen Müttern, mit den Nachbarinnen oder mit der Leiterin der Krabbelgruppe.»

Und wer dann immer noch seine beruflichen Kontakte vermisst, der kann sich ja so richtig ins Zeug legen und für den Partner gleich «den erwachsenen Freundeskreis pflegen mit Einladungen, Karten zu wichtigen Ereignissen, Weihnachtsgrüssen und Telefonaten.» Genau. Und wenn der Mann nach Hause kommt, stellt man ihm die Pantoffeln vors Sofa, bringt ein kühles Bier und fragt, wie er sein Steak gerne hätte.

Ein Ratgeber zum Mit- und Wegnehmen

Gemäss Verlag ist das Heft die «Nr. 1 in der Schweiz bei werdenden Eltern». Es enthalte «alles, was zukünftige Eltern wissen wollen – seit mehr als 30 Jahren!». Vielleicht liegt genau dort das Problem: In diesem Ratgeber steht womöglich seit 30 Jahren dasselbe.

Wenn Sie also ein Exemplar bei Ihrer Frauenärztin finden, nehmen Sie es unbedingt mit nach Hause, damit es keine anderen Schwangeren in die Finger bekommen. Stopfen Sie mit diesem sogenannten Ratgeber Ihre nassen Schuhe aus. Oder benutzen Sie die Seiten als Unterlage im Meerschweinchenkäfig. Oder werfen Sie das Heft am besten direkt ins Altpapier. Ein paar Monate später werden Sie sich vielleicht kopfschüttelnd daran erinnern, wenn sie sich mit Recycling-WC-Papier den mütterlichen Hintern wischen.